Na, schon auf der Suche nach einem Buch, das sich im Dezember besonders gut verschenken lässt?
Unser Team hat ein wenig in den eigenen Regalen gestöbert und eine feine Auswahl an Titeln zusammengestellt, die Freude machen – ob als kleine Aufmerksamkeit, als Geschenk für besondere Menschen oder einfach zum Weiterempfehlen.
Stephanie Schaefers: Ein sprachlich glänzendes und inhaltlich leuchtendes Geschenkbuch? Ich verschenke in diesem Jahr an Freund*innen Marion Poschmanns Die Winterschwimmerin. Thekla entdeckt darin das Schwimmen in eisigen Gewässern. Nicht nur Theklas Körper verwandelt sich im Element Wasser, auch ihre innere Stimme entdeckt neue, in ihr schlummernde Kräfte - ein mythischer Gedankentiger erwacht.
Die Winterschwimmerin ist ein sinnlicher, wunderbar poetischer Text. Das liegt nicht nur an der äußeren Form der klangvollen Hexameter (in die wir uns schnell reinlesen), sondern auch an der metaphorischen Stärke des Tigers, der durch die spielerisch leichten Verse schleicht und sie in neue Denkrichtungen lenkt. Diese flirrend-schöne Verslegende ist eine literarische Einladung aus starren Strukturen auszubrechen, gedanklich und sinnlich einzutauchen, sich in kalten Zeiten zu entflammen, zu entgrenzen – und daher ein wunderbares Lesegeschenk!
DIE WINTERSCHWIMMERIN | Marion Poschmann | VERSLEGENDE Suhrkamp | Berlin 2025 | 80 S. | €22,00
Annika Depping: Laysan-Ralle, Riesenalk, Stellersche Seekuh, St.-Helena-Olivenbaum – diese und viele weitere Arten sind in den letzten Jahrhunderten, oft Jahrzehnten, für immer von unserem Planeten verschwunden. Ausgestorben. In den Essays und Kurzgeschichten in der Anthologie „Wir dachten, wir könnten fliegen“ haben 19 Literat*innen ihnen ein Denkmal geschrieben. Herausgeber Matthias Jügler hat deutschsprachige und internationale Größen der Gegenwartsliteratur wie Iris Wolff, Kim de l’Horizon, T.C. Boyle, Jackie Thomae und viele andere gebeten, sich mit jeweils einer ausgestorbenen Art zu beschäftigen. Die Resultate sind vielfältig wie die Natur selbst. Julia Schoch erzählt zum Auftakt aus der Perspektive des letzten Auerochsen, Helen Macdonald versammelt Zeitzeugnisse über die Laysan-Ralle und setzt sie in einen größeren Kontext, Alex Capus beschreibt den Gedankenstrom am Bett eines Komapatienten und verwebt ihn mit der Geschichte des Chinesischen Flussdelfins. Die Texte erzählen von Abschieden, der Gier und Zerstörungswut der Menschen, der Verzweiflung, weil „das Verschwinden größer war als das Bewahren“, aber manchmal auch von einer schwachen Hoffnung. Im Dschungel zwischen Aserbaidschan und dem Iran erhascht Iris Wolffs Protagonist Juri einen Blick auf den Kaspischen Tiger. Die meisten der beschriebenen Arten jedoch bleiben verloren. Ob die Literatur die richtige ist, um sie zu konservieren? Diese eindringlichen, klugen, sinnlichen Texte beweisen, dass es dafür keinen Abschluss in Biologie braucht.
WIR DACHTEN, WIR KÖNNTEN FLIEGEN | Matthies Jügler (Hrsg.) | ANTHOLOGIE Penguin Verlag | München 2025 | 256 S. | €32,00
Janin Rominger: Für die Freund*innen, die ihr Leben nach ihrem Sternzeichen ausrichten, aber nicht immun gegen ein Späßchen (und / oder Reflexion) sind – und für alle, die bei Astrologie-Memes auf Instagram nur noch mit den Augen rollen können: Dieses Buch von Liv Strömquist wird für viel Gelächter sorgen! In Astrologie packt die schwedische Comicbuchzeichnerin wirklich jedes Klischee über die zwölf Sternzeichen auf den Tisch und liefert “Beweise” in Form von Promis, die nach Strömquists Meinung als Paradebeispiele für ihre Sternzeichen gelten (mein Sternzeichen ist Jungfrau und ich teile mir mit Beyoncé die Unterkategorie “langweilige Jungfrau”, autsch!). Am Ende (oder Anfang, wie man mag) gibt es auch noch einen kleinen Theorieteil und Strömquist zeigt auf, wieso sich so viele Menschen heutzutage überhaupt für Astrologie interessieren und was Adorno und Freud zu sagen haben (Spoiler: Allerhand!).
ASTROLOGIE | Liv Strömquist | Übersetzung: Katharina Erben | GRAPHIC NOVEL Avant Verlag | Berlin 2023 | 176 S. | € 22,00
Stephanie Schaefers: Für alle, denen die Weihnachtszeit zu rasant erscheint, könnte dieser Romanzyklus für eine besondere Entschleunigung sorgen. Denn was wäre, wenn sich ein unscheinbarer Tag plötzlich endlos wiederholt? Genau das erlebt die Buchhändlerin Tara Selter. Sie verbringt den trüben 18. November in Bordeaux, besucht einen alten Freund und freut sich, am nächsten Tag zu ihrem Mann aufs Land zurückzukehren. Doch am Morgen beginnt derselbe 18. November erneut. Alles läuft exakt gleich ab – nur Tara erkennt, dass sie allein in einer Zeitschleife gefangen ist.
Solvej Balle entwirft mit Über die Berechnung des Rauminhalts eine fesselnde, leicht dystopische Geschichte, deren Spannung vor allem aus Taras inneren Bewegungen entsteht: ihrer wachsamen Selbstbeobachtung, ihrer Suche nach Halt und einem eigenen Rhythmus, ihren Gedanken über die Wahrnehmung von Zeit.
Gerade ist Teil IV des Romanzyklus erschienen. Um die Neugier auf Teil II und III nicht zu schmälern, sei nur verraten: In Teil IV befindet sich Tara in einer Villa in Bremen!
ÜBER DIE BERECHNUNG DES RAUMINHALTS I | Solvej Balle | Übersetzung: Peter Urban-Halle| ROMAN Matthes & Seitz | Berlin 2023 | 170 S. | € 22,00
Sinja Konduschek: Ich verschenke dieses Jahr Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry von Rachel Joyce an Freunde oder Familie. Eigentlich will der Rentner, Harold Fry, nur einen Brief zur Post bringen und beschließt dann kurzerhand den Brief selbst zuzustellen. Von seiner Heimatstadt in Südengland will er bis zur schottischen Grenze und einer alten Kollegin, Queenie, die im Sterben liegt, den Brief selbst überbringen. Auf seinem Weg beginnt er viel über sein Leben und seine Liebsten nachzudenken.
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry ist ein sehr berührender Roman, der zeigt, was im Leben wirklich zählt und, dass es nie zu spät ist einen anderen Kurs einzuschlagen und sich zu ändern. Durch Rachel Joyces Schreibstil wandern die Lesenden beinahe selbst durch England und begleiten Harold auf seiner Reise. Ob er es rechtzeitig schafft Queenie den Brief zu überbringen?
DIE UNWAHRSCHEINLICHE PILGERREISE DES HAROLD FRY | Rachel Joyce | Übersetzung: Maria Andreas| ROMAN S. Fischer | Taschenbuch | Frankfurt 2013 | 400 S. | € 12,00