Mutterschaft verändert ein Leben nachhaltig - nicht nur, weil da für immer ein neuer Mensch ist, sogar Gehirnstrukturen verändern sich durch Geburts- und Stillerfahrungen dauerhaft. Fremdbestimmtheit, Mutterliebe oder ungewollte Schwangerschaften sind prägende Erfahrungen, die aber noch wenig Raum in der Literatur einnehmen. Wir stellen einige Titel vor, die Mütter aus verschiedenen Perspektiven in den Fokus nehmen.
Annika Depping: Ein verglaster Bungalow mit Privatstrand an der südfranzösischen Küste. Hier wollen die Kindheitsfreunde Felix und Matze gemeinsam ausspannen, aller Unterschiede zum Trotz. Felix, der Start-Up-Millionär, ist mit seiner jungen, schönen Frau Eva und den beiden Kindern Otto und Baby angereist. Er hat Matze und seine Freundin Linn eingeladen, eine Woche auf seine Kosten mit ihnen zu verbringen. Schon dieses Ungleichgewicht verursacht bei Linn einen kaum aushaltbaren Widerwillen. Evas Schönheit und Fruchtbarkeit stehen in einem krassen Gegensatz zu ihrem eigenen unerfüllten Kinderwunsch, der nach dem Urlaub durch das Einsetzen befruchteter, perfekter Eizellen doch noch wahr werden soll. Was passiert aber, wenn sich die beiden Frauen zusammentun?
Dita Zipfel erzählt von Mutterschaft, Weiblichkeit und Schwesternschaft. Es ist hell und draußen dreht sich die Welt lebt von Perspektivwechseln und Ambivalenzen, unberechenbaren Figuren mit Mut zu Chaos und Widerstand. So wütend und frei kann vielleicht nur eine Autorin erzählen, die sonst für Kinder und Jugendliche schreibt. Eine wahre Freude!
ES IST HELL UND DRAUSSEN DREHT SICH DIE WELT | Dita Zipfel | ROMAN Insel Verlag | Berlin 2026 | 219 S. | € 23,00
Stephanie Schaefers: Wo beginnt ein Leben als Mutter und ist zugleich auch ein Leben als Tochter? Wie lassen sich Familien- und Herkunftsgeschichte als Aufeinanderfolge und Ineinandergreifen weiblicher Rollenbilder erzählen? Genau diese Fragen stehen im Zentrum von Wir Töchter.
Der Roman springt zwischen Polen und Deutschland sowie verschiedenen Lebensmomenten der Ich-Erzählerin Waleria, ihrer Mutter Róża und ihrer Großmutter Marianna hin und her. Wir begegnen den Frauen als ungestüme Mädchen im Schatten ihrer Brüder, als junge Frauen voller Aufbruchssehnsucht – und erleben, wie sie sich doch immer wieder den Rollenerwartungen ihrer Zeit beugen müssen. Ungewollte Schwangerschaften, Beziehungskompromisse, verpasste Träume: Die Herausforderungen ähneln sich über Generationen hinweg.
Zwischen drei Großkapiteln stehen Passagen über gesellschaftliche Zuschreibungen an Frauen und ihre Körper. Sie wirken wie ein zeitloser Chor, der die individuelle Geschichte in einen größeren Diskurs über Mutterschaft und Frausein einordnet.
Oliwia Hälterlein legt einen ambitionierten Roman vor, der mit seinen Zeit- und Ortssprüngen, dichten Verflechtungen und zahlreichen polnischen Begriffen Konzentration beim Lesen verlangt. Wer sich jedoch auf die Gesamtkonstruktion einlässt, entdeckt einen vielschichtigen feministischen Text vor dem Hintergrund von über hundert Jahren polnischer Geschichte.
WIR TÖCHTER | Oliwia Hälterlein | ROMAN C.H.Beck Verlag | München 2026 | 357 S. | €25,00
Johanna Inger: Was wäre, wenn man eines Tages in einem anderen Leben aufwacht? In dieser Situation findet sich die Protagonistin Antonia wieder, die nicht nur auf einmal in ihrem ehemaligen Heimatdorf wohnt statt in ihrer kleinen Wohnung in der Stadt, sondern auch mit einem schlafenden Baby auf der Brust wach wird. Dieses andere Leben, in dem sie ‚Toni‘ genannt wird und mit ihrer Jugendliebe Adam zusammen ist, wirkt auf Antonia zunächst wie ein schlechter Traum. Erst nach und nach lässt sie sich auf diese Realität ein und fühlt sich verbunden zu dem kleinen Wesen, dass ihr Kind sein soll, und zu Adam, der ihre Entfremdung nicht verstehen kann. Aber die Frage nach ihrem alten Leben mit ihrem Freund Jakob und dem unerfüllten Kinderwunsch bleibt bestehen und lässt bis zum Ende offen, welche Realität die richtige ist.
Anne Sauer erzählt mit viel Einfühlungsvermögen für ihre Charaktere und einer Sprache, die leicht und gleichzeitig schonungslos ehrlich ist, von zwei unterschiedlichen Lebensentwürfen derselben Person. Antonias Kinderwunsch erfüllt sich für Toni, aber auch die fremdelt zunächst mit ihrer Mutterrolle und zeigt damit die Realität vieler neuer Mütter. Der Debütroman von Anne Sauer stellt die Kinderfrage ohne Wertung in den Mittelpunkt und lässt seine Leser*innen über die eigenen Entscheidungen im Leben reflektieren.
IM LEBEN NEBENAN | Anne Sauer | ROMAN dtv | München 2025 | 272 S. | €23,00
Stephanie Schaefers: Drei Schwestern, Mercedes, Mira und Matea, in drei unterschiedlichen Jahrzehnten geboren, werden nach dem Suizid der depressiven Mutter Mone plötzlich zu einem zersprengten Familienkollektiv, das zunächst nur aus Unterschieden zu bestehen scheint. Doch von Monat zu Monat, Kapitel für Kapitel, von Ich- zu Ich der Schwestern finden sich Mones Töchter neu zusammen. Was zunächst nur wie ein dünner Verbindungsfaden scheint, verknotet sich über den Verlust und die Erinnerungen an die Mutter innig miteinander.
Was überkonstruiert hätte enden können, gelingt Miku Sophie Kühmel in Triskele, ihrem zweiten Roman, intensiv und berührend: Sie gibt Mercedes, Mira und Matea sehr eigene Stimmen und sie fühlt sich tief in ihr Denken, Trauern, Lieben und Leben hinein. So entsteht ein besonderer Dreiklang mit viel Feingefühl und Weitblick für individuelles Schwestern-, Frau- und Familie-Sein.
TRISKELE | Miku Sophie Kühmel | ROMAN Suhrkamp Verlag | Frankfurt a.M. 2025 | 272 S. | €14,00
Annika Depping: Laura ist Mutter einer Tochter im Kindergartenalter – die Symbiose mit Helena in ihren ersten Jahren ist umfassend. Neben purem Glück verursacht die Mutterschaft Druck, Geldsorgen, eine liegengebliebene Promotion und jetzt vielleicht auch noch die Trennung von Aram, dem Vater. Und Laura ist erneut schwanger – in der achten Woche. Kann sie ein zweites Kind bekommen? Während sie in der gynäkologischen Praxis eines Bekannten aushilft und andere Frauen beim Schwangerwerden und bei Abbrüchen zusieht, grübelt sie über eine Entscheidung. Wird sie Gott spielen wie damals, als sie zum ersten Mal schwanger war? Oder wird sie ein weiteres Kind bekommen? Antonia Baum erzählt in Achte Woche auf nur knapp 120 Seiten sehr intensiv, mit viel Sogkraft und dicht an ihren Figuren. Gekonnt nähert sie sich Lauras großen Fragen mit der Bereitschaft zur Ambivalenz an und ermöglicht damit ein ehrliches Bild auf den Mythos Mutterschaft.
ACHTE WOCHE | Antonia Baum | ROMAN Claassen | Berlin 2025 | 128 S. | €21,00
Stephanie Schaefers: Mit dem tödlichen Fahrradunfall ihrer 17-jährigen Tochter Sonja endet auch das Leben als Mutter der Ich-Erzählerin Linda. Sie hat keine Kraft mehr, ihre Arbeit als Kunstkuratorin oder ihre Ehe mit Richard fortzusetzen. Der Verlust ihres Mutterseins, das Entreißen ihres einzigen Kindes lässt Linda haltlos zurück. Neben sich stehend legt sie ihr bisheriges ‚Frausein‘ ab. Sie verlässt Leipzig, flieht in ein kleines sächsisches Dorf, auf einen grauen Hof. Nur dort, für sie im Niemandsland zwischen Leben und Tod, ist es ihr möglich, ihren ständig wachen Schmerz zu besänftigen, den Erinnerungsfallen ihres früheren Lebens kurzzeitig zu entkommen. Doch nach und nach wagt sich Linda zögerlich aus ihrem inneren Winter hervor. Kehrt nach Leipzig zurück, beginnt ein drittes Leben.
Daniela Krien hat die Gabe, versehrte Menschen und randständige Räume intensiv und einfühlsam zu beschreiben. Wie schon in ihren früheren Texten verortet die in Leipzig lebende Autorin ihre Figuren in Ostdeutschland. In Mein drittes Leben taucht Krien tief in die Trauergefühle ihrer Protagonistin ein und verwebt deren Innenleben mit einer ostdeutschen Mentalitätsgeschichte.
MEIN DRITTES LEBEN | Daniela Krien | ROMAN Diogenes Verlag | Zürich 2026 | 304 S. | €15,00