Unsere Lesetipps zum Thema Körper

Ob Körperbilder, Körperkraft oder körperliche Selbstbestimmung. Dies sind herausfordernde, aber auch präsente Themen in unserer heutigen Gesellschaft. Wir stellen dir Bücher vor, die unterschiedlich über Körper in ihrer Verletzlichkeit, Wandelbarkeit und Stärke erzählen.

Annika Depping: Ada lebt dort, wo andere Urlaub machen: in einem Dorf an der deutschen Ostseeküste. Zwei Sommer fließen hier ineinander, als sie nach einer Endometriose-Behandlung in der Wohnung festsitzt und sich die Hitze mit der aus dem Jahrhundertsommer 2003 mischt. Die Erinnerung an die vier Wochen mit der gleichaltrigen Urlauberin Elja, ihre Cousine Lill und die verstörenden Schmerzen der ersten Regelblutungen sind auch heute – Ada ist inzwischen 28 – noch frisch. In ihrem Debütroman Paradise Beach erzählt Dara Brexendorf nicht nur von der Sprachlosigkeit gegenüber einer Krankheit, vom Entstehen von Körperbildern von Frauen (nicht nur der Millennial-Generation) und der systematischen Negierung weiblicher Schmerzen, ihr ist auch eine unverkitschte Coming-of-Age-Geschichte samt Liebeserklärung an die Ostsee gelungen. Dabei entwirft sie sympathische Figuren, greift auf eine klare Prosa zurück und beweist durch klug gewählte Leerstellen ihr Erzähltalent.

PARADISE BEACH | Dara Brexendorf | ROMAN eichborn Verlag | 2026 | 256 S. | €22,00

Stephanie Schaefers: Auch zwei Stunden nach dem Schwimmbadbesuch hat sie noch die Abdrücke der Schwimmbrille um die Augen. Es stört sie nicht. Sie empfindet sie als schöne Markierung auf ihrem Körper, die sie mit Wohlwollen und Wärme erfüllt.

In Schwimmen, Schweben beschreibt Jaqueline Scheiber diese Verschiebung einer Wahrnehmung: weg vom betrachteten, hin zum gespürten Körper. Im Wasser löst sich das erzählende Ich von auferlegten Maßstäben wie Form, Leistung und Vergleich. Es erlebt den eigenen Körper in Bewegung, Atmung und Rhythmus. Die Erfahrung schwebender Schwerelosigkeit eröffnet ein spielerisches, befreites Körpergefühl, das auch an Land trägt.

Scheiber zeigt, wie sehr Körperwahrnehmung von patriarchalen Normen und einem bewertenden Blick bestimmt ist – und wie das Schwimmen diese Ordnung zumindest zeitweise außer Kraft setzt. In gedanklichen Exkursen macht sie deutlich, dass Schwimmen auch heute nicht für alle Frauen selbstverständlich ist, sondern von sozialen, kulturellen und historischen Bedingungen geprägt bleibt. Der vielschichtige Essay verbindet subjektive Erfahrung mit einer reflektierten Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper.

SCHWIMMEN/SCHWEBEN | Jaqueline Scheiber | ESSAY Leykam Buchverlag | 2026 | 144 S. | €22,50

Johanna Inger: Die Zeit scheint stehen zu bleiben, als an einem gewöhnlichen Sommertag Frauen auf der Straße liegen und die Arbeit verweigern. So startet eine Revolution gegen das patriarchale System, in dem Frauenkörper immer wieder über ihre Grenzen getrieben werden in der Verantwortung für Sorge- und Pflegearbeit. Gemeinsam versuchen sie, so etwas wie eine Gemeinschaft aufzubauen, um vom Stillstand ins Handeln zu kommen. 

Mareike Fallwickl verwebt die verschiedenen Schicksale gekonnt zu einem Mosaik von unterdrückten Personen in einem System, an dem sie sich im wahrsten Sinne des Wortes abarbeiten. Die Perspektiven ihrer Figuren werden dabei pointiert beschrieben ohne Komplexitäten auszulassen. Gleichzeitig wird das körperliche Erleben bewusst in den Vordergrund gestellt und zieht sich als verbindendes Element durch die Narrative.  

Statt Antworten zu geben, zeigt Mareike Fallwickl eine Möglichkeit der Verbindung auf, die zumindest den Anfang einer Revolution bilden kann. Am Schluss bleibt die Erkenntnis, dass Solidarität den Einsatz von allen braucht, auch von denen, die vom Patriarchat profitieren. 

UND ALLE SO STILL | Mareike Fallwickl | ROMAN Rowohlt Verlag | 2024 | 368 S. | €23,00 

Rike Oehlerking: Ego von John von Düffel ist zwar schon ein bisschen in die Jahre gekommen, aber spätestens, wenn es um das Thema Körper geht, ist es zeitaktueller denn je. Da ist der Protagonist, der geradezu besessen davon ist, über Sport (vor allem durch Krafttraining im Fitness-Studio) seinen Körper bis zur Perfektion zu gestalten. Und Perfektion – nur damit wir uns da richtig verstehen – ist erst erreicht, wenn auch das kleine Häutchen überm Bauchnabel per Muskeldefinition die gewünschte Form erreicht hat. Sein Ziel: eine "Alpha-Anatomie". Und dieses Wort sagt eigentlich alles. Der Protagonist bewegt sich in (s)einer Welt, in der Menschen nach ihren Körpern bewertet werden. Nur, wer perfekt definiert ist, wird auch geliebt. Der gesellschaftliche Bezug (und die Kritik) ist jeder*m selbst überlassen. Scharfsinnig und witzig kreierte John von Düffel eine Figur, die in ihrem Handeln und Denken gleichermaßen abstoßend wie bemitleidenswert scheint. Absolut lesenswert! 

EGO | John von Düffel | ROMAN DuMont Verlag | 2001 | 281 S. | €19,80 

Stephanie Schaefers: Yong-Hye führt ein Leben, so unauffällig wie die Hochhaussiedlung, in der sie wohnt - bis sie beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. Aus dieser persönlichen Entscheidung wird eine radikale Abkehr von allem Gewohnten. Ihre Ablehnung steigert sich zur Verweigerung, ihr Körper wird immer fragiler, während zugleich eine innere, leuchtende Stärke in ihr zu wachsen scheint.
Während sie sich in eine bizarre, fast mythische Metamorphose hineinbewegt, zerbricht ihr Umfeld an diesem Widerstand. Drei Stimmen umkreisen sie: der konforme Ehemann, der suchende Künstler-Schwager und die zwischen Sorge und Unverständnis schwankende Schwester. Yong-Hye bleibt dabei das schweigsame Zentrum, ein Rätsel, das mehr über die anderen als über sich selbst enthüllt.

Die Vegetarierin ist ein intensiver Roman über Anpassung und Ausbruch, über die Gewalt sozialer Erwartungen und den Mut, sich ihnen zu entziehen. Seine Kraft liegt in eindringlichen Bildern und Fragen, die nachhallen: Wie fremd bleiben wir einander selbst in engsten Beziehungen? Und was geschieht, wenn ein Mensch aufhört, vermeintlichen Normen zu folgen? Ein aufrüttelnder Text der koreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang.

DIE VEGETARIERIN | Han Kang | ROMAN Aufbau Taschenbuch | 2017 | 190 S. | €12,00 (Taschenbuch)

Janin Rominger: Sibel Schick schreibt in Mein Körper – wessen Entscheidung? über „Menschen, die gestorben sind, die ermordet wurden, die weggesperrt wurden, die zwangssterilisiert wurden, die Zwangsabtreibungen unterzogen wurden, die an Selbstversuchen gestorben sind, versklavt wurden, ausgebeutet wurden.“
Es geht um die Notwendigkeit, in unserer Gesellschaft reproduktive Gerechtigkeit herzustellen, ausgehend von Sibel Schicks eigener Geschichte, denn: „Es ist der Paragraph 218 des deutschen Strafgesetzbuchs, der mich fast getötet hat und wegen dem ich jetzt für immer gefährdet sein werde.“

Fast zu einem Mantra wird der Satz „das ist nicht normal“, den Sibel Schick wieder und wieder im Text wiederholt, wenn sie auf die Realitäten von schwangeren Menschen aufmerksam macht.
Sibel Schick zeigt anhand vieler echter Fälle, Statistiken und Gesetzeslagen auf der ganzen Welt auf, dass ein oder kein Kind zu gebären für die meisten Menschen (außer sie haben ausreichend finanzielle Ressourcen, auf die sie zurückgreifen können) keine freie Entscheidung ist – und dass oft eben nicht gilt: my body, my choice.

MEIN KÖRPER – WESSEN ENTSCHEIDUNG? | Sibel Schick | Sachbuch S. Fischer | 2026 | 208 S. | €23,00

Annika Depping: Son Lewandowski beschreibt in ihrem Debütroman Die Routinen den Alltag junger Leistungsturnerinnen und nimmt dabei patriachale und missbräuchliche Gesellschaftsstrukturen unter die Lupe - sie erzählt von Mädchenkörpern, die nicht Frau werden sollen, der Sehnsucht nach Gummibärchen und Schokolade und dem Wunsch, eine der anderen möge vom Schwebebalken fallen, nur nicht man selbst. Denn Freundschaften sind rar im Sportinternat, die starke Konkurrenz wird nur von kurzen Berührungen durchbrochen. Die Hauptfigur in Lewandowskis Roman jedoch, Amik, findet sich nach einem Wettkampf am Krankenhausbett ihrer Zimmernachbarin wieder - beide sind inzwischen eng miteinander verbunden. Hier lässt Amik die letzten Jahre vor ihrem inneren Auge Revue passieren. Wie viel kann man ertragen, wenn man Glitzerspray darüber gesprüht hat? Son Lewandowski gelingt es, die Leser*innen in eine grausame, unbekannte Welt mitzunehmen und dabei reale Fälle ebenso einfließen zu lassen wie einen experimentellen, fast sportlichen Umgang mit Sprache und rhetorischen Bildern.

DIE ROUTINEN | Son Lewandowski | ROMAN Klett-Cotta | 2026 | 272 S. | €25,00

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