Satzwende: Martina Hefter

Das Bild zeigt ein Gewässer, über dem ein mit Pflanzen bewachsenes Seil hängt
© Rike Oehlerking

Draußen

Sieben Miniatur-Essays

Von Martina Hefter

Fahre ich im Zug, sehe ich die Welt draußen stillstehen. Ich bin es, die vorbei rast, und die Geräusche fehlen, kein Verkehrslärm, kein Brausen des Windes. Ich sehe nur kurze Momente, die aneinandergereiht eine Welt ergeben, die der Welt hinter der Wand im gleichnamigen Roman von Marlen Haushofer ähnlich ist. Nur bin ich im Zug nicht alleine, und auch draußen ist alles lebendig, man bemerkt es nur nicht so schnell. 


Simone Weil hat das stillstehende Theater einer Plastik als die für sie höchste Form der Schönheit bezeichnet, schöner als jede bewegte Oper, jedes Tanzstück je sein könne. Daran muss ich im Zug manchmal denken, und auch, dass es ein schönes Land ist, durch das ich fahre, aber vielleicht nur, weil ich es draußen so still vor mir liegen sehe, irgendwie schlafend. Und dann möchte ich immer gleich am nächsten Bahnhof aussteigen und in dieses stille Land hineingehen. Dabei weiß ich doch um all seine Scheußlichkeiten. Wenn ich Kühe auf einer Weide sehe, denke ich an die Grausamkeiten der Milchwirtschaft, wenn ich Windräder sehe, muss ich an die AfD denken, die sie abreißen will, wenn ich Rehe sehe, denke ich an Jäger und Schnellstraßen, beim Anblick eines Flusses an eingeleitete Abwässer und den unzähligen Frachtern, die sie befahren.

Wenn ich den Roman Die Wand lese, frage ich mich immer, was darin eigentlich das Draußen ist: Die Welt vor der Wand, oder jene innerhalb der Grenzen, in der die namenlose Erzählerin mit ihren Tieren überlebt. Unzweifelhaft sind die Bilder, die sie draußen vor der Wand sieht, ein stillstehendes Theater, eine Natur, in der nichts mehr schief gehen kann, in der sich die Pflanzen alles zurückerobern, und erst sehr viel später werden vielleicht die ersten kleinen Tiere wiederkommen. Die Erzählerin findet für dieses Draußen tatsächlich die schönsten Worte, die man sich vorstellen kann, obwohl es sich eigentlich um ein entsetzliches Szenario handelt. 


Als Kind habe ich selten vor dem Fernseher gesessen. Ich habe nur Die Sendung mit der Maus gern gesehen, und eine Weile Stan Laurel und Oliver Hardy. Von allen Unterhaltungs- oder auch Kunstformen haben mich Fernsehen und Kino schon immer am wenigsten interessiert, die so genannten bewegten Bilder, und so ist das bis heute geblieben. Ich habe, seit es Netflix gibt, nur genau zwei Folgen einer Serie gesehen (How I Met Your Mother) und einen Film, in dem es um Cyber-Angriffe ging - beides mit einer meiner Töchter. Ich wäre von selbst nie drauf gekommen, irgendwas auf Netflix anzusehen, seine Serien, all die Filme, die doch die Welt einfangen wollen, können mich, wie das Kino und das Fernsehen, nur schwer erreichen. Manchmal denke ich, dass ich deswegen draußen bin. Außerhalb einer kollektiven Wahrnehmung der Welt, von der ich nur das Echo kenne oder den Schatten, den sie wirft. Ich mag dieses Draußen-Sein, mir fehlt nichts, ich habe das Gefühl, dass ich mich besser auf die wirkliche Welt konzentrieren kann. Aber so einfach lässt sich vielleicht nicht mehr sagen, was die wirkliche Welt ist.

Mein Elternhaus stand neben einem kleinen, verwilderten Park, der in ein Wäldchen überging. Vor dem Haus floss ein Bach vorbei, die Ableitung eines Flusses auf der anderen Seite des Parks. Ich habe stundenlang an diesem Bach gespielt, an seinen sprudelnden, sprechenden Wassern, in die man steigen konnte und all das Wasser spüren, das schon seit Jahrhunderten durch diesen Bach rauscht. Manchmal verirrte sich eine Forelle und wir standen uns eine Weile reglos gegenüber, bis sie an mir vorbei schoss, den Bach abwärts, um an seiner Mündung wieder in den Fluss zu gelangen, und ich stellte mir vor, wie sie schon morgen im Lech und übermorgen in der Donau wäre, später am Schwarzen Meer. Über diesen Bach lernte ich einiges über Entfernungen. Über Länder und Grenzen. Die Bäche und die Flüsse würden diese Konzepte eifrig sabotieren, das stellte ich mir vor, nur damals noch in anderen Wörtern, in anderen Sätzen. Aber mir dämmerte allmählich, dass es so viele und ganz eigene Begriffe für das Draußen gibt.


Zum Beispiel: Außerhalb, fern, in den Wäldern, in der Wüste, auf dem Ozean, in den Nebeln, in einem Gefängnis, unter Beobachtung, jenseits einer Grenze, im Inland, im Ausland, vor den Toren, vor einem Guckloch, aus seiner*ihrer Haut gefahren, inmitten, obendrüber, untendurch, in sich selbst, gefangen, aus sich fahrend, in einem Traum, im Weltall, in einer Trauer, mit sich alleine, hinausgeschossen in den Alltag… 
to be continued

Die Wand las ich gerade zum vierten Mal. Ich werde den Roman immer wieder lesen, bis an mein Lebensende. Die Begriffe und Vorstellungen vom Draußen sind hier so vielfältig, unendlich ineinander gestaffelt, dass sich dazu unendlich viele Gedanken ergeben. Es ist nicht mehr klar, wo das Schöne und das Schreckliche des Draußen-Seins aufhören oder beginnen. Wo das Draußen-Sein zu einer furchtbaren Einsamkeit wird oder zu einer Lebensform, in der alle Möglichkeiten liegen. Darin liegt für mich immer wieder ein utopisches, tröstendes Potential, bei aller dystopischen Stimmung des Romans. 


Das Bild zeigt Martina Hefter
© Maximilian Goedecke

Martina Hefter

ist Schriftstellerin und arbeitet auf dem Gebiet der Performance. Sie lebt in Leipzig, wo sie am Deutschen Literaturinstitut studierte. Ihr Roman Hey guten Morgen, wie geht es dir? wurde 2024 mit dem Deutschen Buchpreis sowie dem europäischen Prix Grand Continent ausgezeichnet und war ein SPIEGEL-Bestseller. Für ihre schriftstellerische Arbeit erhielt Martina Hefter den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds und den Wiesbadener Literaturpreis. Zuletzt erschienen von ihr die Gedichtbände Es könnte auch schön werden und In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen.

 

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