Was ist eine Maise? Das ist so eine jüdische Geschichte, bei der du nichts verstanden hast, aber man muss auch nichts erklären!
Du hast verstanden, dass du etwas nicht verstehst und auch nicht verstehen wirst, aber es gibt diejenigen, die es verstanden haben und nicht mehr aufhören können, es zu verstehen.
Du hast nicht verstanden, ob du weinen oder lachen sollst, aber du hast verstanden, dass man beides gleichzeitig tun kann. Hauptsache, am Feuer ist es warm und die Geschichte ist interessant, und wenn es kein Feuer gibt und die Geschichte langweilig ist – auch nicht schlimm. Fang eine andere an! Und dann kann man überall sein, seine Toten zurückholen und mit den Lebenden eine gemeinsame Sprache finden.
Eine Maise kann, was die Wirklichkeit nicht kann: Abwesende zurückbringen, ohne Dokumente, Grenzen und vorherige Terminvereinbarung. Abgerissene Häuser stehen noch an ihrem Platz. Die Großmutter ist wieder jung. Ein gebrochenes Herz ist voller Hoffnung. Das Meer ist dort, wo man es zurückgelassen hat. Und du gehst durch die vertrauten Straßen, dein Kleid flattert im Wind, und das Einzige, was zählt, sind die nackten Beine in der sengenden Sonne. Sollen sie doch nicht so weiß sein! Schließlich ist Sommer in Odesa. Das kann eine Maise – die Sonne wie ein Streichholz anzünden, selbst am trübsten Tag.
Eine Maise ist das, worauf jüdisches Storytelling aufbaut.
Ein Rabbiner namens Baal Schem Tow ging, wenn ihm eine schwierige Aufgabe bevorstand, in den Wald, entzündete ein Feuer und versank im Gebet – und das, was er vorhatte, geschah. Die nächste Generation konnte schon kein Feuer mehr entzünden, erinnerte sich aber an das Gebet. Die nächste vergaß das Gebet, kannte aber noch den Ort. Schließlich kannte Rabbi Israel von Ruschyn, sein Urenkel, weder das Feuer noch das Gebet noch den Ort. Er konnte nur noch die Geschichte davon erzählen, wie man es früher gemacht hatte. Und das half nicht weniger gut!
Geschichten heilen und verletzen. Und sie überleben diejenigen, die sie erzählt haben.
Odesa ist nicht deshalb eine Stadt der Literatur, weil Isaak Babel hier geboren wurde, Anna Achmatowa eine Datscha hatte und Lessja Ukrajinka hierherkam, um ihre Gesundheit zu verbessern. Nicht deshalb, weil sich im Haus von Mendele Mojcher-Sforim samstags jüdische Schriftsteller trafen. Und Jurij Janowskyj schrieb in Odesa seinen Roman. Er machte ständig Witze, und dafür wurde er aus der Filmfabrik entlassen, offiziell beschuldigt, „Filme durch Montage zu verderben“ und humoristische Beschriftungen zu verfassen, die dem sowjetischen Geist fremd waren.
Odesa war schon immer eine Stadt, der jeder andere Geist fremd war außer ihrem eigenen.
Odesa ist eine Stadt, in der man aus Liebe eine Straßenbahn mieten, kilometerweit über das zugefrorene Meer laufen kann, obwohl man Angst vor Wasser hat, und auf Dächern tanzen, obwohl man Höhenangst hat.
Es ist eine Stadt, in der die Romantik des Alltäglichen großzügig mit Absurdität gewürzt und zur Kunst erhoben wird. Zur Kunst, trotz allem zu leben.
In einer zerbrechlichen, wilden Welt, die jeden Moment bereit ist, dich von ihren Schultern zu schleudern wie ein wütender Bulle… Aber du sitzt da, klammerst dich an ihr fest, weinst, lachst, hältst aus, was, wie es scheint, nicht auszuhalten ist.
Und dann wird daraus Text. An einer Wand. In einem Tagebuch. In einem Buch.
Odesa ist eine Stadt, deren Raum mit Texten gefüllt ist.
Sogar auf Artilleriegeschosse, die in Richtung derer geschickt werden, die uns angegriffen haben, schreibt man Botschaften. Namen von Städten. Namen der Toten.
Nur auf Papier zu schreiben ist ein Luxus.
Seit 2022 haben wir diesen Luxus nicht mehr.
Ich bin im April 2018 aus Odesa weggegangen.
Der Phantomschmerz holte mich nicht sofort ein.
Aber schnell!
Mal kam mir ein halbrunder Balkon bekannt vor, mal bekam ich Lust, Wäsche im Hof aufzuhängen. Ich suchte in der Elbe nach Quallen. Und nach Musik. Einmal kaufte ich sogar Hering. Ich hasse Hering, ich bin nicht schwanger, ich trinke keinen Wodka. Ich muss einfach wissen, dass die Kunst ewig ist und dass Hering auf manche Menschen wirkt wie Wodka (man kann auch beides nehmen): Sie öffnen sich wie automatische Türen und erzählen die Wahrheit über sich. Ich muss einfach wissen, dass man ungefragt an meine Tür klopfen kann, aber in der Erwartung, dass es Hering gibt.
So etwas nennt man wohl kulturellen Code.
Mit den Jahren hörte die Stadt-in-der-ich-lebe auf, so fremd zu sein. Ich fand Freunde, Bekannte, denen ich aus dem Weg gehe, wenn ich sie in ihrer Straßenbahn sehe, Patienten und Ärzte, eine Frau, bei der ich auf dem polnischen Markt Minze und Rucola kaufe, und einen Inder, bei dem ich Falafel kaufe, ich habe Nachbarn, einen Gemeinschaftskater (er ist irgendwann hereingelaufen und lebt jetzt bei uns im Hausflur, und ich weiß, welches Futter er mag und welches nicht), es gibt ehemalige und zukünftige Erzieher meines Kindes, und ich weiß, in welchem Blumenladen man am besten Blumen kauft.
Ich bin zur Einheimischen geworden, ich kann eine Steuererklärung ausfüllen und „alles klar“ sagen, wenn ich ein Gespräch beenden will. Und sogar meinen Urlaub ein Jahr im Voraus planen.
Und was ist mit der Stadt-die-in-mir-lebt?
Im Turm des Hauses Nummer fünf in der Preobraschenska befindet sich ein Leuchtturm. Die Schwiegermutterbrücke zittert wie die Knie. Das Meer bewegt sich einmal, das Meer spült alle Ängste fort, Möwen klauen den Gähnenden das Brot, Schaulustige strömen verschlafen aus dem Zug, begrüßt werden sie von der Neonaufschrift „Willkommen in der Heldenstadt Odesa“, und aus einem eisernen Mund, der an einen Pfahl gebunden ist, erklingt ein altes Lied über das Meer, das in fremde Länder ruft.
So sah mein Odesa nach der Emigration aus.
Und dann begann der große Krieg.
Und Odesa wurde zum Mythos.
Der Krieg besitzt die schreckliche Fähigkeit, Alltägliches in ein Symbol zu verwandeln.
Literatur tut dasselbe. Sie saugt einen völlig gewöhnlichen Hof, einen Balkon, einen Baum, den Geruch des Meeres in sich auf und spuckt anschließend einen ätzenden Saft aus. Er ist sehr nahrhaft, er rettet vor dem Verhungern, er brennt. Und du verstehst: Sieh dir dieses Haus noch einmal an, diesen Riss im Asphalt, diesen Zug. Das war wichtig, schau aus nächster Nähe hin, schieß aus nächster Nähe, verpasse es nicht, lass dich nicht ablenken.
Und solange diese Geschichten erzählt werden, kann die Stadt nicht endgültig verloren gehen.
Seit 2022 wird das Erzählen zu einer Möglichkeit, eine Wirklichkeit festzuhalten, die physisch zerstört wird.
Aber was wissen die schon, wir sitzen alle am Feuer und hören eine Geschichte über das Meer. Es ist groß und unendlich, es ist blau, obwohl es schwarz ist, es ist tief und still, alles geht vorbei, und auch das wird vorbeigehen.
Selbst wenn wir den Weg zum Feuer vergessen, wird später jemand eine Geschichte über das Feuer erzählen.
Iryna Fingerova
ist geboren und aufgewachsen in Odesa, lebt heute in Deutschland und arbeitet als Ärztin, Journalistin und Schriftstellerin. Ihr Schreiben umfasst Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Essays und Kinderbücher. Iryna Fingerova ist Gründerin und Kuratorin des in Odesa ansässigen Theaters der Ohren, das einen festen Platz in der Kulturszene der Stadt einnimmt. Zugwind ist ihr dritter Roman und der erste, den sie in Teilen auf Deutsch verfasst hat.
Iryna Fingerova eröffnet mit einer Lesung aus Zugwind am 26. Oktober das globale°-Festival
Zur Veranstaltung mit Iryna Fingerova