Unsere Lesetipps zum Thema Schwimmen

Schwimmen im Kollektiv, schwimmen um den Kopf freizubekommen oder auch aus historischer Perspektive: hauptsache nass. Baden gehört gerade im Sommer einfach mit dazu – wir stellen euch Bücher vor, die Schwimmen auf unterschiedlichste Art und Weise thematisieren.

Stephanie Schaefers: Eine Frau schwimmt hinaus. Zögernd zuerst, dann immer freier, getragen vom Wasser. Während ihre Tochter am Ufer wartet, treiben die Gedanken der Ich-Erzählerin weit zurück: Zur Großmutter, einer Seglerin, die als eine der ersten Frauen das Eismeer durchquerte und weiter bis zu den Nornen der nordischen Mythologie, die am Brunnen der Urd die Fäden des Schicksals spinnen.
Lucia Jay von Seldenecks Text entfaltet so ein assoziatives Nachdenken über Erinnerung, Herkunft und weibliche Verbundenheit.
Ånsken Eckerts Illustrationen rahmen das Erzählte mit stillen Szenen: Schwimmende im Hallenbad, eine Figur unter der Dusche, Spaziergänger*innen am Strand. In sanften Pastelltönen entstehen ruhige, flächige Bilder, in denen Wasser als verbindendes Element erscheint. Weit rausschwimmen ist ein schmaler Bild-Text-Essay, der seine Kreise weit zieht.

WEIT RAUSSCHWIMMEN | Lucia Jay von Seldeneck | Illustration: Ånsken Eckert | BILD-TEXT-ESSAY kunstanstifter | 2026 | 48 S. | €26,00

Annika Depping: Statt in den Sonntagsgottesdienst zu gehen, steigt eine Frau an einem warmen Novembermorgen in den Pool einer heruntergekommenen Wohnanlage in den USA. Während die Nachbar*innen gaffen und der Ehemann Virgil zunehmend an der Verweigerung seiner Frau verzweifelt, treibt Kathleen Beckett bis zum Abend im Wasser und reflektiert ihr Leben: verpasste Chancen, Lügen, gescheiterte Beziehungen, den Verlust der eigenen Persönlichkeit und die Hoffnung auf einen Neuanfang. Wie in den Tennismatches ihrer Jugend stellt Kathleen jetzt ihrem Ehemann – und sich selbst – eine Falle: Es geht mir gut schildert einen minimalen Akt weiblicher Rebellion und seine weitreichenden Folgen, abwechselnd erzählt aus der Perspektive der Ehefrau und des Mannes. Während das Zeitkolorit der amerikanischen 50er Jahre deutlich wird, ist Jessica Anthonys Erzählweise doch sehr modern. Der kurze Roman ist spannend, klug und feinfühlig beobachtet. Perfekt für einen Tag am Pool!

ES GEHT MIR GUT | Jessica Anthony | Übersetzung: Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck | Roman Kein & Aber | 160 S. | €23,00

Stephanie Schaefers: Kaiserin Sissi ließ sich als leidenschaftliche Schwimmerin noch mit 51 Jahren einen Anker auf die Schulter tätowieren. Dichter Goethe wiederum trug bei seinen regelmäßigen Gängen in die Ilm ein schwarzes Wams und einen Korkgürtel. Zwei Anekdoten über prominente Pioniere des Schwimmens, die Bernd Brunner in seine Geschichte des Badens und Schwimmens aufnimmt. Er zeichnet darin die Entwicklung der europäischen Badekultur nach, die sich erst im 18. Jahrhundert nach einer langen Phase der Angst vor dem Wasser etablierte. Wie kam es dazu, dass Menschen heute gleichberechtigt und angstfrei, nackt oder mit selbst gewählter Badekleidung und mit vereinheitlichten Schwimmbewegungen in Meere, Flüsse, Seen, Badeanstalten oder Pools eintauchen können? Brunner erzählt darüber in kleinen Geschichten und mit viel Hintergrundwissen. Einfach in dieses spannende Sachbuch Abtauchen und treiben lassen – es macht sehr viel Spaß!

ABTAUCHEN UND TREIBEN LASSEN | Bernd Brunner | SACHBUCH Harper Collins | 2026 | 192 S. | €22,00

Rike Oehlerking: In einer Buchtipp-Sammlung zum Thema „Schwimmen“ darf natürlich der Erfolgsroman der vergangenen Jahre nicht fehlen, der das Schwimmen gewissermaßen schon im Titel trägt. Die Rede ist von Caroline Wahls 22 Bahnen. Der inzwischen sogar verfilmte Debütroman der Wahl-Kielerin räumte zahlreiche Preise ab. Vor allem die Leichtigkeit, mit der auch schwere Themen behandelt werden, beeindruckt mich. Die Geschichte dreht sich um die Mathematik-Studentin Tilda, die aufgrund ihrer alkoholsüchtigen Mutter zur Schutzperson für ihre jüngere Schwester Ida wird. Beide wiederum finden ihren Fluchtort im nahegelegenen Freibad – am liebsten, wenn es regnet. Tilda sieht sich im Laufe eines Sommers immer wieder mit der Frage konfrontiert: Wo fängt ihr eigenes Leben an und wo hört die Fürsorge für ihre Schwester auf? Auf ihren routinierten 22 Bahnen im Schwimmbecken findet sie langsam zu sich selbst.

22 BAHNEN | Caroline Wahl | Roman Dumont | Taschenbuch 2024 | 208 S. | €14,00

Stephanie Schaefers: In einem städtischen Schwimmbad, tief unter der Erde, treffen sich täglich die unterschiedlichsten Menschen. Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem sie lieber wären. Die wohltuende Ruhe vor der lärmenden Außenwelt. Die fast schwerelose Bewegung im kühlen, klaren Nass. Das gibt ein Gefühl von Freiheit, von Lebendigkeit. Doch plötzlich ist da ein Riss am Boden des Schwimmbeckens, den niemand einordnen und verstehen kann, der die Schwimmgemeinschaft in tiefe Unsicherheit und Zweifel stürzt. Nur Alice will einfach weiterschwimmen. Solange sie schwimmt, scheint alles in Ordnung zu sein.

Julie Otsuka hat mit Solange wir schwimmen einen Roman über die Demenzerkrankung ihrer Mutter geschrieben. Durch ein erzählendes Wir und einen rhythmisierenden Erzählton verwandelt die Autorin ihre sehr persönliche Betroffenheit in einen vielstimmigen, literarischen Text, der viel Raum für eigene Gedanken und Gefühle lässt. Im Zentrum steht die passionierte Schwimmerin Alice, in deren Leben sich ein Riss ausweitet, die verschiedenen Romanteile zoomen aus wechselnden Perspektiven immer näher an Alices langsam verschwindende Lebenswirklichkeit heran.

Ein sehr besonderer Roman, der das Leichte und das Schwere, das Unaushaltbare und das Unaufhaltbare des Themas Demenz wunderbar verschlüsselt und zugleich klar entschlüsselt.

SOLANGE WIR SCHWIMMEN | Julie Otsuka | ROMAN mare Verlag | 2023 | 160 S. | €22,00 

Annika Depping: Etwas andere, nämlich tierische Schwimm-Geschichten finden sich in der Mai-Ausgabe des Gecko-Magazins zum Thema Wasser. Die Bilderbuchzeitschrift hat in dieser Ausgabe einen Comic-Schwerpunkt und wie könnte man anders, als sich direkt in die gezeichneten Geschichten über Goldfische, Haie und Biber zu verlieben? Die wunderbare Ayşe Klinge erzählt zum Beispiel mit viel Humor vom Goldfisch Goldie, der durch die Abwasserleitung eines Mehrfamilienhauses schwimmt – wo er am Ende wohl strandet? Sarah Brunssen widmet sich einem Hai mit großem Hunger, der leider das falsche gegessen hat. Und auch im Comic von Tine Schulz, in einer Bastelanleitung, in Rätseln, Gedichten und weiteren Formaten dreht sich alles ums kühle Nass. Das Heft ist ein abwechslungsreicher Begleiter für Familien – zum Vor- und Selbstlesen! –, passt super in jeden Rucksack, kommt ohne Werbung aus und macht Lust auf die Welt der Bücher!

GECKO – DIE BILDERBUCHZEITSCHRIFT Ausgabe 113 | Rathje & Elbel 2026 | 52 S. | € 8,50 | Ab 3 Jahren

Stephanie Schaefers: Der Erzählband begleitet in 22 Geschichten vom Schwimmen Menschen in den unterschiedlichsten Schwimm-Situationen. Ob unbekleidet, im geblümten Badeanzug oder im Zebra-Bikini, allen gemeinsam ist die Suche nach dem Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit im Wasser, und sei es nur für einen Moment. Mit John Cheevers Der Schwimmer, einer Erzählung aus John von Düffels Wassererzählungen und einem Auszug aus Zsuzsa Bánks Der Schwimmer sind sehr bekannte Schwimmgeschichten aus der jüngeren Literatur dabei, mit Auszügen aus Eduard von Keyserlings Wellen oder Robert Musils Essay Kunst und Moral des Crawlens geht es zeitlich auch weiter zurück. Eine sehr abwechslungsreiche und dramaturgisch stimmige Anthologie. So bleibt nach der letzten Erzählung nicht nur ein Chlorgeruch in der Nase, sondern vor allem unvergessliche Eindrücke vom Glück und Unglück des Schwimmens: Das Eintauchen ins kühle Nass, das Schweben in der blauen Stille, das Abwerfen des Ballastes der trockenen Außenwelt.

WIE EIN FISCH IM WASSER | Elke Ritzlmayr (Hrsg.) | ERZÄHLUNGEN Diogenes Verlag | 2023 | 256 S. | €14,00

Fiona Behr: Etwas mystischer wird es in Emilia Harts zweitem Roman Unbeugsam wie die See. Wie schon in ihrem Debüt erzählt sie darin von besonderen Frauen auf verschiedenen Zeitebenen.

Während Eliza und Mary um 1800 als Gefangene auf ein Schiff gesperrt werden, das sie von Irland nach Australien bringen soll, hat Lucy im Jahr 2019 plötzlich merkwürdige Träume, beinahe Visionen, von den beiden Schwestern im dunklen Schiffsrumpf. Gleichzeitig träumt Lucy immer wieder vom Schwimmen, wie ihr Körper sich grazil durchs Wasser bewegt. Doch sie war noch nie im Meer, denn sobald ihre Haut mit Wasser in Berührung kommt, beginnt sie sich schmerzhaft zu schälen, zu schuppen und silbern zu glänzen. Trotzdem ist da dieser unglaubliche Drang, sich einfach dem Wasser hinzugeben. Ist sie im Begriff verrückt zu werden, oder will das Meer sie zu sich rufen? Die sonderbare Wasserallergie teilt sie mit ihrer älteren Schwester Jess, die schon vor Jahren nach Sydney verschwunden ist. Nach einem schlimmen Zwischenfall beschließt Lucy, bei ihrer entfremdeten Schwester unterzukommen - und entdeckt dabei weit mehr Geheimnisse, als sie jemals für möglich gehalten hätte.

Emilia Hart hat es ein weiteres Mal geschafft, eine unglaublich atmosphärische Geschichte zu verfassen, die ihre Leser*innen in eine ebenso fantastische wie grausame Welt entführt. Hierbei werden die Schicksale der weiblichen Figuren immer wieder mit besitzergreifenden Männern verwoben. Doch trotz der Härte dieser Realitäten, setzt besonders die Wärme der Schwesternschaft und Solidarität ein entschiedenes, starkes Contra dagegen. Hart schreibt ihre Figuren mal gefühlvoll, mal verschlossen, mal geradezu ekelerregend (ich rieche noch immer förmlich, wie sich die Senfflecken zum kalten Schweiß gesellen), aber nie eintönig. Sie reißt uns Lesende mit in die stürmischen Tiefen der Story und lässt uns erst im letzten Moment wieder Luft holen.

UNBEUGSAM WIE DIE SEE | Emilia Hart | Übersetzung: Julia Walther | ROMAN HarperCollins | 2025 | 416 S. | €24,00 

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Bremer Buchhandlungspreis 2026

In diesem Jahr wurde die Buchhandlung Lesumer Lesezeit mit dem Bremer Buchhandlungspreis ausgezeichnet. Anerkennungspreise gingen an die Buchhandlung Peterswerder und den Buchladen in der Neustadt. Herzlichen Glückwunsch!