Wie viele andere BIPOC habe ich dem Black History Month gegenüber zwiespältige Gefühle. Warum sollte man nur während eines isolierten Monats die Leistungen Schwarzer feiern – und dann noch während des kürzesten des Jahres? Geht es dabei nicht mehr um ihre Leidenserfahrungen als um ihre Leistungen? Schließlich ist es kaum möglich, sich mit Schwarzer Geschichte auseinanderzusetzen, ohne die Vergangenheit und den Status Quo zu kritisieren.
Eine Vergangenheit zu glorifizieren, in der Schwarze genauso wie Weiße Bahnbrechendes erreicht haben, wirkt forciert, denn Selbstverständlichkeit verlangt nicht nach Beweisen. Außerdem: Beweise für wen? Ein ahnungsloses, weißes Publikum, das nicht an das Talent und den Erfindungsreichtum Schwarzer glaubt? Gelobt werden die Leistungen Schwarzer dabei mit einer wohlwollend pädagogischen Absicht, die sich schnell zum sogenannt positiven Rassismus entwickeln kann.
Richtet sich der Monat hingegen an ein Schwarzes Publikum, das durch konstanten Rassismus selbst nicht mehr an die Leistungen Schwarzer glaubt, reicht wohl kaum ein Monat aus.
Hoffnungsvoll eine Zukunft zu visualisieren, in der so etwas wie ein Black History Month nicht mehr nötig ist, da BIPOC längst nicht mehr um Anerkennung kämpfen müssen, verleugnet wiederum den Umstand, dass wir uns – zumindest im Westen – inmitten eines politischen Backlash befinden. Diese Geisteshaltung ist verwandt mit der sogenannten Farbenblindheit, der vor allem Weiße zum Opfer fallen, wenn sie vorgeben, das Problem nicht zu sehen und nur ungläubig den Kopf schütteln, statt die Realität anzuerkennen und dagegen zu revoltieren.
Wie also als Braune Frau zum Black History Month stehen und weder Zynismus noch Naivität erliegen?
Diese Frage, da bin ich mir sicher, wird nicht nur mich beschäftigen – sie beschäftigt jede*n Schwarze*n Künstler*in, und das nicht nur im Monat Februar. Denn auch der Entscheidung, die Themen Race, Rassismus und Hautfarbe in der eigenen Kunst nur am Rande, wenn überhaupt, zu thematisieren, ist ein Reflexionsprozess vorangegangen und ist wahrscheinlich das Resultat einer geistigen Erschöpfung, sich tagein tagaus im rassistischen Hamsterrad der Realität zu bewegen.
Auch wenn Kunst als Befreiung aus den Gittern starrer Gesellschaftsstrukturen daherkommen mag, ist sie gleichzeitig auch eine Vergrößerung desselben Gefängnistraktes, in welchem dieselben Regeln – geschrieben wie ungeschrieben – fortbestehen. So wird ein Kunstwerk immer auch, wenn nicht vor allem, im Licht seiner Autor*innenschaft konsumiert. Roland Barthes‘ Tod des Autors ist wohl die am meisten ersehnte Literaturtheorie Schwarzer Kreativer – und bleibt deshalb, so wahr sie auch sein mag, eine Utopie. Denn Roland Barthes‘ toter Autor ist ein weißer Mann.
Auf die anmaßende Frage, ob sie irgendwann auch Bücher über Weiße schreiben würde, antwortete Toni Morrisson, dass man eine weiße Autorin umgekehrt wohl nie fragen würde, warum sie keine Bücher über Schwarze schreibe. Schwarzsein gilt in der Kunstwelt als Faktor, welcher das, was geschrieben, gemalt, geformt wird, transformiert, wohingegen die weiße Perspektive dem Werk nichts hinzuzufügen oder wegzunehmen scheint. Dabei hat der eigentliche Faktor natürlich nichts mit dem Phänotyp des Künstlers zu tun, sondern viel mehr mit dem System, in dem er sich bewegt.
Der Black History Month ist Symptom dieser Umstände, da Schwarze Geschichte als von “der Geschichte” abgetrennt dargestellt wird. Im besten Fall ist er eine Revolte gegen ebendiesen Umstand, wobei die Revolte verdeutlicht, dass Schwarze Geschichte sonst gar keinen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung geniessen würde. Deshalb braucht es den Black History Month, das ist keine Frage.
Trotzdem fühlt er sich für mich an wie eine Art der Rechtfertigung, eine Prüfung, eine Show. Was bleibt von ihm übrig, wenn dies alles entfällt, was gibt es dann noch zu sagen? Kann ich mich gleichzeitig ausruhen und über Race schreiben? Wie machen das andere Schwarze Künstler*innen?
Ich weiß es nicht. Noch nicht. Deshalb werde ich diesen Monat nutzen, Antworten auf diese Fragen zu suchen. Denn es gibt bestimmt mehr als genug geniale Menschen, die sie beantwortet haben. Und das werde ich niemandem beweisen außer mir selbst.
Happy Black History Month.
Nora Osagiobare
wurde 1992 in Zürich geboren. Mit ihrem Debütroman Daily Soap war sie Stipendiatin der Autor*innenwerkstatt Prosa am Literarischen Colloquium Berlin und erhielt einen Werkbeitrag des Kantons Zürich. Für ihre Kurzgeschichte Daughter Issues wurde sie 2025 im Rahmen der 49. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt mit dem KELAG-Preis ausgezeichnet. Sie ist Co-Präsidentin des Deutschschweizer PEN-Zentrums und lebt in Zürich.
Im April 26 erscheint Nora Osagiobares Roman Daily Soap als Taschenbuch im Kein & Aber Verlag.