Lesezeichen: Angelika Sinn

Das Bild zeigt Hundepfoten und einen Becher mit Kleingeld
© Rike Oehlerking

Aus der unsichtbaren Zone 
Von Angelika Sinn

Schaut! Hier sitze ich! Eine von euch. Vor mir ein Becher. Ein paar Münzen darin. Kupfergeld zumeist. Neben mir der Hund, dem ihr manchmal Aufmerksamkeit schenkt. Einige fragen sogar nach seinem Namen.  

Mich seht ihr selten an. Und wenn doch, rümpft ihr die Nasen. Zugegeben, die Zeit der Reinlichkeit ist vorbei. Der ordentlichen Kleidung, des Make-ups. Lange noch habe ich den Schein gewahrt. Bis er seine Notwendigkeit verlor, seinen Sinn.  

Aber die meisten von euch machen sowieso einen Bogen um mich und die Plätze, an denen ich sitze. Oder liege. Unorte sind das für euch. Leerstellen in eurer Stadt. Orte, die man nicht kennen muss, nicht kennen will. Gerne tut ihr so, als gäbe es sie nicht.  

Auch über mich seht ihr lieber hinweg. Wenn ihr mich verleugnet, glaubt ihr, würde ich allmählich verschwinden. Zum Trugbild werden. Dann hätte ich keine Vergangenheit mehr. Nichts erlebt. Nichts erträumt. Keine Wünsche und Hoffnungen. Keine Zukunft. Dann könntet ihr mich vergessen.  

Doch ich existiere. In eurer Mitte. Sitze hier. Mit meiner wenigen Habe. Meinem ganzen Universum. Auf dieser schmuddeligen Decke. Ohne Obdach.  

Wie gerne würde ich manchmal eine Tür hinter mir schließen, so wie ihr es könnt. Allein sein. Unbeobachtet. In einem geschützten Raum. Tief schlafen. Keine Übergriffe fürchten müssen. Das Draußen ist ein Dschungel. Glaubt ja nicht, dass ich freiwillig hier bin!  

Doch schon in meinem alten Leben war ich ohne Halt. Trotz Dach über dem Kopf. Krank an Körper und Seele. Meine Wunden sind Krater-tief. Wollt ihr mich deswegen verurteilen? Zum Teufel wünschen?  

Ich bleibe! Hier. Bei euch. Auf der Straße. Denn immer noch habe ich diesen seltsamen Mut, der mich jeden Tag aufs Neue zwingt, aufzuwachen. Ich wundere mich, dass ich tatsächlich noch lebe. Wundere mich auch über ein Kraut, das sich durch die Ritzen des Asphalts quetscht. Über ein Kind, das auf mich zugelaufen kommt, ohne Scheu. Und über den zunehmenden Mond.  


Porträt von Angelika Sinn
© Rike Oehlerking

Angelika Sinn

geboren in Iserlohn, lebt und arbeitet in Worpswede und Bremen als freischaffende Autorin, Künstlerin und Referentin für Literarisches Schreiben. Angelika Sinn studierte Pädagogik, Literatur- und Kulturwissenschaft in Bremen und Frankfurt/Main. Arbeitete mehrere Jahre als Kulturpädagogin und Journalistin. Autorin seit 1998, diverse Veröffentlichungen. Seit 2005 ist Angelika Sinn als Text-Künstlerin tätig, internationale Ausstellungsbeteiligungen. Von 2006 bis 2018 war sie Geschäftsführerin des Bremer Literaturkontors. Angelika Sinn ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

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