Cristina Morales ist am 16. September im Instituto Cervantes in Bremen zu Gast und liest aus Letzte Tage mit Teresa von Ávila. Im Gespräch mit Stephanie Schaefers berichtet sie, wie sie der spanischen Schutzpatronin eine eigene Stimme geben konnte und weshalb Teresa von Ávila erstaunlich gegenwärtig ist. Du kennst Teresa von Ávila noch nicht? Vielleicht macht dich der Lesetipp neugierig.
Wer bin ich? Wie bin ich zu der geworden, die ich heute bin? Wie kann ich mir und meiner Lebensaufgabe treu bleiben? Und vor allem: Welche Worte kann ich wählen, um meine wahre Geschichte aufzuschreiben, ohne dafür verurteilt zu werden?
Ein schreibendes Ich ringt mit diesen existentiellen Fragen. Aus dem erzählerischen Jetzt heraus befragt es sich selbst, seinen Werdegang und das gelebte Leben. Erinnerungen tauchen in Versatzstücken auf: an die Mutter etwa, die ihrer Tochter das Lesen beibrachte und sie dazu erzog, für die eigenen Tugenden einzustehen. Eine Mutter allerdings, die viel zu früh stirbt, die die achte Schwangerschaft nicht überlebt. Für die Tochter wird ihr Schicksal zum mahnenden Beispiel eines auf Mutterschaft und Pflichterfüllung reduzierten Frauenlebens, dem sie sich nicht unterwerfen will.
Sie entscheidet sich daher für den Weg ins Kloster und erhofft sich ein Leben, das sie von Machtansprüchen der Männer befreit. Doch auch hier bleibt sie den Entscheidungen und Ansprüchen der höchsten Kirchenväter unterworfen – einzig die Gründung eines eigenen Konvents könnte neue Freiräume schaffen.
Es ist das Jahr 1562. Teresa ist 47 Jahre alt, als ihr Beichtvater sie in Toledo auffordert, ihr Leben aufzuschreiben. Eine brisante Aufgabe, denn die Inquisition wacht über Glauben und Denken. Eine freidenkende, selbstbewusste und dazu noch schreibende Frau passt nicht in diese Zeit.
Letzte Tage mit Teresa von Ávila ist weit mehr als ein biografisches Porträt. Faszinierend, wie sich die Autorin Cristina Morales einer der bedeutsamsten katholischen Schutzpatroninnen Spaniens nähert. Morales taucht tief ein in Sprache, Denken und Alltagsroutinen des 16. Jahrhunderts und lässt Teresa aus ihrer eigenen Zeit heraus sprechen. Durch die intime Ich-Perspektive und die assoziativen Zeitsprünge entsteht aber eine große Unmittelbarkeit. Vergangenheit und Gegenwart beginnen ineinanderzugreifen. Erstaunlich, wie gegenwärtig viele der Fragen sind, mit denen Teresa ringt: nach Selbstbestimmung, geistiger Freiheit, weiblicher Handlungsmacht und dem Recht, die eigene Geschichte selbst zu erzählen.
LETZTE TAGE MIT TERESA VON ÁVILA | Cristina Morales | Übersetzung: Friederike von Criegern | ROMAN Matthes & Seitz Berlin | 2026 | 230 S. | 24,00 Euro