Rauf in die Berge oder hinein in entlegene Seen, ab ins Worpsweder Moor, Hamburger Marschland oder weit weg in eine fantastische Flora: Wir stellen dir Romane, Lyrik, Bilder- und Sachbücher vor, die wunderbar unterschiedlich von Naturerfahrungen und dem Unterwegssein im Freien, von Fernweh oder der Liebe zu den kleinen Dingen vor der eigenen Tür erzählen.
Sinja Konduschek: Marschlande von Jarka Kubsova begleitet zwei Frau in den Marschlanden in der Nähe von Hamburg. Britta ist mit ihrem Mann und zwei Kindern hinaus in ein schickes Haus gezogen und fühlt sich dort aber erst einmal nicht wirklich wohl. Durch Zufall wird sie auf die Geschichte von Abelke Bleken aufmerksam, die im 16. Jahrhundert ebenfalls in der Gegend lebte und fängt an, in der Vergangenheit zu graben. Nicht zuletzt kann man durch die sehr detaillierten und realistischen Landschaftsbeschreibungen tief in die Geschichte eintauchen. Meistens ist es dort zwar bitterkalt, aber bei den Temperaturen draußen kann eine literarische Abkühlung ja nicht schaden.
Das Buch behandelt Ungerechtigkeit, die den beiden Frauen durch patriarchale und männliche Hand widerfährt, aber erzählt gleichzeitig auch die viel zu wenig bekannte Geschichte einer starken und unabhängigen Frau.
MARSCHLANDE | Jarka Kubsova | ROMAN S. Fischer Verlage | 2025 | 320 S. | €24,00 | €14,00 Taschenbuch
Stephanie Schaefers: Über Jahrzehnte begleiten wir die Familie von Matavaques, einem kleinen Hof in einem Dorf der katalanischen Pyrenäen. Hoch oben in dieser abgelegenen Bergwelt laufen Leben, Tod und Zeit in anderen Bahnen. Mal schauen wir durch die Augen der lebenden und verstorbenen Familienangehörigen, mal werden diese von Nachbar*innen, intimen Wegbegleiter*innen oder außenstehenden Figuren beobachtet.
Wie können traumatische Generationserfahrungen in eine literarische Erzählung gebracht werden? Irene Solá tut dies in ihrem Roman Singe ich, tanzen die Berge, indem sie jegliche raumzeitliche Wirklichkeit sprengt. Ihr multiperspektivisches Erzählen erinnert an einen grenzüberschreitenden Magischen Realismus, der Menschen, Tiere und Dinge als Teil eines Ganzen zu Wort kommen lässt. Sagen und Mythen von damals und heute werden darin in ein geheimnisvoll-schillerndes Immer überführt. Ein sehr besonderer Roman, der die Lesenden in einen sinnlich-melancholischen Reigen wirbelt und ihnen ganz neue Perspektiven auf Realitäts- und Naturwahrnehmung schenkt
SINGE ICH TANZEN DIE BERGE | Irene Solà | Übersetzung: Petra Zickmann | ROMAN S. Fischer Verlage | 2024 | 208 S. | €14,00 Taschenbuch
Jens Laloire: Draußen zwitschern die Vögel, und zwar auch nachts, zumindest manche. Aber was machen die anderen in der Nacht, hocken die in ihren Nestern und schlafen, bis die Sonne aufgeht, oder bleiben sie wach, um vor Fressfeinden geschützt zu sein? Diesen und anderen Fragen geht der studierte Biologe und Philosoph Cord Riechelmann in seinem Essay Wo sind die Vögel nachts nach. Die Antworten, die Riechelmann in seinem klugen und leicht verständlich geschriebenen Essay liefert, verdeutlichen erst einmal, dass die binäre Unterscheidung zwischen Wachen und Schlafen schwammig ist, denn manche Vögel können beides gleichzeitig. Stockenten können zum Beispiel einseitig schlafen, „also mit einer Gehirnhälfte und einem geschlossenen Auge, während die andere Gehirnhälfte wach ist und ein Auge geöffnet“. Zügelpinguine hingegen schlafen während der Brutzeit immer nur für ein paar Sekunden, das aber mehr als 10.000 Mal am Tag, und Dachsammern sind auf ihrer Reise von Alaska ins nördliche Mexiko sieben Tage komplett ohne Schlaf unterwegs und trotzdem noch in der Lage, zwischendurch Nahrung zu suchen und Lieder zu trällern. Wer noch mehr wissen will, muss selbst ins MaroHeft Nr. 15 schauen, das mit Papierschnitten von Ulrike Steinke zudem wunderschön gestaltet ist.
WO SIND DIE VÖGEL NACHTS | Cord Riechelmann (Autor) | Ulrike Steinke (Illustration) | ESSAY Maro Verlag | 2024 | 36 S. | €16,00
Fiona Behr: Drei Frauen, drei Zeitebenen, ein gemeinsames Schicksal. Altha, Violet und Kate haben viel gemeinsam, ohne sich je begegnet zu sein. Sie teilen eine starke Verbindung zur Natur mit all ihren Facetten, denn die drei entstammen der Weyward-Linie - einer Familie, deren Geschichte zu jeder Zeit unglaubliche Geheimnisse aufwirft. Was verbirgt sich wohl hinter dem alten Cottage und der mysteriösen Krähe, die jede von ihnen zu begleiten scheint?
Im Zentrum der Handlung steht aber vor allem eins: Misogynie und Gewalt durch Männer, gegen die sie alle auf eigene Art zu rebellieren versuchen. Während Altha 1619 als Hexe angeklagt wird, muss sich Violet 1942 mit einem traumatischen Erlebnis auseinandersetzen, Kate hingegen versucht 2019 ein neues Leben zu beginnen, nachdem sie in einer Nacht-und-Nebelaktion ihren gewalttätigen Partner verlassen hat.
Emilia Hart schafft es in diesem fantastischen Debütroman nicht nur, ihre Leser*innen gekonnt durch bildhafte, äußerst detailreiche Beschreibungen der Flora und Fauna in den Bann zu ziehen - ich fühlte die glänzenden Käfer förmlich neben mir krabbeln, im besten Sinne. Sie kreiert vor allem solch mitreißende Charaktere, deren besondere, emotionale Geschichten einen völlig einnehmen und nicht mehr loslassen.
DIE UNBÄNDIGEN | Emilia Hart | ROMAN HarperCollins | 2023 | 416 S. | €15,00 Taschenbuch
Annika Depping: Dieses Jahr kommt man um Paula Modersohn-Becker nicht herum – zu ihrem 150. Geburtstag finden Ausstellungen in Bremen und Worpswede statt, aber es gibt auch zahlreiche Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Anja Putensen und Kathrin Haas erzählen im Bilderbuch Ich bin mutig, ich male die Geschichte der beindruckenden Künstlerin für Kinder ab sechs Jahren aus der Ich-Perspektive, gespickt mit vielen Zitaten. Putensens einfühlsame Texte zeigen Paula als selbstbewusste, starke Frau und geben Kindern auch einen Eindruck davon, von welchen Einschränkungen und Regeln Frauen zur damaligen Zeit betroffen waren. Die Illustrationen von Kathrin Haas sind harmonisch und fast kindlich – sie holen die Betrachter*innen direkt in die Szenen und vor allem in die Natur rund um Worpswede. Denn wenn Paula Modersohn-Becker neben der Malerei etwas gern hatte, dann war es sicherlich das Draußen-Sein: „Eingehüllt vom schweren Geruch der Pflanzen, versunken in den sommerlichen Farben und umgeben von Vogelgezwitscher und dem Rauschen der Pappeln sind wir ganz bezaubert von der wilden Natur.“ Dieses Bilderbuch macht aber nicht nur Lust auf die Natur, sondern auch darauf, selbst kreativ zu werden und mehr über die Künstlerin Paula Modersohn-Becker zu erfahren.
PAULA MODERSOHN-BECKER. ICH BIN MUTIG, ICH MALE | Text: Anja Putensen | Illustration: Kathrin Haas | KINDERBUCH Verlag Hatje Cantz | 2026 | 56 S. | €24,00 | Ab 6 Jahren
Stephanie Schaefers: In Waldlichtung erinnert sich Astrid an IHN, mit dem sie Zeit am elterlichen Haus in einer entlegenen schwedischen Bucht verbrachte. Durch die Gespräche mit ihm verband sie sich neu und intensiv mit der sie umgebenden Natur. Ihn zog es jedoch immer stärker querwaldein. Auf langen Touren erkundete er die Wälder und suchte in ihnen die besonders erhellenden Orte. Irgendwann kehrte er nicht zurück. Ist er komplett in die Natur eingetaucht? Hat er seine Waldlichtung gefunden?
Im Mittelpunkt der Reihe European Essays on Nature and Landscape des KJM-Buchverlages steht stets die persönliche Auseinandersetzung der Autor*innen mit einem ausgewählten Landschaftsraum. Klaas Jarchow wählt in Waldlichtung eine literarische Erzählweise. Andere Titel wie Strand, An der Quelle oder Binnenmeer betrachten stärker kulturgeschichtlich, wie sich der Mensch mit verschiedenen Naturräumen verbindet, sie verändert oder mit Bedeutung auflädt. Die bisher 20 erschienenen Bände sind besonders gestaltete Schmuckausgaben. Mit ihren Zeichnungen, Fotografien, Infografiken und Karten laden sie zum wiederholten Betrachten und Lesen ein und machen sehr viel Lust, selbst raus in die Natur zu gehen.
WALDLICHTUNG | Klaas Jarchow | ESSAY KJM Buchverlag | 2026 | 140 S. | €20,00
Jens Laloire: Mit diesen Gedichten und Prosa-Miniaturen ziehen wir ins Moor, stehen in Weizenfeldern und begegnen Füchsen, Bienen und Amseln. Und wir beugen uns übers Mikroskop, betrachten Gefäße, Blutkörperchen und Minerale. Die Natur ist allgegenwärtig in Sophia Klinks Debüt, das im wunderbaren hochroth Verlag erschienen ist und den zauberhaften Titel Ich lösche die Kirschen aus meinen Genen trägt. Der Titel bezieht sich auf ein Experiment mit Labormäusen, die auf den Geruch von Kirschen konditioniert wurden, um die epigenetische Vererbung von Traumata nachzuweisen. Das klingt wiederum weniger zauberhaft, sondern vielmehr nach Wissenschaft, und tatsächlich ist die 1993 in München geborene Klink studierte Biologin, die in ihre Texte immer wieder Fachbegriffe (wie zum Beispiel Glochidium, haploid oder Sporangium) einfließen lässt. Zur Entschlüsselung der Termini findet sich zum Glück ein Glossar am Ende dieses schmalen Büchleins, sodass sich nicht nur die Natur poetisch erkunden lässt, sondern man zugleich auch ein bisschen dazulernen kann. Das ist Nature Writing vom Feinsten.
ICH LÖSCHE DIE KIRSCHEN AUS MEINEN GENEN | Sophia Klink | LYRIK hochroth Verlag | 2025 | 54 S. | €10,00