Bremen liest Heidelberg – Stella Dreis & Samuel Hamen

Auf einem Buchrücken steht "Bremen - Heidelberg"
© Rike Oehlerking

Im Herbst lernen sich vier Autor*innen und Illustrator*innen der deutschen UNESCO Cities of Literature – Heidelberg und Bremen – kennen und reden miteinander in Veranstaltungen über ihre Werke, ihr Schreiben und ihre Städte. Am 12. September waren Stella Dreis (virtuell zugeschaltet) und Samuel Hamen zu Gast in Bremen. Am 24. Oktober findet der Gegenbesuch der Bremer*innen Donka Dimova und Jeff Hemmer in Heidelberg statt. Um Revue passieren zu lassen, schreiben die vier über ihre Besuche in der anderen Stadt.

Über die Veranstaltung in Bremen

von Stella Dreis

Der Comic zeigt eine Person, die interviewt wird.
© Stella Dreis

Eine Person sitzt auf einer Bühne.
© M. Dreblow
Zwei Personen unterhalten sich auf einer Bühne.
© M. Dreblow
Personen stöbern in Büchern.
© M. Dreblow
Eine Person spricht in einer Videokonferenz mit einer anderen.
© M. Dreblow
Eine Person liest aus einem Buch vor.
© M. Dreblow

Der Himmel in Bremen

von Samuel Hamen

 

Ich hatte nicht vor, in Bremen in den Himmel zu kommen, aber das Treppenhaus im Radisson Blu ließ mir keine Wahl. Es schraubt sich mit Glas und Beton nach oben, so beharrlich und selbstverständlich, dass man ihm folgt wie einem Gerücht, Stufe um Stufe, bis man im historischen Himmelssaal steht, unter einer Decke aus blauen und weißen Glasbausteinen. Erst dort begriff ich, dass ich unerlaubterweise hier war und nur zufällig an den wachhabenden Hotelmitarbeitern vorbeigeschlichen war. Ich legte mich hin. Ein Erwachsener, der auf dem Boden eines Festsaals liegt, ist ohnmächtig oder sich seiner Sache sehr sicher; ich hoffte auf das Zweite und startete den Infopodcast des Hotels, der über die Geschichte des Himmelssaals informiert. Eine Stimme erzählte von Hoetger und Atlantis, gutmütig und etwas zu quicklebendig, als lese jemand Managern eine Gutenachtgeschichte vor, und am Ende des Podcasts lief – ich traute meinen Ohren nicht –  Stairway to Heaven an. Irgendwann dämmerte ich weg. Geweckt wurde ich von der Frage, ob alles gut sei. Ich sagte Ja, und es stimmte sogar.

Später stand ich im Museum vor Paula Modersohn-Beckers Gemälde Brustbild eines Mädchens in der Sonne vor weiter Landschaft, gemalt 1897, und es erging mir ähnlich wie im Himmelssaal, nur ohne Treppe, Dämmerschlaf und Led Zeppelin. Erst sah ich das Mädchen, dann die Sonne auf ihr, dann die Weite hinter ihr, schließlich eine ganze Weile sonst nichts mehr, keine Besucher, keine Aufsicht, kein Schild, nur dieses Licht, das sich über eine Landschaft legte, die ich nicht verstehen würde, weil mir ihr Glanz fehlte. Jederzeit, schien mir, konnte sich darin etwas verschieben, die Sonne ein wenig sinken, das Mädchen ein wenig älter werden und ich mit ihr: mehr als hundert Jahre an einem einzigen Nachmittag.

In der Nacht träumte ich, ich stiege die Treppe noch einmal hinauf, Windung um Windung, und oben wäre kein Saal, sondern eine Landschaft in der Sonne, und ein Mensch, der glänzt und der taumelt, nähme mir die Kopfhörer ab und hörte sich selbst.

Das Foto zeigt das Gesicht einer Person.
© Susanna Wengeler

Stella Dreis

wurde in Plovdiv (Bulgarien) geboren. 1995 zog sie nach Deutschland und arbeitet heute als freischaffende Künstlerin und Illustratorin in Heidelberg. Ihr erstes Bilderbuch erschien 2008 bei Clavis in Hasselt, Belgien. Seitdem werden ihre Bilderbücher bei zahlreichen nationalen und internationalen Verlagen publiziert. Stella Dreis beschreibt ihre Faszination für Menschen und die Zusammenarbeit mit ihnen als eine ihrer großen Leidenschaften. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet: Unter anderem erhielt sie den Deutschen Kinderbuchpreis für die beste Illustration 2023, den Hasselt-Publikationspreis, den Troisdorfer Bilderbuchpreis und die Goldene Plakette der Biennale der Illustration in Bratislava. Kürzlich wurde sie für den Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis (ALMA) 2026 nominiert. Ihre Gemälde werden international ausgestellt. 

Samuel Hamen

geboren in Luxemburg, lebt und arbeitet als freier Autor in Heidelberg sowie in Diekirch, Luxemburg. Er wurde vielfach für sein Schaffen ausgezeichnet, u. a. mit Stipendien der Roger-Willemsen-Stiftung sowie der Kunststiftung Baden-Württemberg. Er schreibt auf Luxemburgisch und Deutsch, für seinen Roman Wie die Fliegen (Diaphanes Verlag, 2023) wurde ihm in Luxemburg der renommierte Prix Servais zugesprochen. Als Literaturkritiker ist er u. a. für den Deutschlandfunk, ZEIT Online und die Berlin Review tätig. 2022 erschien sein Buch Quallen im Verlag Matthes & Seitz Berlin. 

Eine Person spricht in ein Mikrofon.
© M. Dreblow

Bremen liest Heidelberg fand am 12. September im Kukoon Bremen statt. Stella Dreis traf auf Jeff Hemmer und Samuel Hamen auf Donka Dimova. 

Eine Kooperationsveranstaltung der UNESCO Cities of Literature Bremen und Heidelberg in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Bremen, dem Literaturherbst Heidelberg und dem Kukoon.
Mit freundlicher Unterstützung durch den Senator für Kultur. 

Plakat der Veranstaltung "Bremen liest Heidelberg 2026" mit Donka Dimova, Jeff Hemmer, Stella Dreis und Samuel Hamen

Weiterlesen:

Bremen liest Heidelberg - Teil 2

Im September haben Autor*innen aus den deutschen Cities of Literature einander bei gemeinsamen Veranstaltungen "beschnuppert". Im Magazin haben sich Ralph Dutli und Anke Bär zwei Wahrzeichen aus Heidelberg und Bremen vorgeknöpft.

Bremen liest Heidelberg - Teil 3

Im September haben Autor*innen aus den deutschen Cities of Literature einander bei gemeinsamen Veranstaltungen "beschnuppert". Im Magazin erzählt Claudia Kiefer lyrisch von Baumwollfäden, während Jutta Reichelt die Idee einer Verfolgungsjagd durch die Heidelberger Innenstadt fallengelassen hat angesichts der Weltlage.