Es muss sich etwas ändern, das spüre ich momentan in vielen Bereichen meines Lebens; meine romantische Beziehung steckt in einer Dauerkrise (oder meine Beziehung zur Romantik?), von meiner Arbeit, die ich liebe, kann ich kaum leben. Ich befinde mich an einem zugigen Ort. Soll ich mich trennen? Soll ich das professionelle Schreiben fürs Erste hintenanstellen, um zu versuchen, mit einer anderen Tätigkeit mehr Geld zu verdienen?
Die Antworten auf diese Fragen bedingen einander. Es muss sich etwas ändern, denke ich, wenn ich politische Diskurse verfolge, die nach Lösungen für gesellschaftliche Probleme suchen, ohne den Kapitalismus als gemeinsamen Nenner in den Blick zu nehmen, es muss sich so grundlegend etwas ändern.
Es ändert sich was!, grölt mein Körper und schickt mich auf die nächste hormonelle Achterbahnfahrt. Nachts liege ich wach, meine Gedanken kreisen um sich verselbständigende KI-Agenten, Todeszonen in der Ostsee, und einen Vorfall beim Fußballtraining meines Sohns, bis ich vor lauter Sorge um meine Kinder Herzrasen bekomme.
Ich bin mit diesem Ohnmachtsgefühl nicht allein, das weiß ich. Mit meinem Wunsch nach Veränderung. Doch was tun?
Babysteps, sagt eine Freundin, mit der ich über meine Überforderung rede. Und auch meine Therapeutin rät mir, die großen Veränderungen in kleinen Schritten anzugehen, mich an sie heranzutasten. Ich nicke, und merke doch, dass ich mich nach einem richtigen Plot-Twist sehne – nach einem Ereignis, das meiner Geschichte eine neue Richtung verleiht, Klarheit schafft, Eindeutigkeit. Seien wir ehrlich: Ich sehne mich nach Erlösung.
Den elf Protagonistinnen in meinem Erzählband DU, HIER verweigere ich diese Art von Klarheit. Ich schicke sie in Situationen, aus denen heraus sich Räume eröffnen, nicht Wege. Es geht in ihren Geschichten eher um Verschiebungen als um Wendepunkte. Um mich zu vergewissern, dass ich das auch wirklich so meine - und weil ich nicht weiß, was auf diese Feststellung folgen soll - googele ich Wendepunkt. Wikipedia erinnert mich daran, dass der Begriff eigentlich aus der Mathematik stammt, er bezeichnet jenen Punkt, an dem eine Kurve ihr Krümmungsverhalten ändert, von einer Rechts- auf eine Linkskurve wechselt, oder umgekehrt. Ich betrachte die Grafik, was könnte eindeutiger sein als eine Linie? Dann muss ich an Ursula K. Le Guin denken. In ihrer Carrier Bag Theory of Fiction setzt sie der linearen Erzählung der Heldenreise, die sie mit einem Speer vergleicht, den Tragebeutel als Erzählmodell entgegen.
Nicht der Held und seine Waffe, sondern das Sammeln, Bewahren und Zusammenbringen verschiedener Dinge bildet den Ausgangspunkt. Übertragen auf das Erzählen bedeutet das, Geschichten nicht zwangsläufig auf einen Höhepunkt oder eine finale Lösung hin auszurichten (ich würde hinzufügen: auf einen Wendepunkt), sondern unterschiedliche Figuren, Erfahrungen, Ereignisse und scheinbar nebensächliche Momente nebeneinander bestehen zu lassen. Meine letzte Beschäftigung mit Le Guin ist Jahre her und ich bin froh, dass ich wieder bei ihr gelandet bin. Ihre Tragetaschen-Theorie hat mir immer Hoffnung gegeben, weil sie den Blick vom Individuellen aufs Kollektive richtet, Raum schafft für Ambivalenz im positiven Sinne, für sich widersprechende und ergänzende Erzählungen. Die Vorstellung von meinem Erzählband DU, HIER als Le Guin’sche Tragetasche gefällt mir.
Kann die Literatur ein Ort der Mehrdeutigkeit sein, wenn die Wirklichkeit es nicht ist? Im Kampf gegen den Faschismus ist wenig Platz für Ambivalenz. Vor einigen Tagen spülte mir der Algorithmus einen Clip aus einer Talkshow mit Marina Weisband in den Feed, indem sie anlässlich der Wahl von Tobias Rausch zum Landtagspräsident in Sachsen-Anhalt, die Notwendigkeit betont, dass jede*r einzelne*n von uns ihre*seine rote Linie zieht: Wir müssen uns alle fragen: Wann ist der Tag, an dem ich aufhöre, meinen Job normal zu tun, mich an alle Regeln zu halten, alles zu schlucken, einfach nur auf das Beste zu hoffen? Wann ist der Tag, wo ich anfange, etwas aktiv zu tun, mich aktiv einzubringen, oder aktiv Widerstand zu leisten?
Julia Wolf
ist Autorin und Übersetzerin, sie lebt in Berlin. Für ihre schriftstellerische Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet, so gewann sie 2017 den 3sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Preises und war mit ihrem Roman Walter Nowak bleibt liegen für den Deutschen Buchpreis nominiert. Als Mitglied von Liquid Center hat sie 2024 den Kollektivroman ›Wir kommen‹ herausgegeben, 2025 war sie für ihre Übersetzung von Samantha Harveys ›Umlaufbahnen‹ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.