Yrsa, Schwarze Doktorandin in Cambridge, ist frustriert von der akademischen Welt, in der sie sich bewegt. Ihre Dissertation über Afropessimismus und die Befreiung der Frau kommt kaum voran, während ihre privilegierten Studierenden sie zur Verzweiflung bringen. Als die Forschungsarbeit ihrer Freundin von deren Geliebtem, einem verheirateten Professor, gestohlen wird, gerät etwas in ihr in Bewegung.
Kurz darauf wird ebenjener Professor von einer Biene gestochen und stirbt aufgrund Yrsas absichtlich unterlassener Hilfe. Sein Tod wird zum Wendepunkt, da Yrsa erstmals jene Handlungsmacht verspürt, die sie lange gesucht hat.
Und genau hier beginnt für mich das eigentlich Spannende an Honey: die Verwandlung. Aus einer passiven Beobachterin wird eine Frau, die beginnt, sich selbst zu ermächtigen. Weitere Männer geraten in ihr Visier, die sie als sexistisch, rassistisch oder übergriffig wahrnimmt und für sie jene Welt verkörpern, die sie zunehmend verachtet. Mit jedem Mord scheint etwas von der Lähmung zu verschwinden. Was sie zuvor rein wissenschaftlich untersucht hat - Macht, Gewalt, Rassismus und Geschlechterverhältnisse - wird nun zur Grundlage ihrer Entscheidungen. Gleichzeitig kommt ihre Dissertation voran.
Thompson bringt ihre Leserschaft in eine ambivalente Position: Man kann Yrsas Wut nachvollziehen und ihre Handlungen dennoch kritisch betrachten. Honey stellt die unbequeme Frage: Was passiert, wenn jemand, der sich lange als machtlos erlebt hat, plötzlich Macht bekommt. Und: Was macht diese Macht mit einem Menschen?
Wer eine ausführliche Auseinandersetzung mit Afropessimismus erwartet, könnte enttäuscht sein, da Thompson die Theorie selbst nur begrenzt darstellt. Stattdessen begegnet sie uns vor allem durch Auszüge aus Yrsas Dissertation und den darin zitierten Theoretiker*innen. Gleichzeitig eröffnet das eine weitere Frage: Wer trägt Verantwortung dafür, rassistische Strukturen zu verändern - diejenigen, die von ihnen betroffen sind, oder diejenigen, die von ihnen profitieren?
Diese Frage bleibt für mich interessanter als die Beurteilung, ob Yrsa mit ihren Entscheidungen „recht“ hat. Denn Honey macht auf bizarre, sarkastisch-böse und zum Teil verstörende Art sichtbar, wie eng persönliche Wut, gesellschaftliche Strukturen und individuelle Handlungsmacht verbunden sein können.
Alina Koch
HONEY | Imani Thompson | Übersetzung: Asal Dardan | ROMAN Rowohlt Verlag | 2026 | 416 S. | €25,00
Der Books Club Bremen
wurde von Alina Koch ins Leben gerufen, aus dem Wunsch heraus, Lesen nicht nur als individuelles Hobby, sondern als gemeinschaftliches Erlebnis zu gestalten. Bei Buchbesprechungen, Lesepicknicks und Reading Partys bringt sie Menschen in Bremen zusammen - zum Lesen, Entdecken, Diskutieren und Kennenlernen. Honey war das zuletzt gemeinsam gelesene Buch.
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