Ob tiefgründig oder eine leichte Lektüre für den Strand. Wir haben uns diesen Monat ein paar Lesetipps überlegt, die bei dir in den Sommermonaten keine Langeweile aufkommen lassen. Träum dich in das malerische Paris der 1920er Jahre oder lass dich von den starken Figuren beeindrucken, die dem eigenen Ich ein wenig näherkommen. Auf alle Fälle gilt: für guten Lesestoff für heiße oder hoffentlich auch manchmal kühlere Tage ist gesorgt!
Fiona Behr: Klara entgeht nichts. Durchs Schaufenster beobachtet sie aufmerksam die vorbeiziehenden Menschen, am liebsten aber blickt sie direkt ins warme Licht ihrer geliebten Sonne. In einer nicht allzu fernen Zukunft ist Klara der bittere Beweis einer sozial verfremdeten Gesellschaft – denn sie ist eine KF, eine künstliche Freundin, erschaffen, um einsame Kinder glücklicher zu machen. Als die kranke Josie sie als Begleiterin auswählt, macht Klara es sich zur Aufgabe, alles für Josie und ihre sich verschlechternde Gesundheit zu tun.
Ishiguro erzählt in diesem gefühlvollen Roman durch die Augen einer neugierigen KI weit mehr als eine klassische Zukunftsvision. Er wirft eindringliche Fragen zu Empathie, Spiritualität sowie Fürsorge auf und lädt einmal mehr dazu ein, über die Bedeutung der Menschlichkeit zu philosophieren. Denn wenn eine KI Freude, Hoffnung und Trauer empfinden kann – was unterscheidet sie dann noch von uns? Dennoch bleibt Klara und die Sonne weit entfernt von dystopischen Sci-Fi-Klischees, vielmehr fokussiert sich Ishiguro auf die kleinen Aspekte des Zwischenmenschlichen und erschafft mit seiner ruhigen, bildhaften Sprache eine Welt, die unserer Gegenwart geradezu erschreckend ähnelt. Viele Aspekte bleiben aber ganz bewusst offen und geben einen deutlichen Denkanstoß, der auch nach dem letzten Kapitel nachhallen wird. Ich ertappte mich jedenfalls immer wieder dabei, mit einem Roboter mitzufühlen – und genau das macht diesen Roman so besonders.
KLARA UND DIE SONNE | Kazuo Ishiguro | Übersetzung: Barbara Schaden | ROMAN Blessing Verlag | 2022 | 352 S. | €17,00 Taschenbuch
Annika Depping: Soll es mal ein richtig dicker Schmöker sein für die langen Sommerabende? Dann rate ich dir unbedingt zu Gesammelte Werke von der aus der UNESCO City of Literature Göteborg stammenden Lydia Sandgren! In der deutschen Ausgabe aus dem mare Verlag hat dieser Band stolze 880 Seiten – als ich mich anschließend von den Figuren verabschieden musste, war ich dennoch direkt traurig!
Worum geht’s? Verleger Martin Berg schaut zurück auf seine Jungendjahre: auf die Freundschaft mit dem aufstrebenden Künstler Gustav Becker und sein Kennenlernen mit Cecilia Wikner, der späteren Mutter seiner Kinder, die kurz nach dem ersten Geburtstag des Sohnes spurlos aus dem Leben der Familie verschwand. Seine Tochter Rakel stößt auf einen deutschen Roman und ist sich sicher, die Hauptfigur wiederzuerkennen: ihre Mutter Cecilia! Auf mehreren Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven setzt Lydia Sandgren die Geschichte dieser Figuren wie ein Puzzle zusammen. Gemächlich erzählt und doch spannend ist der Roman ein facettenreiches Kunstwerk, das in Schweden mit dem Augustpreis 2020 ausgezeichnet wurde.
GESAMMELTE WERKE | Lydia Sandgren | Übersetzung: Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig | ROMAN mare | 2021 | 880 S. | €28,00 | Oder als Taschenbuch: DAS BILD MEINER MUTTER | Heyne Verlag | €15,00
Stephanie Schaefers: Julia Wolf schreibt in ihrem Erzählband Du, hier über wunderbar ambivalente Protagonist*innen. Die Autorin führt sie an Momente, in denen verdrängte Sehnsüchte, vergessene Wünsche oder verborgene Ängste wieder an die Oberfläche treten. Auslöser sind Begegnungen, Erinnerungsorte oder unerwartete Situationen. Auch wenn die Figuren feststecken oder sich verloren fühlen, geben sie die Verantwortung für ihr Leben nicht ab. Sie ringen mit Widersprüchen, suchen nach einem Weg, zurück ins Handeln und zu sich selbst.
Ob Freundin, Schwester, Tochter, Mutter, Partnerin oder Geliebte: Wolfs Figuren stehen stets in Beziehung zu anderen Menschen. Themen wie Mutterschaft, unerfüllter Kinderwunsch oder bewusste Kinderlosigkeit sind präsent. Daneben erzählt Wolf von Herkunft und sozialem Aufstieg, von Scham und dem Wunsch, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen. Die Erzählungen begleiten ihre Figuren in Augenblicke tiefer Erkenntnis und unvermittelter Lebendigkeit. Für einen Moment begegnen sie einem verborgenen Teil ihrer selbst. Vielleicht steht dafür der Titel Du, hier: Für das plötzliche, klare Erkennen des eigenen Ichs, das tief im Inneren verborgen war.
DU, HIER | Julia Wolf | ERZÄHLUNGEN dtv | 2026 | 256 S. | €24,00
Sinja Konduschek: Ein Lesetipp für alle, die in diesem Sommer nicht wegfahren können, sich aber dennoch an einen anderen Ort träumen möchten. Veronika Peters erzählt in ihrem Roman Das Herz von Paris von der jungen deutschen Ann-Sophie, die 1925 mit ihrem Mann nach Paris zieht, der dort seine Karriere vorantreiben möchte. Sie selbst fühlt sich in der fremden Stadt, ohne Arbeit recht schnell einsam. Eines Tages trifft sie auf den Buchladen Shakespeare and Company und auf Sylvia Beach, die Ann-Sophie mit ihren für die damalige Zeit unkonventionellen Ansichten verzaubert.
Ann-Sophie freundet sich mit Sylvia und ihren Freundinnen, alles Literatinnen und Künstlerinnen, an und entdeckt, dass sie mehr vom Leben haben kann, als Ehefrau zu sein.
Veronika Peters beschreibt eine spannende Geschichte, bei der man sich fragt, welche wahren Begebenheiten man glauben kann und welche Ereignisse reine Fiktion sind. Mit einer Leichtigkeit stellt sie dabei Rollenbilder infrage und lässt die Lesenden dabei mit durch die Straßen von Paris der schillernden 1920er Jahre wandeln.
DAS HERZ VON PARIS | Veronika Peters | ROMAN Kampa | 2023 | 336 S. | €15,00 (Taschenbuch)
Annika Depping: Ein Er und eine Sie verlieben sich. Sie ist um die 40, er älter, beide haben schon verschiedene Beziehungen hinter sich, aber diese hier ist anders – ihre Liebe ist ein Zerren, ein Ziehen, ein großer Kampf, nicht rosarot, aber beständig. Und sie ist politisch: Fast unzumutbar kreisen die beiden Figuren um Scham, um Anerkennung, Feminismus, vererbte Traumata und toxische Verhaltensmuster. Aus der Erzählerinnenperspektive blickt der Text auf die Beziehung, den Partner und ein Frauenleben, kritisch und mit gezücktem Skalpell. In kürzesten und kurzen Miniaturen schreibt Nancy Hünger sich entlang kanonischer Texte auf eine Reise zu den kanarischen Inseln zu. Die beiden Protagonist*innen wollen am Strand ihr verlorengeglaubtes Glück wiederfinden, schauen zusammen in die „BRUCHLOSE FERNE“, bis sie es wagen, dem Meer ihre Rücken zuzudrehen und vielleicht Frieden miteinander zu finden. Wir drehen dem Meer unsere Rücken zu ist ein poetischer, harter, atemloser Text, der sich zügig lesen lässt, aber lange in Erinnerung bleibt.
WIR DREHEN DEM MEER UNSERE RÜCKEN ZU | Nancy Hünger | ROMAN Voland & Quist Azur | 2025 | 152 S. | €22,00
Janin Rominger: Im Sommer 2003 komme ich in die 3. Klasse und Die Reklamation, das erste Studioalbum von Wir sind Helden, erscheint. Ich gucke damals schon jeden Nachmittag unbeaufsichtigt VIVA, werde Fan von Judith Holofernes – und bin es geblieben.
Die Träume anderer Leute (Kiwi, 2022), in dem der Fokus auf Holofernes’ Karriere nach dem Aus von Wir sind Helden liegt, habe ich mehrfach begeistert gelesen, gehört (Nora Tschirner spricht das Hörbuch!) und verschenkt. Im Frühjahr ist Hummelhirn (Kiwi, 2026) erschienen, in dem sich Judith Holofernes ihrem Aufwachsen sowie der Anfangszeit von Wir sind Helden widmet. Sie beschreibt ihren lebenslangen Versuch, nicht das „komische Kind“ zu sein; sie will sich stattdessen anpassen und nicht anecken. Gleichzeitig wünscht sie sich besonders zu sein, und so wird Judith Holofernes zum „netteste[n] Rockstar der Welt”, was ihr immens viel abverlangt. Sie sperrt die Hummeln in ihrem Kopf ein und lässt sie nur raus, wenn es ans Songwriting und auf Tour geht; die ADHS-Diagnose bekommt Judith Holofernes mit Mitte 40.
Sie schreibt, dass sie „immer schon, von Anfang an, ein weiches, offenes, freundliches Herz hatte” – und das liest sich in jedem Satz in Hummelhirn: voller Witz, Wärme und Zärtlichkeit.
HUMMELHIRN | Judith Holofernes | MEMOIR Kiepenheuer&Witsch | 2026 | 304 S. | €24,00
Stephanie Schaefers: Ein Sommer vor der Wende, weit vor Google: Für Henri bleibt er unvergesslich. Im Freibad zieht sie Bahnen, während ihre Freundin Mo Kafka liest. Sie teilen sich Pommes, hören A-ha und rücken auf der Decke zusammen, bis Henris Haut knistert. Während andere verreisen, bleiben sie in ihrer Hochhaussiedlung, ihrer Palastplatte, rau und brüchig und doch ein Ort, der sie hält.
Aber plötzlich beginnt Henris Vater sich zu verändern, zeigt Erinnerungslücken und seltsames Verhalten. Henri schwankt zwischen Schuld, Wut und Angst. Beginnt auch sie Geister zu sehen? Unbeirrbar und stark bleibt Mo an Henris Seite, motiviert sie dazu, ihre Geistergeschichten aufzuschreiben. Doch was wird aus zwei Palastplatten-Mädchen, wenn der Sommer endet?
Palastplatte erzählt von erster Liebe, vom Erwachsenwerden und davon, wie zerbrechlich Familie sein kann. Eine dichte Mischung aus 80er-Jahre-Coming-of-Age, zärtlicher Liebesgeschichte und leiser Geistererzählung.
PALASTPLATTE | Mara Floren | ROMAN Schöffling & Co. | 2026 | 224 S. | €23,00