Und jetzt queer! ist im März 2026 im Leykam Verlag erschienen. Die drei Autor*innen Marlon Brand, Bianca-Maria Braunshofer und Tobi Schiller haben in diesem Sachbuch einen Versuch unternommen, queere Literatur zu definieren und diskutieren (vermeintlich) queere Bücher.
Am 18. November kommen die drei Autor*innen im Rahmen der Veranstaltungsreihe queer.lit! vom Literaturhaus ins Kulturzentrum Lagerhaus und sprechen über ihr Buch.
Die drei queeren Autor*innen beschäftigen sich auf professioneller Ebene seit vielen Jahren mit queerer Literatur:
Bianca-Maria Braunshofer (sie/ihr/keine) ist Co-Gründerin der Buchhandlung o*books mit Fokus auf queere, feministische und inklusive Literatur für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie ist Diplom-Sozialpädagogin und studierte Germanistin.
Marlon Brand (er/ihm) studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Bereits hier forschte er zu den Möglichkeiten eines Kanons schwuler Literatur. Seit 2017 schreibt er unter @booksaregayasfuck über queere Literatur, seit 2021 gibt er gemeinsam mit Tobi Schiller das Newsletter-Magazin Queerer Kanon? heraus.
Tobi Schiller (er/ihm) ist Redakteur, Autor und Literaturvermittler. Er schreibt u. a. für verschiedene Magazine und Anthologien und moderiert Literaturveranstaltungen. Während seines Studiums der Medienwissenschaften beschäftigte er sich intensiv mit queeren Archiven.
Das Buch ist gegliedert in verschiedene größere Abschnitte, zu denen die Autor*innen jeweils einzelne Kapitel geschrieben haben.
Nach einer Definition geht es um Orte queerer Literatur, um Verlage, um Genres, und um queere Schullektüre. Gen Ende des Buches unternehmen die drei Autor*innen den Versuch, einen queeren Kanon zu klassifizieren.
Es wird diskutiert, ob es einen queeren Kanon überhaupt geben kann, da ggf. „mit dem Wunsch nach einem queeren Kanon nicht auch der Wunsch nach Eindeutigkeit einhergeht, die es im Queeren gar nicht geben kann.“ Gleichzeitig wird aber die Notwendigkeit betont: „Ein queerer Kanon kann ein Ort für Erinnerungsarbeit und für Gegenwartsbewältigung sein – ein Raum der Begegnung und des Austauschs.“
Tobi Schiller schaut in einem Kapitel auf queere Gattungen und nennt als ein zentrales queer-literarisches Genre die Coming-Out-Literatur.
„Coming-out-Literatur erfüllt mehrere Funktionen. Sie bietet Identifikationsmöglichkeiten für queere Leser*innen und kann Ungeouteten dabei helfen, den eigenen Coming-out-Prozess im geschützten Raum der Literatur durchzuspielen. Geoutete können sich beim Lesen in den Schilderungen wiedererkennen und als Teil einer Gemeinschaft oder Community empfinden, die vergleichbares erlebt (hat). […] Neben der persönlichen Ebene ist Coming-out-Literatur immer politisch, da sie die Identitätsfindung und Selbstbehauptung in einer oftmals queerfeindlichen Gesellschaft thematisiert.“
In Und jetzt queer! argumentieren die Autor*innen, dass es viele Klassiker der Literaturgeschichte gibt, die nicht als queere Literatur rezipiert wurden. Tobi Schiller schreibt: „Um die Queerness in historischen wie zeitgenössischen Texten zu verstehen, braucht es Wissen um die Bedeutung bestimmter Begriffe, Anspielungen und literarischer Mittel, die vor allem innerhalb queerer Communitys gelesen und entschlüsselt werden können.“
Als Beispiel dient das Gedicht Shadwell Stair von Wilfred Owen (1893-1918), der als War Poet bekannt ist. Dass die Shadwell Park Stairs zu Owens Zeit ein Cruising-Treffpunkt waren, war wie die Queerness Owens aus unterschiedlichen Gründen lange Zeit kaum Thema der Rezeption.
Im Kapitel über queere Literaturorte fragt Bianca-Maria Braunshofer: „Warum steht ein lesbischer Liebesroman nicht selbstverständlich neben einem historischen Roman oder einem Bestseller von Mariana Leky? Wird queere Literatur durch eigene Regale sichtbar gemacht – oder vielmehr abgetrennt?“
In einem Kapitel resümiert Marlon Brand: „Ich wünsche mir queere Literatur, die der Komplexität unserer Leben gerecht wird und die sich nicht darum schert, was für den Mainstream akzeptabel ist oder nicht. Literatur, die unbequem sein darf, widersprüchlich, roh, exzessiv, politisch.“
Denn „[…] deshalb ist queere Literatur wichtig: Sie liefert ein vollständigeres Bild unserer Geschichte.“
In Und jetzt queer! haben die drei Autor*innen viel queer-literarisches Wissen von der Antike bis zur Gegenwart versammelt, es ist außerdem ein Buch über die Geschichte queerer Autor*innen und Leser*innen und wie Orte geschaffen wurden, an denen queere Literatur verlegt und gelesen werden kann.
Es ist ein wichtiger Beitrag für die Rezeption queerer Literatur und ein Impuls für die Zukunft. Im Outro heißt es:
„Das Ende dieses Buches soll keineswegs das Ende der Auseinandersetzung mit queerer Literatur sein – weder für uns als Autor*innen noch für euch als Leser*innen. Sondern ein Anfang. […] Queere Literatur lebt davon, dass sie geteilt, gelesen, diskutiert und immer wieder neu interpretiert wird.“
Ganz im Sinne von Und jetzt queer! freuen wir uns auf die Lesung mit den drei Autor*innen am 18.11. bei queer.lit!
UND JETZT QUEER! LESEN JENSEITS DER NORM | Bianca-Maria Braunshofer, Marlon Brand, Tobi Schiller | SACHBUCH Leykam Verlag | 2026 | 240 S. | €25,50