Immer wieder, seit Jahren, seit Jahrzehnten, von April bis Oktober, mehrmals die Woche, im Sommer möglichst jeden Tag, bei jedem Wetter, am liebsten im Sommerregen. In Seen, im Meer, in überfüllten Hallenbädern, menschenleeren Freibädern (die kühlen Tage unter grauem Himmel …). Nötig ist nur ein Weniges an Bewegung bei einer gewissen Körperspannung, ein langsames Paddeln mit den Beinen, ein bisschen Hinundher mit den Armen – und schon trägt mich das Wasser. Ich bin ganz im Element, ich schwimme. Irgendwann habe ich mir angewöhnt, gleich zu Beginn kurz unterzutauchen und das Wasser zu begrüßen, auf die japanische Art, eine kurze Geste, nur für uns beide.
Ich bin kein besonders guter Schwimmer, war ich nie, glücklicherweise, denn das hat mich davor bewahrt, einer dieser freudlosen Kampfschwimmer zu werden. Aber es gibt immer noch so viel zu lernen, guten Stil kann man sich aneignen: einen möglichst leichten, fließenden Bewegungsablauf, bei entsprechend tiefer Atmung. Oder einfach bloß auf dem Rücken liegen und in Ruhe die Wolken lesen. Egal, wo und wie, ob ich in Form bin oder müde, gelangweilt, wütend oder schwer vom Leben enttäuscht: nach dem Schwimmen ist für eine kleine Weile alles wieder richtig. Das macht das heilignüchterne Wasser, wie der Dichter schrieb.
Ach ja, die Bücher. Es wird gerade so viel berichtet über das Schwimmen, klug, ehrgeizig, besserwisserisch, enthusiastisch. Aber nichts trifft es wirklich. Umso besser. Schwimmen kann man nicht denken, man muss es leibhaftig tun. Für mich ist es so: In den besten Momenten folge ich meinen Instinkten, höre auf, nachzudenken und werde ein Tier in Badehose, nur so kann ich das Menschsein ertragen.
Will Gmehling
geboren 1957, hat lange Zeit Bilder für Erwachsene gemalt, bis er anfing, Bücher für Kinder zu schreiben. 1998 erschien sein erstes Kinderbuch Tiertaxi Wolf & Co. (Sauerländer). Es folgten viele Bilder- und Kinderbücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Der Kinderroman Freibad wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Will Gmehling hat zwei Kinder und lebt in Bremen