Lucia Werder: „Die Bibliothek als Ort der Begegnung“

„Pssst… Ab hier ganz leise bitte, wir sind in der Bibliothek!“ Nein, diesen Spruch müssen sich Besucher*innen der Stadtbibliothek Bremen zum Glück schon länger nicht mehr anhören. Stattdessen wird in den acht Zweigstellen wild diskutiert, fröhlich gespielt, gelernt, gelesen und gelebt. Lucia Werder ist seit Kurzem die Direktorin der Stadtbibliothek Bremen. Warum der Austausch hier so wichtig ist, wie ein diverseres Publikum mit einbezogen werden kann und welche Herausforderungen sie sieht, hat sie Annika Depping im Interview verraten.

Lucia Werder sitzt auf einem Sessel vor einem Bücherregal.
© Stadtbibliothek Bremen

Liebe Lucia, du hast im Oktober die Direktion der Stadtbibliothek Bremen übernommen. Auf welche Aufgaben freust du dich im neuen Amt?

Ich freue mich darauf, gemeinsam mit unserem gesamten Team der Stadtbibliothek Bremen, unseren Stakeholdern aus Politik sowie mit vielseitigen Kooperationspartner:innen und unseren Kund:innen die Zukunft der Stadtbibliothek Bremen zu gestalten. Hierbei kann ich als Direktorin Brücken bauen, Spielräume eröffnen, Menschen miteinander ins Gespräch bringen und die vielseitigen Angebote und Möglichkeiten, die die Stadtbibliothek schon heute eröffnet, noch sichtbarer machen und weiter ausbauen.

 Welche Herausforderungen kommen auf die Bibliothek zu?

Viele der Herausforderungen, die auf unsere Bibliothek zukommen, betreffen ganz viele Menschen in unserer Stadt und darüber hinaus, wie beispielsweise Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, gesellschaftliche Veränderungen und soziale Spaltung, die auch verbunden sind mit weiter steigendem Sprachförderbedarf und sinkender Lesekompetenz, und dazu kommen noch Themen wie Klimawandel, Kriege und Krisen. Diese Herausforderungen haben auf vielen Ebenen auch Auswirkungen auf uns als Stadtbibliothek. Zum Beispiel betreffen die zunehmenden finanziellen Herausforderungen den kommunalen Haushalt und damit auch uns als städtische Einrichtung.

Das Gute ist jedoch, dass wir als Stadtbibliothek viele Lösungsmöglichkeiten für diese Herausforderungen anbieten können, beispielsweise mit unseren Räumen, die Begegnungen zwischen Menschen ermöglichen und damit den sozialen Zusammenhalt stärken können, unserem Medienangebot, das freien Zugang zu Information und damit auch eine Erhöhung der Chancengerechtigkeit ermöglicht oder mit unseren vielseitigen Formaten zur Leseförderung sowie zur Förderung von Medienkompetenz.

Was macht für dich die Stadtbibliothek Bremen so besonders? 

Alle Menschen, die für und in der Stadtbibliothek Bremen arbeiten und mit ihrer ausgeprägten Kundenorientierung, ihrer Kreativität, hoher Verantwortungsbereitschaft sowie Leidenschaft eine starke Verankerung und Vernetzung in der Stadtgesellschaft ermöglichen. Und alle unsere Kooperationspartner:innen und Kund:innen, die unsere Bibliotheken zu vielseitigen und lebendigen Orten machen.

In den letzten Jahren hat sich die Bibliothek zu einem Ort der Begegnung verändert – schon lange muss man nicht mehr mucksmäuschenstill sein und kann nur Bücher ausleihen. Was glaubst du, wie wird sich die Bibliothek weiterentwickeln?

Die Bibliothek als Ort der Begegnung und des Austauschs wird noch wichtiger werden, gerade mit Blick auf die digitalen Blasen, in denen wir uns bewegen und die zunehmend hermetischer werden. Bei uns kommen Menschen aus unterschiedlichen Lebenslagen an einem Ort zusammen und im besten Fall miteinander ins Gespräch. Hier können wir mit unseren Bibliotheken künftig auch offensiv Räume für Diskurse und Debatten eröffnen, um unsere Demokratie zu stärken. Durch Einbeziehung von Kund:innen, beispielsweise bei der Gestaltung von Räumen und Angeboten, können wir mehr Identifikation unserer Kund:innen mit ihrer Bibliothek ermöglichen, verschiedene Perspektiven unmittelbar einbeziehen und noch mehr Freiräume für die individuelle Aneignung von Bibliotheksräumen eröffnen. 

Außenansicht von oben von der Zentralbibliothek Bremen
© Viktor Ströver

„Die Bibliothek als Ort der Begegnung und des Austauschs wird noch wichtiger werden, gerade mit Blick auf die digitalen Blasen, in denen wir uns bewegen und die zunehmend hermetischer werden.“


Im Januar findet die Literarische Woche Bremen statt, die von der Stadtbibliothek für die Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung geleitet wird. Worauf freust du dich im Programm besonders?

Das ist eine ganz schwierige Frage, da ich mich auf bewährte Veranstaltungen rund um den Bremer Literaturpreis, auf tolle Lesungen mit großartigen Autor:innen und auch auf ganz neue Workshopformate freue. Alle Kooperationspartner:innen der Literarischen Woche mit ihren Schwerpunkten machen die Literarische Woche jedes Jahr zu einem ganz besonderen literarischen Highlight in Bremen, weshalb ich mich auch auf so viele Veranstaltungen freue und ich mich bei gleichzeitig stattfindenden Veranstaltungen am liebsten zweiteilen würde.

In diesem Jahr wird es in der Literarischen Woche erstmals Workshops geben. In die Zukunft geblickt: Wie müssen literarische Veranstaltungen sich der heutigen Zeit weiter anpassen, um – wie die Bibliotheken – ein jüngeres und diverseres Publikum anzusprechen?

Aus meiner Sicht sind hier verschiedene Aspekte wichtig: 

  • Beteiligung eines jüngeren und diverseren Publikums bei der Auswahl der Themen und der Gestaltung der Formate
  • die Möglichkeiten sich aktiv einzubringen, die über eine Fragerunde am Ende einer Lesung hinausgehen sollte
  • überraschende Locations für literarische Veranstaltungen, neben den bewährten Orten
  • Experimentierfreude und Offenheit von Veranstalter:innen, auch bei Fehlschlägen nicht den Mut zu verlieren

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