An dieser Stelle erwarten dich in lockerer Folge exklusive Einblicke in die große Sammlung von Künstlerbüchern der Städtischen Galerie Bremen. Bücher, gestaltet von Bremer Künstlerinnen und Künstlern. Der Senator für Kultur hat über Jahrzehnte künstlerische Projekte zu Katalogen und zu Büchern als Kunstwerk unterstützt. Die entstandenen Kataloge und Künstlerbücher wurden nach und nach auch in die Sammlung aufgenommen. Einige besondere Exemplare habe ich aus den Regalen des dortigen Archivs gezogen. Hier sollen diese Schätze endlich einmal wieder sichtbar werden.
Alle Texte und Fotografien © Bernadette
BUCH - noch ohne Titel, ein Künstlerbuch
von Nanja Heid
Beim Betreten der Atelieretage im Zentrum für Kunst ist es ungewöhnlich ruhig. Im Atelier von Nanja Heid stehen die Maschinen heute still. Eine großformatige Papierbahn hängt frei im Raum und leuchtet vor den Fenstern in kräftigen Rot- und Blautönen. Die Bildfläche der Faden- und Farbmalerei auf durchscheinendem Washi (jap. Papier) sieht aus, als sei sie von unzähligen Nadeln aus Licht durchstochen.
Nanja Heid führt mich zu einem Tisch am Fenster. Hier liegt das Künstlerbuch im schräg einfallenden Tageslicht. Ich bin irritiert: Vor mir stapeln sich graue Stoffstücke in vertrautem DIN A4 Format, jedoch mit ungewöhnlichem Schriftbild. Von der Künstlerin erfahre ich, dass sie 2024 während eines Stipendiums der Alexander Sarasin Stiftung die Idee für dieses Buchprojekt entwickelte und dass es für sie noch nicht abgeschlossen ist.
Ich blicke zurück auf die Papierbahn, die für eine umfangreiche Werkreihe von Faden-Malereien steht. Für diese großflächigen Bilder sammelt Nanja Heid auf eine ungewöhnliche Weise Material: Bei geschlossenen Augen lauscht sie dem Gesang von Vögeln, Geräuschen des Alltags oder hört auf den Puls des eigenen Herzens. Von den wahrgenommenen Tönen und Lauten lässt sie den Stift in ihrer Hand lenken. Die so entstehenden Blindzeichnungen auf Papier dienen ihr später als Skizzen für malerische Bildfindungen.
“Dies ist kein Tagebuch!” betont die Künstlerin. Denn liegt ein noch leeres Blatt aus Stoff vor ihr auf dem Arbeitstisch, stellt sie sich eine Frage, wie z.B. “Was ist Wahrheit?”, oder “Warum existiert der Mensch?” Darauf Antworten suchend überlässt sie sich einem absichtslosen, ungelenkten In-Sich-Hineinhören und überträgt gleichzeitig die Laute der auftauchenden Gedanken mit ihrer Nähmaschine als Tonspur aus Fäden in den Stoff.
Sie spricht von den unterschiedlichsten Stimmungen während des Nähschreibens, von Erregung, vom Wundern und Wanken, von einem Gefühl der Überforderung in der Welt. Ein zusätzliches Protokoll des Gedachten entsteht nicht.
Von herkömmlichen Publikationen unterscheidet sich dieses Künstlerbuch bereits auf den ersten Blick. Buchstäblich werden deren formale Grenzen erweitert: Der in Grautönen changierende Buchblock ist struppig. Beim Auf- und Umblättern der Seiten wird unwillkürlich ein Einband mitgedacht und über dieser nicht vorhandenen Bindung entfaltet sich das Buch. Das Bewegen der Seiten stört frei liegende Fadenenden auf. Für einen kurzen Moment scheinen sie lebendig zu werden. Wie tastend stoßen sie auf den Tisch und tauchen in den Schattenraum zwischen den Seitenstapeln.
Stoffe mit einer sauberen Naht zusammenzubringen ist der eigentliche und praktische Zweck einer Nähmaschine. Ihr Rattern im Auf- und Ab der Nadel und die rhythmisch getaktete Linie der Naht sind akustisches und visuelles Zeitmaß.
Im Fadenschriftbild des Künstlerbuches gerät dieses Zeitmaß jedoch unregelmäßig. Die Zeilen bestehen aus zackigen Linien, sich verhaspelnden Fadendiagrammen aus Ober- und Unterfäden, die, sich verknotend und verschlingend in den Stoff eindringen, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. An ihrem Ende laufen die Zeilen in zwei losen Fäden aus.
Eine Nähmaschine muss auf ein genaues Spannungsverhältnis zwischen Faden und Stoff eingestellt sein, denn so bleiben die Verbindungsknotenpunkte von Ober- und Unterfaden in der Stofflage unsichtbar. Die Nadel umfährt im Verborgenen mit dem Oberfaden rasend schnell die Spule des Unterfadens und umschlingt ihn. Gleichzeitig befördert die Stichplatte ruckartig den festgeklemmten Stoff um die einzustellende Stichlänge.
Die Nähmaschine im Atelier von Nanja Heid ist jedoch eine Spezialanfertigung. Sie sieht aus, als wäre sie auf 1 ½ Meter gedehnt worden. Ihre Konstruktion erlaubt es, den Stoff unter der Nadel frei hin- und herzubewegen. Die Nadel wird für die Künstlerin zum feststehenden Stift. Da die Schreibbewegung mit dem Stoff erfolgen muss gerät die Fadenspannung unregelmäßig, die Verschlingungen der beiden Fäden werden ans Licht gezerrt und die Stofflage bildet Beulen und Buckel zwischen den Nähten.
Für die Buchseiten wird der verwendete Baumwollstoff nicht zugeschnitten, sondern dem Fadenlauf folgend in Format gerissen. Die Kanten bleiben ausgefranst und sind nicht versäubert.
Der fadenbeschriebene Stoff wird einseitig und unregelmäßig mit schwarzer Farbe bedruckt. Während des Trocknens bäumen sich einzelne Fäden auf und hinterlassen weiße Schatten auf dem Stoff. Eine weitere Ebene ergibt sich, so die Künstlerin. Da die Farbe nicht in den Stoff eindringt, stehen auf der Rückseite die Fäden weiterhin schwarz auf beinahe Weiß. Umseitig ist auch zu erkennen, dass jede der Zeilen mit einer Verwicklung, Verwirrung und Verdichtung von Fäden beginnt. Um ein Auftrennen zu verhindern, werden die Zeilennähte durch ein Vor- und Zurück der Nadel verriegelt.
Faden ist Linie. Schrift ist linear. Text ist Anordnung von Zeilen im Block. So weit, so gut.
Doch hier führt jeder Versuch, etwas zu entziffern, zu einer Enttäuschung, denn Buchstaben sind in den Zeilen nicht zu erkennen. Der Blick irrt über die Nähte und folgt den Fäden von Einstich zu Einstich, findet aber nicht zu der ruhigen Blickbewegung, wie sie typisch ist für das Lesen eines Textes. Verunsichernd, aber gleichzeitig anregend ist das Blättern durch die Seiten und das Betasten der Schrift. Diesem Künstlerbuch mit seinen Fadenwucherungen, Fadenzuckungen und sich verwirrenden Fäden muss etwas zugedacht werden.
Zum Ende unserer Begegnung erwähnt die Künstlerin noch, dass sie das Nähen und die Malerei über viele Jahre parallel betrieben habe. Dann, auf der Suche nach einer neuen Art zu malen, hätten unwillkürlich Farbe und Faden in einem ihrer Bilder zusammengefunden.
Wir verlassen ihr Atelier. Zwei Fragen bleiben noch unbeantwortet im Raum zurück: Wie könnte dieses Buchobjekt, das die Lust und das Verlangen weckt, es zu berühren und in den Seiten zu blättern, in einer Ausstellung präsentiert werden?
Und: Was könnte der Titel für dieses Künstlerbuch sein?
Bernadette, August 2026
BUCH - noch ohne Titel
seit 2024, 190 Seiten, still in progress
Unikat
Nanja Heid lebt und arbeitet in Bremen. Ihr Atelier befindet sich im ZENTRUM FÜR KUNST, im Tabakquartier, Woltmershausen.
Weiteres unter www.nanja-heid.de
Die besprochenen Publikationen werden in einer Vitrine in der Städtischen Galerie ausgestellt.
Das Buch als Katalog dokumentiert die Arbeit von Künstler*innen anhand von Abbildungen der Werke, erläuternden Texten, Ausstellungsverzeichnis und Biografie. Doch individuell als Künstlerbuch gestaltet, wird das Buch zu einem eigenständigen Kunstwerk, eingebunden in das künstlerische Gesamtwerk. In sehr kleiner Auflage oder als Unikat produziert, ist ein Künstlerbuch zu einem meist recht niedrigen Preis zu erwerben. Ein Kunstobjekt, das seine glücklichen Besitzer*innen in einer Tragetasche nach Hause transportieren können.
Die hier ausgewählten Künstlerbücher stehen exemplarisch für die schon seit Jahrzehnten für die Bremer Kunstszene wichtige Förderung durch den Senator für Kultur. Zu Anfang waren es vereinzelte Ankäufe oder Schenkungen, dann folgte von 1981 bis 2004 die Soziale Künstlerförderung und darauf das jährliche Projektmittelverfahren, das es Künstlerinnen und Künstlern auch noch aktuell ermöglicht, Bücher als einzigartiges Kunstwerk und auch Kataloge in Auflage zu erstellen.
Das Buch als Kunstwerk tauchte Anfang des letzten Jahrhunderts in der bildenden Kunst auf und wurde für einige Künstler*innen zu einem festen Bestandteil ihrer künstlerischen Äußerungen. Immer wieder sehen sich Künstler*innen motiviert, die herkömmliche Funktion, das gewohnte Format eines Buches zu unterwandern und zu sprengen, um Preziosen zu produzieren. Auch für die Bremer Kunstschaffenden war und ist das publizierte Künstlerbuch ein wichtiges Medium, um außerhalb des Ausstellungsbetriebs ihre Kunst zu präsentieren. Kataloge sind Bücher über Kunst oder über Künstlerinnen und Künstler. Künstlerbücher sind Kunst.
Hier geht’s zur Städtischen Galerie Bremen