Unter dem Motto „…into the future“ findet das internationale Poesiefestival poetry on the road 2026 mit neuem Design, neuen Inhalten und neuer Leitung vom 26. bis 28. Juni in Bremen statt. Internationale Autor*innen und Spoken-Word-Künstler*innen bringen Lyrik, Performance und gesellschaftliche Debatten auf die Bühne. Im Gespräch mit Stephanie Schaefers erzählen Festivalleiterin Esther Willbrandt (Bremen Zwei) und Geschäftsführerin Katharina Mild (OUT LOUD) über den Neustart des Festivals, die Highlights und Herausforderungen der diesjährigen Ausgabe.
Nachdem poetry on the road im letzten Jahr pausiert hat, beginnt für das Festival nun ein neues Kapitel. Welche Ideen und Schwerpunkte prägen den Neustart des Festivals 2026?
Esther Willbrandt: Das Festival hat erstmals ein Motto. Wir waren uns schnell einig, dass es Zukunft sein sollte. Damit wollen wir den Festivaltitel poetry on the road weiterdenken und haben uns gefragt: Wohin geht denn die Reise? Und ja, die Reise soll definitiv in die Zukunft gehen. Wir wollen insbesondere Imaginationsspielräume öffnen, die man positiv mit Zukunft verbinden kann. Über allem steht daher die zuversichtliche Fragestellung: ‚Wie könnte es denn sein, wenn alles gut wird?‘. Oft wird nur hilflos und ohnmächtig auf die Zukunft geblickt. Dem wollten wir etwas entgegensetzen und zeigen: Hey, wir haben das doch selbst und gemeinschaftlich in der Hand!
Katharina Mild: Im nächsten Schritt haben wir versucht, unser Motto möglichst vielfältig zu denken. Wir wollen ein breites Publikum ansprechen. Menschen, die sich schon lange und viel mit Lyrik beschäftigen, ebenso wie Menschen, die bisher kaum Berührungspunkte mit Poesie hatten. Die Formate sind möglichst niedrigschwellig und divers gestaltet und sprechen verschiedene Altersgruppen an. Die Veranstaltungen sind daher alle unterschiedlich. Sie finden sowohl klassisch auf einer Bühne, als auch im öffentlichen Raum statt. Wir machen Poesie an vielen Orten direkt in der Stadt erlebbar.
Auf welche Programmpunkte oder Künstler*innen freut ihr euch 2026 besonders – und warum passen sie sehr gut zum Zukunftsmotto des Festivals?
Esther: Natürlich freuen wir uns auf alle Künstler*innen sehr, da sie alle durch ihre Unterschiedlichkeit sehr gut zu unserem Zukunftsthema passen. Wir freuen uns auf die Poetin Sarah Howe. Sie ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Lyrikerinnen in Großbritannien, aber in Deutschland noch wenig bekannt. In ihren Gedichten fragt sie, wie sich koloniales Erbe über Genetik in zukünftige Generationen weitervererbt. Das finden wir sehr spannend. Außerdem haben wir den größten lebenden Dichter Norwegens, Øyvind Rimbereid, zu Gast. 2004 erschien sein wegweisendes Werk Solaris korrigert, in dem er sich eine Welt rund um die Nordsee auch mit neuen Sprachen imaginiert und vom Zusammenleben von Mensch und Maschine erzählt. Und dann kommt über 20 Jahre später die junge Dichterin Raquel Santanera und schreibt an einer ganz anderen Stadt am Meer, nämlich in Barcelona, ein Echo auf Rimbereids Lyrik.
In ihren Gedichten geht es auch um das Zusammenleben von Mensch und Maschine, aber sie bringt sehr viel stärker die weibliche Sicht mit hinein. Auf der Bühne arbeitet sie audiovisuell und mit zwei Musikern zusammen. Auf diese inhaltliche Überschneidung und reale Begegnung von Rimbereid und Santanera freuen wir uns sehr.
Katharina: Außerdem freuen wir uns auf neue Formate und die neuen Kooperationen, die in diesem Jahr entstanden sind. So haben wir beispielsweise eine Dichterin und eine Sachbuchautorin gemeinsam auf der Bühne. Mit Felix Schiller aus Berlin und Dalibor Marković aus Frankfurt haben wir ein Kuratorenteam, das uns außerdem viele Geheimtipps gegeben hat. Somit sieht man bei poetry on the road Menschen auf der Bühne, die viele bestimmt noch nie gesehen haben und die spannende Neuentdeckungen sein werden.
Beim Thema Zukunft denkt man natürlich auch daran, welche Bedeutungen ein internationales Poesiefestival hat – heute in einer Zeit, in der Kommunikation oft schnell, digital und verkürzt stattfindet?
Katharina: Bei poetry on the road schaffen wir eine Dichte und Atmosphäre von Poesie, die ausschließlich digitale Kommunikation niemals erreichen kann. Die internationalen Autor*innen kommen an realen Orten - oft mitten im Stadtgeschehen - zusammen, interagieren miteinander und erschaffen in der direkten Verbindung auch neue Poesie. So etwas würde man im Netz nicht finden.
Esther: Der menschliche Aspekt ist uns beim Festival sehr wichtig, insbesondere auch bei den Übersetzungen. Natürlich lassen sich heute Übersetzungen auch schneller und kostengünstiger mit KI erstellen. Aber sind sie deshalb besser? Wir legen daher explizit Wert darauf, die Stimmen der Übersetzer*innen auch ins Festival zu integrieren. Sie stehen mit auf der Bühne und zeigen so die Vielstimmigkeit von Lyrik. Das ist ein wichtiger Teil von erlebbarer, lebendiger Poesie und kann nicht einfach ersetzt werden. Allerdings ist diese Form von Poesie jetzt und zukünftig bedroht.
Welche weiteren Herausforderungen bringt die Organisation eines internationalen Literaturfestivals heute mit sich, gerade im Vergleich zu früheren Jahren?
Esther: Die internationale Ausrichtung stellt zugleich eine Herausforderung dar. In der heutigen Zeit ist alles in extremer geopolitischer Bewegung. Wenn Spritpreise steigen, Flüge gestrichen oder Grenzen geschlossen werden, hat das Auswirkungen darauf, ob Autor*innen eingeladen werden oder anreisen können. Wir können nicht komplett planen, was kommt.
Zudem ist die Gesamtfinanzierung eine große Herausforderung. Da geht es uns nicht anders als anderen Kulturakteur*innen, die ebenfalls von Einsparungen bedroht sind. Unsere Kooperationen, z.B. mit dem Literaturhaus Bremen, mit OUT LOUD oder dem Theater Bremen, sind entscheidend, dass das Festival stattfinden kann. So sehr wir die Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartner*innen auch lieben, fest steht auch: Wenn sich Akteur*innen aufgrund finanzieller Knappheit immer zusammenschließen müssen, finden in der Gesamtheit der City of Literature Bremen weniger Veranstaltungen und weniger Vielfalt statt.
Unser Schwerpunktthema im digitalen Literaturmagazin ist in diesem Monat „Draußen“. Gibt es auch Veranstaltungen während eures Festivals, die draußen stattfinden?
Katharina: Auf jeden Fall ist es uns wichtig, dass wir überall mit unseren Veranstaltungen in der Stadt präsent sind und auch Veranstaltungen umsonst und draußen anbieten. Am Festivalsamstag sind wir mit poetry on the Bike in der City unterwegs und haben abends auf dem Common Ground vor dem Theater Bremen mit Ata Kak aus Ghana eine lyrische Tanzveranstaltung. Auch die Kinderveranstaltung mit Anke Bär und Leefje Roy, unsere Kooperation mit dem Literaturhaus Bremen, wird bei Kukoon im Park draußen stattfinden.
Was wünscht ihr euch, dass Besucher*innen nach dem Festival 2026 mit nach Hause nehmen?
Esther: Mehr Vertrauen in das, was menschliche Gehirne erschaffen können. Und vielleicht das Gefühl, dass wir nicht allein, sondern gemeinsam in die Zukunft gehen.
Katharina: Und dann wäre es schön, wenn die Festivalbesucher*innen mit einer Idee davon nach Hause gehen, was Lyrik und Spoken Word alles können. Dass sie einen sehr individuellen lyrischen Moment geschenkt bekommen, der für jede Person aber anders sein kann.
Ich danke euch sehr für diese Einblicke in euren Festivalneustart, die sehr viel Lust auf die anstehenden Poesie-Events machen!