Lesezeichen: Livia Hott

Bild einer orangenen Krabbe unter Wasser
© Rike Oehlerking

Im Bermuda-Dreieck
Von Livia Hott

Sind die tot, fragte meine Mitbewohnerin, und nahm ein Glas mit Larven aus einer der Kisten, die sich im Flur stapelten.
Eingelegt in hochprozentigem Alkohol, klebten die papierdünnen, durchsichtigen Körper wie feuchtes Laub zusammen und bildeten große Klumpen, die träge durch das Einmachglas drifteten, das sie gerade misstrauisch schüttelte.
Ja, antwortete ich, die sind schon lange tot.
Solche Tiere habe ich noch nie gesehen, sagte sie und drehte das Glas hin- und her.
Es sind nur Larven. Von Langusten, erwiderte ich, Phyllosoma nennt man dieses Larvenstadium. Das heißt Blattkörper. Die erwachsenen Tiere sehen ganz anders aus.
Okay, sagte sie ungläubig und stellte das Glas zurück. Dann half sie mir, die Kisten in mein Zimmer zu schleppen.


Im Laufe der nächsten Tage und Wochen pflückte ich die Larven aus den Gläsern, fotografierte und vermaß sie, und versuchte, sie mit einem selbstgemachten Bestimmungsschlüssel nach Spezies zu sortieren. Unverändert existierten sie über die Zeit hinweg, mein Zimmer und der Alkohol eine Zeitkapsel. Immer wieder googelte ich die erwachsenen Langusten, die sie einmal hätten werden können und dachte darüber nach, wie irritierend es sein muss, wenn der eigene Körper einer solchen Verwandlung unterworfen wird. Und das ohne Vorwarnung. 

Hauchdünn und mit dem Plankton durch das Bermuda-Dreieck treibend, wissen die Larven nicht, dass ihre Körper bald aus den filigranen Panzern herauswachsen werden, dass ihre Augen sich bereits verändern, um Farben differenzierter wahrnehmen zu können und auch ihre Nachtsicht sich verbessern wird. Es gibt keine Erfahrungen, die sie austauschen können, keine Geschichten und Mythen, die sie sich erzählen, denn sie existieren außerhalb der Sprache. Alles, was ihnen passiert, könnte genauso gut zum ersten Mal passieren.


Allerdings ist das auch eine speziesübergreifende Erfahrung von Pubertät. Für das, was während meiner eigenen Pubertät im Bermudadreieck meines Körpers vor sich ging, hatte ich auch keine Sprache, obwohl man seit der vierten Klasse einmal pro Jahr im Sexualkundeunterricht versucht hatte, mich vorzubereiten.

Ich erkannte den Koffer, der ein halbes Jahr später plötzlich vor meiner Haustür stand, zunächst nicht wieder. Vier Monate vor meiner ersten Expedition auf hoher See, war er auf ein Forschungsschiff geladen worden, mit Kurs auf Bermuda. Ich selbst wäre im Flugzeug nachgekommen. Vier Tage vor dieser Abreise wurde der Lockdown ausgerufen. Bis heute bin ich nie auf hoher See gewesen. Stattdessen wurden mir die Larven zugeschickt, und etwas Laborequipment, das ich in dem Zimmer aufbaute, in dem ich auch schlief. 

Im Inneren des Koffers fand ich das ein oder andere Kleidungsstück, das ich bereits vergessen hatte. Unter anderem auch meinen alten Lieblingspullover. Er hatte sehr viel mehr Löcher als in meiner Erinnerung, und die Nähte knackten angestrengt, als ich ihn mir über den Kopf zog. Ich zögerte kurz, dachte daran, wie wohl ich mich einmal in dem ausgewaschenen Stoff gefühlt hatte. Dann knüllte ich ihn zusammen und stopfte ihn in eine Tüte aussortierter Kleidung. 


Livia Hott
© privat

Livia Hott

wurde 1991 in Saarbrücken geboren und lebt jetzt in Bremen. 2015 erlangte sie einen B.A. in Kreativem Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim und war währenddessen von 2014 bis 2015 Herausgeberin der Literaturzeitschrift BELLAtriste. Anschließend verbrachte sie zwei Jahre in Brighton, Großbritannien, und studierte im Anschluss ein Semester Physik an der Universität Leipzig.
2020 schloss sie einen B.Sc. in Biologie an der Universität Bremen ab, bevor sie 2021 einen sechsmonatigen Forschungsaufenthalt an der King Abdullah University of Science and Technology in Thuwal, Saudi-Arabien, absolvierte. 2025 schloss sie ihr Studium mit dem M.Sc. in Meeresbiologie ab. Sie wurde 2025 für ihr Romanprojekt Die Strömenden mit dem Nachwuchsstipendium des Bremer Autor*innenstipendiums ausgezeichnet.

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