Satzwende: Julia Weber

Ein kleiner Regenwurm liegt auf einer Handfläche
© Annika Depping

Meine Gedanken zur Verwandlung

Von Julia Weber

Ich habe eine Figur erfunden für meinen Roman, Weil ich Ruth bin. Sie heisst Ruth und kann Menschen in Tiere verwandeln.

Ein Mensch wird zum Regenwurm. Und es ist nicht allein das Regenwurmsein, was zählt, es ist nicht ein Ziel, das zu erreichen ist, wie es in unserer Leistungsgesellschaft gerne gehandhabt wird, es ist viel mehr das Werden an sich, was tragend ist in meinen Gedanken zur Verwandlung. Überhaupt etwas werden, sich hingeben, sich zusammentun mit der Welt, sich einflechten in die Dinge, loslassen vom Menschsein, übergehen in das Bett, in dem man liegt, in das Sonnenlicht, das einen bescheint, in die Luft, die man atmet, in der kleinste Staubteilchen schweben und in das Summen eines Insekts, und das Rauschen vom Wind vor dem Fenster, in das Dröhnen des Staubsaugers der Nachbarin und eben in Ruth. 

Ruth berührt dich an der Schulter und du wurdest noch nie in deinem Leben auf diese Art und Weise an der Schulter berührt. Sie berührt dich ohne Wertung, ohne Zuschreibung, ohne Grund, einfach nur, weil du in ihrem Bett liegst, weil sie es kann, weil sie Ruth ist. 


Sie geht mit den Fingern deinen Rücken hinab und die Haut beginnt dunkler zu werden, verdunkelt sich, an gewissen Stellen, vielleicht dem Schulterblatt, bleibt Ruth mit den Fingern, sanft, wird die Haut heller, wird rosa, himbeerrot, wird fast weiss, es gibt einen wunderbaren Verlauf der Farben deinen Rücken entlang. Und je länger die Finger von Ruth über deine Haut fahren, je elastischer wird sie. Sie wird weicher und weicher, gibt nach, wird feucht.

Deine gesamte Konsistenz verändert sich. Du spürst die Lippen von Ruth an deinem Knie und dann löst sich die Kniescheibe langsam auf, wird weicher, verschwindet, du spürst, wie dein Schienbeinknochen weicher wird unter Ruths Lippen, die Härchen an deinen Beinen stellen sich auf, der Fersenknochen wird weich und löst sich auf, die Füsse liegen lieb und nutzlos herum, dein Skelett verschwindet, dein Körper liegt knochenlos in Ruths Armen. Und du wirst kleiner und kleiner, von der Welt umgeben, von Ruth gehalten bleibst du als Regenwurm zurück.


Es gibt mehr Menschen, die sich vorgestellt haben, ein Seeadler zu sein, der über kantigen Felsen und sanft grünen Wäldern fliegt, als ein Regenwurm, der sich in die feuchte, weiche Erde eines Vorgartens drückt, da bin ich mir sicher. Doch der Regenwurm wird nicht unbedingt schlecht bewertet, sondern gar nicht. Der Regenwurm ist relativ frei von Meinungen. Dem Regenwurm werden keine besonderen Fähigkeiten, Kräfte übertragen und damit ein Druck, ein Wundertier zu sein. Der Regenwurm kann einfach Wurm sein, kann sich in die Erde drücken, sich bewegen, in dieser braunen Masse existieren. Und ich glaube nicht, dass Regenwürmer Langeweile empfinden oder Neid, ich denke nicht, dass Regenwürmer sich gegenseitig bewerten oder an Morgen denken, an die Zukunft, an Gestern und an das, was vor drei Jahren passiert ist, was er, der Regenwurm gemacht hat. Ich glaube, ein Regenwurm bereut nicht und er denkt nicht daran, was man als Regenwurm eigentlich noch alles zu leisten hat. Ich glaube nicht, dass ein Regenwurm einen anderen Regenwurm danach beurteilt, was er schon alles geleistet hat und wo er herkommt, nach seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht, seinem Alter. 


Vielleicht will ich mit der Verwandlung auch einfach die Möglichkeiten erweitern. Zum Beispiel die Möglichkeit, ein Regenwurm zu sein. Wir könnten uns den Regenwurm auch als Vorbild nehmen. Wir könnten uns gegenseitig verwandeln, indem wir uns berühren. Und wir könnten dies mit Fürsorge tun, ohne Macht, ohne Anspruch an ein Ziel. Wir könnten auch versuchen zu vergessen, wer wir sind, wir selbst und der andere. Und in diesem Vergessen, können wir etwas werden.

Vielleicht überhaupt etwas werden, uns hingeben, uns zusammentun mit der Welt, uns einflechten in die Dinge, loslassen vom Mensch sein, übergehen in das Bett, in dem wir liegen, in das Sonnenlicht, das uns bescheint, in die Luft, in die wir atmen, in der kleinste Staubteilchen schweben und in das Summen eines Insekts, und das Rauschen vom Wind vor dem Fenster, in das Dröhnen des Staubsaugers der Nachbarin und eben in Ruth. 


© Ayşe Yavaş

Julia Weber

wurde 1983 in Tansania geboren und zog 1985 mit ihrer Familie nach Zürich. Nach der Schule machte sie eine Lehre als Fotofachangestellte, später studierte sie literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Ihr Debüt Immer ist alles schön (Limmat 2017) wurde mehrfach ausgezeichnet, es folgte der Roman Die Vermengung (Limmat 2022). Weil ich Ruth bin (Limmat 2026) ist ihr dritter Roman.

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