TRUST: Punk-Fanzine made in Bremen

Der Punk lebt - oder etwa nicht? Im Punk Fanzine Trust lebt der Punk auf jeden Fall noch. Mit viel Herzblut wird hier über Musik und Fan-Kultur, Gesellschaft und Zivilisation berichtet. Welche Zukunft haben gedruckte Magazine, warum fasziniert uns Musik  und was hat Punk mit Philosophie zu tun? Unser Praktikant Clemens Benesch hat darüber mit Herausgeber und Autor Dolf Hermannstädter gesprochen.

Porträt von Dolf Hermannstädter
© privat

Musik fasziniert viele Menschen und auch das Kernthema von TRUST ist Musik. Warum ist das so? Was macht für dich die Faszination Musik aus?

Weil Musik sehr leicht die Emotionen der Menschen erreicht, deshalb ist sie so faszinierend für die Menschen. Unterschiedlichste Musiken können bei verschiedenen Menschen ganz andere Emotionen auslösen. Oder eben auch bei vielen genau die gleichen. Das ist das Faszinierende daran. Für mich waren Inhalte schon immer wichtiger als Musik. Am liebsten ist es mir natürlich, wenn gute Inhalte von toller Musik getragen werden.

Im TRUST geht es jedoch nicht nur um Musik. Es gibt zum Beispiel auch Buchrezensionen. Um welche Themen geht es noch und warum ist dir das wichtig?

Neben den Buchrezensionen gibt es auch Artikel zu soziopolitischen Themen. Bei den Büchern sind es manchmal Musikbücher und oft Bücher aus den Bereichen Philosophie, Gesellschaftskritik, Gesundheit, Politik, Wissenschaft, Religionskritik, Ernährung, Tierrechte, Vegetarismus… um mal ein paar zu nennen. Mir ist das wichtig, weil europäischer Hardcore-Punk schon seit über drei Jahrzehnten viele der Dinge, die heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind (Umweltschutz, Diversität, Vegetarismus, Säkularismus, Kapitalismuskritik, usw.), denkt und lebt. Aber es kann ja nicht schaden, das Ganze auch mal aus dem akademischen Blickwinkel zu betrachten. Außerdem finde ich es wichtig, Bücher zu lesen. Denn es gibt immer wieder neue Erkenntnisse und es ist wichtig, erkenntnissoffen zu bleiben. Und man muss sich nur diese sogenannte „Zivilisation“ ansehen, dann weiß man, warum das wichtig ist.

Du machst das schon seit 1986. Wie hat das damals angefangen, was hält dich so lange an diesem Projekt und was sind deine Wünsche an die Zukunft?

Damals haben uns Ami-Punk Fanzines wie RIPPER, FLIPSIDE und speziell MAXIMUM ROCK´n`ROLL total begeistert. Die haben im Eigenverlag über Punk, Hardcore, Politik, Underground etc. fern von Anzeigendruck und journalistischer Ausbildung berichtet. 1986 haben dann aus einer Notwendigkeit heraus (es gab keine anderen Hefte, die über „unsere“ Musik und Szene regelmäßig berichteten) und aus reiner Freude an Subkultur, Musik und geistig-revolutionärem Bewusstsein eine Gruppe von Menschen das TRUST gegründet und ich bin auch heute noch dabei. Es macht mir immer noch Spaß zu publizieren und in Teilen auch noch zu schreiben – und natürlich ist es nach der langen Zeit Teil meiner Identität geworden.

Für die nahe Zukunft wünsche ich mir, dass es so weitergeht wie bisher, mit dem TRUST, wir weiterhin spannenden und vor allem kopplungsfreien Journalismus bieten können, also eine Trennung von redaktionellem Text und Anzeigen. Von Menschen, die nicht schreiben, weil sie dafür Geld bekommen, sondern weil sie das wirklich wollen. Dass sich die finanzielle Lage verbessert und richtig stabil wird. Dass wir die Pandemie überleben und für die ferne Zukunft irgendwann, dass es ein gutes Ende für das TRUST gibt.

Wer sollte TRUST lesen?

Alle Menschen, die sich für gute Musik abseits des Mainstreams interessieren und auch Menschen, die eine wirkliche Veränderung der Verhältnisse wollen und hierfür gute Gedankentipps in Form von Kolumnen, Rezensionen und Texten suchen, die auch meist unterhaltend sind.

Zu guter Letzt: Welche Frage hättest du gerne noch gestellt bekommen?

Gibt es eine Zukunft für gedruckte Magazine und Bücher?

Ja, denn zum einen, weil der Mensch nicht dafür gemacht ist, ALLES über Bildschirme aufzunehmen und zu erledigen. Sondern es ist wichtig, dass ein Buch oder ein Heft auch in die Hand genommen oder weggelegt werden kann und genauso wichtig ist, dass gedruckte Medien einen Anfang und ein Ende haben, wohingegen das Internet endlos ist – auch dafür hat die Evolution das menschliche Hirn nicht geschaffen, geschweige denn darauf vorbereitet.

 

Dolf Hermannstädter

ist seit Juli 1986 Herausgeber und Autor des zweimonatlich erscheinenden Hardcore-Punk-Magazins Trust. 2008 erschien sein erstes Buch Got me? Hardcore-Punk als Lebensentwurf bei Mox & Maritz. Unter dem Titel Warum dauert es so lange, bis es besser wird? Hardcore, Punk, Evolution (Ventil Verlag 2020) sind seine gesammelte Kolumnen von 2007 bis 2020 erschienen. Dolf Hermannstädter ist 1965 in Augsburg geboren und lebt seit 1998 in Bremen.

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