Unsere Lesetipps zum Thema Verwandlung

Ohne Verwandlungen wären die meisten Geschichten vermutlich ganz schön langweilig. Neben den Prozessen, die literarische Figuren durchmachen, verwandeln sie oft auch ihre Lesenden ein bisschen. Unsere Redaktion hat ein paar Lesetipps zum Thema zusammen getragen. Bist du bereit für eine Veränderung?

Annika Depping: Leas Vater stirbt – seit vielen Jahren. Und ebenso lange pflegt Leas Mutter Ruth ihn, ist Tag und Nacht für Georg da, nie aber für sich selbst und nur selten für ihre Tochter. Eine normale Kindheit und Teenagerzeit konnte Lea dadurch nie erleben. Dieses Gefüge verschiebt sich, als im Sterbezimmer eine Verwandlung vonstattengeht: Anstatt – endlich! – zu sterben, wird aus Georg ein Pferd und Tochter und Mutter müssen plötzlich neue Wege finden, um mit ihm und einander umzugehen: „Wir fragen uns, ob es bei seiner Verwandlung auch um unsere eigene Verwandlung ging, und wenn ja, wer sind wir geworden?“ (S. 5) 

Nefeli Kavouras erzählt im Roman Gelb, auch ein schöner Gedanke von der Pflege, der Selbstaufopferung, von fragilen Familienverhältnissen und der Möglichkeit eines Abschieds – überraschend, gefühlvoll, gewitzt und mit viel Wohlwollen für ihre beiden Hauptfiguren.  

GELB, AUCH EIN SCHÖNER GEDANKE | Nefeli Kavouras | ROMAN KiWi | 2026 | 240 S. | €23,00

Stephanie Schaefers: „Läuft schon irgendwie“ oder Wir kommen zurecht, das würde Philipp wohl sagen, wenn man ihn fragen würde, wie es ihm geht. Nur fragt eben niemand so richtig. Früher war Philipp ein „happy Keks“, aber in den letzten Jahren bringt Astrid, Philipps psychisch erkrankte Mutter, nicht nur sich selbst, sondern regelmäßig die ganze Familie aus der Spur. Schon immer war Astrids Verhalten schwer vorhersehbar, ihre Liebe wild und fordernd. Astrid erscheint in Philipps Leben wie ein unberechenbarer Geist, taucht plötzlich auf, erschreckt, verschwindet wieder. Viele schmerzhafte Kerben hat sie in Philipps Kindheit hinterlassen. Erinnerungssplitter - ein Hundewelpen für einen Tag, ein Fußballfreund in einem italienischen Dorf - schweben wie lose Wirklichkeitsfetzen durch seinen Alltag. Als Astrid kurz vor Philipps Abi erneut verschwindet, dann plötzlich mit Dingen aus der Vergangenheit auftaucht, steht Philipp mal wieder vor seinem brüchigen Familiengefüge. Wird er diesmal zurechtkommen? 

Annika Büsing erzählt Geschichten, in denen es für die meist jungen Protagonist*innen aus unterschiedlichen Gründen absolut nicht rund läuft, aber sie begegnen ihrem Leben liebenswert unverzagt und eigensinnig unkonventionell. Bei Büsings Romanen ist perfekt, dass nichts perfekt ist. Ihre Geschichten schweben zwischen Katastrophe, Melancholie und Humor – und das mit einer ganz eigenen Leichtigkeit. 

WIR KOMMEN ZURECHT | Annika Büsing | ROMAN Steidl | 2025 | 288 S. | €24,00  

Stephanie Schaefers: In Moosbruck werden Geschichten erzählt. Es sind alte Geschichten, die wie Märchen klingen, aber eine greifbar reale Seite haben, vor der sich alle Bewohner*innen fürchten. Für Karolina, die erst seit kurzer Zeit mit ihrer kleinen Tochter Emmi in Moosbruck lebt, sind diese seltsamen Erzählungen neu. Sie freunden sich mit dem stillen und zurückgezogenen Edgar an, der auf dem Lechnerhof wohnt. Eines Tages begegnen sie dem gefürchteten Krähenjungen aus den alten Geschichten. Bald stellt sich heraus, dass es sich bei dem dubiosen Jungen um Edgars erwachsenen Neffen Sam handelt. Trotz aller Warnungen fühlt sich Karolina zu ihm hingezogen. 

In ihrem modernen Märchen Vom Krähenjungen entfaltet Autorin Sonja Kettenring mehrere Erzählfäden, die aus der persönlichen Sicht verschiedener Personen an unterschiedlichen Orten und Zeiten von zunächst unverbundenen Ereignissen berichten und sich dann nach und nach zusammenfügen. Ein mutig und unkonventionell erzählter Debütroman, der zwischen psychologischem Märchen und Kriminalroman schwebt und von tiefen Wunden familiärer Beziehungen und ihren Umwandlungen erzählt. 

VOM KRÄHENJUNGEN | Sonja Kettenring | ROMAN Edition W | 2024 | 223 S. | €24,00 

Annika Depping: Wie verändert sich unsere Sicht auf die Dinge, wenn wir es wagen, sie durch die Augen von jemand anderem zu betrachten? Das ist eine der Fragen, die das Bilderbuch „Katzenpfade“ der Schwedin Sara Lundberg mit einem feinen Gefühl für Zwischentöne stellt: Jeden Tag gehen das Mädchen und seine Katze spazieren, jeden Tag bestimmt das Mädchen den immergleichen Weg. Bis es zum Streit kommt. Am nächsten Tag bestimmt die Katze. Sie biegt in den Wald ab, und die Stadt verwandelt sich für das Mädchen in eine undurchdringliche Wildnis… 

In großflächigen Aquarellen zoomt Sara Lundberg mal Details heran und geht mal in die Vogelperspektive, um den Leser*innen ab 5 Jahren einen Überblick zu verschaffen. Immer wieder sprechen hier die Bilder für sich und transportieren die großen Emotionen des Alltags. Aus der Ich-Perspektive des Kindes erfahren wir anhand der Geschichte viel über Kompromisse, Selbstbestimmung und den Mut, das Ruder abzugeben. Ein berührendes Bilderbuchereignis längst nicht nur für Kinder, das auf viele weitere Übersetzungen von Lundbergs Werk ins Deutsche hoffen lässt! 

KATZENPFADE | Sara Lundberg | Übersetzung: Friederike Buchinger | BILDERBUCH Insel Verlag | 2026 | 64 S. | €18,00 | Ab 5 Jahren 

Stephanie Schaefers: Umhüllt von prächtigen Farben schwingen ihre Röcke. Sinnlich räkeln sie sich im Sonnenschein. Geheimnisvoll rauschen sie durch die Dunkelheit. Funkeläugig erwidern sie gierige Blicke: Éléonore, Laura und Inés. Die Gouvernanten. 
Einst sind sie bei Monsieur und Madame Austeur angekommen, ihre Herkunft ist nebulös. Sie bewohnen mit ihren Herrschaften ein üppiges Anwesen, das von einem wuchernden Garten umgeben ist. Tagsüber begleiten sie eine Schar kleiner Jungen, hüpfen und tollen mit ihnen durch Wald und Wiesen. In dunkler Nacht stellen sie sich ans goldene Tor, locken fremde Männer, ziehen sie zu sich in die Tiefe des nachtdunklen Gartens. Sie jagen ihre Auserwählten durchs Gehölz, lassen sich von ihnen lieben und begehren, um sie schließlich im wahrsten Sinne des Wortes zu verzehren. 

Anne Serre wirft – eingebettet in eine fantastisch-surreale Sphäre – einen psychologischen Blick hinter sonst verschlossene Türen und beleuchtet die Geheimnisse von Begehren, Sehnsucht und Verlangen. Ein flirrender Text mit viel Deutungsraum. 

DIE GOUVERNANTEN | Anne Serre | Übersetzung: Patricia Klobusiczky | ROMAN Unionsverlag | 2023 | 96 S. | €12,00 

Annika Depping: Schon der Titel von Anna Maschiks Debütroman Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten sticht heraus und auch die literarische Qualität, mit der die junge Wienerin erzählt, überzeugt. „Wir betreten die Geschichte durch die Innereien eines Schafes“, erklärt Maschiks Erzählerin Alma, die uns mit klarem Blick durch den Text führt. In dem geht es weniger um Schafe, sondern vor allem um eine Familie über vier Generationen hinweg. Alma zeigt, wie bestimmte Muster sich in dieser Familie wiederholen – neben dem Auftauchen der Hebamme Anna und der Leichenfrau Nora auch das Ungleichgewicht zwischen Geschwistern, das Gärtnern, die Gewalt… 

In kurzen Kapiteln spielt Anna Maschik mit verschiedenen Formen: Sie stellt Szenen aus zwei Perspektiven gegenüber, zum Beispiel das Kennenlernen der Urgroßeltern Georg und Henrike auf einem Volksfest und formuliert immer wieder Listen zu Themen wie „WARUM ES MICH GIBT“ oder „WAS DIE GROSSMUTTER KOCHT“. Nach und nach halten zunehmend magische Elemente in den Text Einzug, die Auskunft über das geben, was in der Familie ungesagt bleibt. Da ist ein Kind, das fünfzehn Jahre lang nicht aufwacht, ein Garten, der seine Farben verliert, ein Mann, der sich in ein Möbelstück verwandelt. Durch die hohe Schlagzahl, die Leerstellen und die abwechslungsreiche Form ist Anna Maschiks Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten ein rasantes, vielversprechendes Lesevergnügen. 

WENN DU ES HEIMLICH MACHEN WILLST, MUSST DU DIE SCHAFE TÖTEN | Anna Maschik | ROMAN Luchterhand | 2025 | 240 S. | €23,00 

Yuliia Lynnyk: Lyra Belacqua geht nirgendwohin ohne Pantalaimon, der sie in unterschiedlichen Formen begleitet. Und das ist nicht ungewöhnlich, denn in Lyras Welt hat jede*r einen Dæmon – ein Tier, das eine physische Manifestation der menschlichen Seele ist. Solange sich die Seele noch nicht festgeformt hat, verändert der Dæmon seine Form. So verwandelt sich Pantalaimon in eine Motte, wenn Lyra unbemerkt in ein Zimmer hineinschleichen will, oder in einen Löwen, wenn sie sich den Feinden stellt. Jedoch handelt Der Goldene Kompass nicht nur von tierischen Begleitern. 

Im Mittelpunkt des Coming-of-Age-Romans steht die Verwandlung von Lyras Identität: Durch eine abenteuerliche, aber zugleich gefährliche Reise nach Norden wird sie von einem wilden Kind zu einem verantwortungsvollen Mädchen. Auf dem Weg zu den entführten Kindern, die man von ihren Dæmonen trennen will, schließt sie echte Freundschaften und lernt auch mit Verlust umzugehen. Im ersten Band der Fantasy-Serie His Dark Materials von Philip Pullman taucht man ein in eine Parallelwelt voller Verschwörungen, Hexen, kämpfender Eisbären und rätselhaftem Staub, der sich kurioserweise nur um Erwachsene herum ansammelt… 

DER GOLDENE KOMPASS | Philip Pullman | Übersetzung: Wolfram Ströle & Andrea Kann | ROMAN Carlsen Verlag | 2001 | 448 S. | €26,00 

Weiterlesen:

Lesetipp: Books Club Bremen empfiehlt

Wozu ist eine Schwarze, frustrierte Doktorandin fähig, wenn sie Ungerechtigkeit erfährt? Im Roman "Honey" wird sie durch ihre Wut in eine Frau verwandelt, die beginnt, sich selbst zu ermächtigen. Lies nach, warum Alina Koch dieses Buch empfielt!

Satzwende: Julia Weber

Ein Mensch wird zum Regenwurm - was löst das aus? In unserer Kolumne Satzwende erzählt Julia Weber von ihrer Figur Ruth und der Kraft der Verwandlung. Bei ihrer Lesung in Bremen kannst du noch mehr über das Thema erfahren.

Lesezeichen: Livia Hott

Was haben Langusten mit pubertierenden Teenager*innen zu tun? Unsere Nachwuchsstipendiatin das Bremer Autor*innenstipendiums Livia Hott ist studierte Meeresbiologin und im September in unserer Reihe Schreiben im Gespräch zu Gast.

Mehr erfahren