Ich fahre nach Danzig, dort gibt es eine Residenz und polnische Mandarinen. Die Mandarinen sind schon geschrieben (mein Debütroman) und jetzt auf einmal übersetzt (mein Debütroman, jetzt auch auf Polnisch). Die Residenz ist für mich und mein Schreiben nach den Mandarinen. Also fahre ich nach Danzig und bevor ich fahre, sagen mir die, die schon da waren, wie schön es ist, wie wunderwunderschön.
Fünf Wochen bleibst du?, sagen sie und: Du Glückspilz!
Ja, ich weiß!, sage ich und: Ich fahre nach Danzig, um zu schreiben.
Ich wurde letztens gefragt, was Reisen mit dem Schreiben macht. Macht es überhaupt etwas? Meine Antwort darauf kommt postwendend und enthusiastisch: ja! Reisen macht etwas mit dem Schreiben, weil es etwas mit den Schreibenden macht. Reisen eröffnet neue Perspektiven und dabei zählt nicht bloß, was wir sehen, sondern vor allem, wie wir es sehen.
Die neue Umgebung fordert eine Aufmerksamkeit ein, die wir, so will ich meinen, unserem Zuhause im Alltag selten schenken. Wie oft heben wir im Alltag den Blick, bleiben vielleicht sogar stehen und staunen ganz ungeniert über das, was sich uns da bietet? In Danzig tritt man aus dem Literaturhaus mitten auf die Długastraße und weiß gar nicht, welches zauberhaft bunte Zuckerhaus man zuerst bestaunen soll, sieht dann den Turm das Rathauses, der den Blick noch höher zieht, dann fällt er wieder, auf den Neptunbrunnen und den Langen Markt. Auf der Straße unterwegs: die Staunenden, die auf Reisen sind, und die scheinbar Unbeeindruckten, die in ihrem Alltag sind. Erstere gucken auf Häuser, heben den Blick und ihre Handys. Letztere gucken auf Erstere, um sie nicht umzurennen. Für Letztere, so höre ich, wird der Weg zur Arbeit nach dem Sommer wieder etwas leichter, weil sich nicht mehr diese unendliche Masse an Ersteren durch die Straßen schiebt.
Die ersten Tage in Danzig bin ich staunende Reisende. Ich schlendere, die Augen weit geöffnet, als könnte ich so mehr aufnehmen, und mache Fotos von bunten Häusern und Kirchen und Statuen und Kopfsteinpflaster und dem Fluss und dem Museumsschiff und der Philharmonie und dem Riesenrad und der hochgeklappten Fußgängerbrücke und dem Hafen und dem Museum des Zweiten Weltkriegs und dem Europäischen Solidarność-Zentrum. Ich verlaufe mich, manchmal absichtlich, streife durch Stadtteile abseits der Altstadt, lasse mir von Google beibringen und von einer Muttersprachlerin bestätigen, wie man das Wort ausspricht, das W-R-Z-E-S-Z-C-Z geschrieben wird. Wrzeszcz. Das ist ein Stadtteil von Danzig und gleichzeitig der Imperativ des Wortes „wrzeszczeć“, zu Deutsch „schreien, lauthals brüllen“. Ich betrachte dieses Wort mit so vielen Z’s und C’s und nur einem Vokal und glaube nicht, dass ich es lauthals brüllen kann, aber verliebe mich augenblicklich und heftig in diese Sprache.
Ich tauche tiefer ein, sehe mir die Meilensteine an, die triumphalen und die tragischen, gehe von der Gründung der ersten unabhängigen Gewerkschaft Solidarność in der Danziger Lenin-Werft zurück durch die Zeit zu den ersten Schüssen des Zweiten Weltkrieges auf der Danziger Westerplatte. Ich vertiefe mich in die Dichotomie von Ost und West, die so weit getrieben wurde, dass es irgendwann keine Mitte mehr gab, in der man sich treffen konnte, und sehe nebenbei der Geschichte dabei zu, wie sie fleißig daran feilt, sich wiederholen zu dürfen. Ich vergrabe mich in Danzig, in Danzigs Geschichte, in meiner Geschichte, in meinen Geschichten, in Sprachen und Worten, im Erzählen. Ich nehme alle großen, schweren Eindrücke mit in Cafés und Kulturstätten, setze mich zwischen Bücher und Bilder und Menschen mitten rein in meine Texte. Abends packe ich sie wieder ein, die Eindrücke und die Texte, nehme sie mit in mein Danziger Zuhause, auf meine Fensterbank, auf die ein Kissen passt und ein Po.
Ich öffne die alten Fenster. Vor mir liegt ein begrünter Platz, dann eine Reihe bunter Häuser, dahinter die Marienkirche. Ihre zahllosen Türmchen recken sich über alles andere, ihre Uhr erwidert meinen Blick. Der Zeiger springt vor, das Glockenspiel singt, dann schlagen die ausgewachsenen Glocken die Uhrzeit und die Dohlen stimmen laut keckernd mit ein, umkreisen den Platz und verkünden allem, was Ohren hat, den Einbruch der Nacht. Vom Reisen gehe ich langsam über ins Residieren, von Fotos und Notizen in Sätze, Zeilen, Seiten. Ich finde meine Orte zum Schreiben in Danzig, finde meine Klänge, die die Stille vertreiben, in der ich nicht gut schreiben kann. Ich erwische mich dabei, wie ich durch die Straßen laufe, ohne hinzusehen, im Slalom um die Staunenden herum, wie eine, die hier ihren Alltag hat. Wie eine, die hier jetzt ein bisschen zu Hause ist in Danzig.
Gianna Lange
geboren 1988 in Bremen, studierte Journalistik und Transnationale Literaturwissenschaft in Bremen und London. Sie ist Gründungsmitglied des Lyrikkollektivs gabrieleschreibtgedichte sowie des Kollektivs für junge Literatur Kollit. Im Jahr 2015 erhielt sie vom Bremer Literaturkontor das Bremer Autor*innenstipendium für ihr Romanprojekt Elise. Im Frühjahr 2025 erschien ihr daraus entstandener Debütroman Und dann springen wir in der Frankfurter Verlagsanstalt. Im Zuge der im September 2026 erschienenen polnischen Übersetzung (I wtedy skoczymy, Marpress Verlag, übersetzt von Ewa Mikulska-Frindo) wurde sie vom Dom Literatury w Gdańsku (Literaturhaus Danzig) zu einer Schreibresidenz in Danzig eingeladen.
Gianna Lange lebt in Bremen und arbeitet dort im Konzerthaus Die Glocke sowie beim Musikfest Bremen.
Podcast Schreibgespräche mit Gianna Lange