Künstlerbücher, oder vom Unterwandern des Gewohnten (Teil 3)

An dieser Stelle erwarten dich in lockerer Folge exklusive Einblicke in die große Sammlung von Künstlerbüchern der Städtischen Galerie Bremen. Bücher, gestaltet von Bremer Künstlerinnen und Künstlern. Der Senator für Kultur hat über Jahrzehnte künstlerische Projekte zu Katalogen und zu Büchern als Kunstwerk unterstützt. Die entstandenen Kataloge und Künstlerbücher wurden nach und nach auch in die Sammlung aufgenommen. Einige besondere Exemplare habe ich aus den Regalen des dortigen Archivs gezogen. Hier sollen diese Schätze endlich einmal wieder sichtbar werden.

Alle Texte und Fotografien © Bernadette

Stehsammler, drei Künstlerpublikationen von Harald Falkenhagen 
 

26.02.2026. Bremen, Hohentorshafen. Um 14.00 Uhr bin ich mit dem Künstler für einen Besuch in seinem Atelier verabredet. Über der Eingangstür eines langgestreckten Gebäudes begrüßt mich eine große Werbe-Schrifttafel. Mit dem Künstler, der mir die Tür öffnet, hat dieses Schild nichts zu tun. Der Geruch von Öl, Reifen und Metall schlägt mir entgegen. Auch das hat mit dem Künstler nichts zu tun. 
Eine schmale rote Treppe führt zum Atelier im oberen Stockwerk. Hinter einer Tür öffnet sich ein weiter Raum. Eine breite Fensterfront lenkt meinen Blick nach draußen: Ein breiter Rasenstreifen, ein Fußweg, eine abfallende Uferbefestigung aus bemoosten Steinen, die Wasserkante der Weser, der Fluss, die gegenüberliegende Uferbefestigung aus rostigen Stahlspundwänden, dahinter eine Zeile aus Betonbauten, großstädtisch angelegt und darüber, ein heute undramatisch blauer Himmel. 

Neben mir, direkt an die Fensterfront gerückt, ein kleiner Holztisch. Hier, an der gläsernen Grenze zwischen Atelierraum und Himmel, ist der Arbeitsplatz des Künstlers. Ich stelle mir vor, wie er, von so viel Weite umgeben, an diesem Tisch sitzt, vor sich ein DIN-A-4 Blatt, Stifte, Tusche, Farbe und Pinsel. Am Tag und auch in der Nacht. 

5.6.05
14.47 – 14.50 
Das regnet so. - Auf der folgenden Seite einige Striche – Keine Sonne. 

Das Bild zeigt Stehsammler von Harald Falkenhagen.
Stehsammler Nr.1, Nr.2, Nr.3 von Harald Falkenhagen
Das Bild zeigt Kunstwerke von Harald Falkenhagen.
Das Bild zeigt Kunstwerken von Harald Falkenhagen
Das Bild zeigt Kunstwerke von Harald Falkenhagen.
Das Bild zeigt Kunstwerke von Harald Falkenhagen.
Das Bild zeigt Kunstwerke von Harald Falkenhagen.
Das Bild zeigt Kunstwerke von Harald Falkenhagen.
Das Bild zeigt Kunstwerke von Harald Falkenhagen.
Das Bild zeigt Kunstwerke von Harald Falkenhagen.
Das Bild zeigt Kunstwerke von Harald Falkenhagen.
Das Bild zeigt Kunstwerke von Harald Falkenhagen.
Das Bild zeigt Kunstwerke von Harald Falkenhagen.

Worte, rudimentäre Sätze. Erste Gedanken, mit denen sich Wortlosigkeit auflöst, knapp und trocken mit Tusche aufs Papier gesetzt. Satzfragmente. Ein pragmatischer Umgang mit Sprache. Und dennoch …
Die Worte reichen aus. Jeder Punkt hat Gewicht. 
Die Sätze hinterlassen trotz ihrer Kürze nicht den Eindruck, als wären sie das Ergebnis eines unter- oder abgebrochenen Schreibprozesses. 
Das Staunen des Künstlers vor jedem Ding ist zu spüren, selbst vor einem aufs Papier geworfenen Strich, einem Farbfleck oder: Die Sonne      Scheint so. 1)
Das Staunen, bevor Wahrnehmung und Empfindung von einem Zuviel an Worten verstellt werden. Schlichte Worte, scheinbar mühelos gefunden. Dieser Künstler ist ein Gedankeneinfänger. Ein Wortverdichter. 
Seine Ausdrucksweise: lakonisch. 

Zu Ideenfindung befragt, sagt er: »Hm, es kommt so.« 
Ich frage ihn: »Bist Du ein Schriftsteller?« 
Er sagt: »Ich bin kein Schriftsteller.« 
Aber dann finde ich in einer anderen Publikation 2)

Die falschen Sachen zu glauben, ist immer lustiger. / Dichter ist auch etwas das ich nicht bin.                 

Und dann sind da neben der schwarzen Tusche auch noch die Farben. 

24.2.09 
12.22 – 12.28.
ein Stimmungsaufheller wäre gut. - Auf der folgenden Seite nur ein hingetupfter Aquarellfarbfleck. Goldgelb.

Nichts Weiteres passt auf dieses Blatt. Nur die Überfülle der Empfindungen der Betrachtenden findet Raum. 
Wort und Bild. Bildsprache. Das Bild spricht. Das Wort spricht. 

28.11.08 
16.57 – 17.00 
Der russische Winter. 

Der Titel, drei Worte. Auf den folgenden 6 Seiten liegen transparente, leicht grau grüne Farbflächen auf dem Papier. Mein Blick ist beeinflusst: Der russische Winter - Meine Augen stellen sich auf die kleinstmögliche Blende ein, für eine größtmögliche Tiefenschärfe. Diese Bewegung ist im Inneren spürbar. 
Meine Erinnerung trägt, von Filmen, Dokumentationen und Fotografien genährt, die weite winterliche Landschaft Russlands in diese zarten Farbflächen. 
Der Künstler wies mich auf dieses Heft hin. Es muss eine besondere Bedeutung für ihn haben. 

Tauglichkeitstest für die Kunst. - auf den folgenden Seiten Buntstiftstriche - Dann kanns ja losgehen. 

Der Künstler stellt mit feiner Ironie die eigene Wahrnehmung, das eigene künstlerische Tun infrage. Sein Humor ist ein ganz eigener. 
Komik, weitererzählbarer Witz, Karikatur? Die Arbeiten entziehen sich Zuordnungen. 
Ein Falkenhagen ist immer eindeutig ein Falkenhagen. 

Tag, Monat, Jahr. Uhrzeit. Der Zeitraum der Kunstausübung. Alles wird akribisch notiert. Schwarz auf weiß. Ein, zu unterschiedlichsten Tageszeiten wiederkehrendes Ritual? Nur ein Konzept? Oder Dreh- und Angelpunkt für Aufmerksamkeit und Wachraum für Wahrnehmung und Denken? 

14.11.00 
22.16 – 22.30 
WECKWIEDERHOLUNG
steht auf meiner Uhr / die ich für die / Zeitangaben / benutze. 
unter so einem Knopf.  
als wenn das immer / helfen könnte. 

Betrachtende sind geweckt. 
Und dann: 

12.6.05 
20.56
Heute nicht. - Darauf folgen nur leere Seiten. 

Ohne Einfall in nur wenigen Sekunden Kunst produzieren? Dieser Künstler schafft das. Und er nimmt gleichzeitig den Blasen, die häufig mystifizierend um die Produktion von Kunst aufgebläht werden, die Luft. Souverän und mit viel Humor. 

Die drei Stehsammler sind Kunst im Postkartenformat. 
Die abgebildeten Papiere haben ursprünglich ein handelsübliches DIN-A4-Format. Ein Blattformat, auf dem man gewöhnlich schreibt. Der Künstler betitelt die Originale unmissverständlich, z.B. DIN A4 Blatt

Die Worte, die Sätze sind frei Hand geschrieben. Schönschrift. Nein. Wiedererkennbarkeit. Hoch. 
Für Ausstellungen werden die Originale einzeln gerahmt.3) Geschriebenes wird aus gewohnten Kontexten herausgelöst und zu einem Exponat bildender Kunst gemacht. Diesen Werken und ihrer Präsentation kann man die Ironie ablesen, mit der der Künstler auf tradiertes Kunstverständnis schaut.

Oft entdeckte ich Harald Falkenhagen bei Ausstellungseröffnungen etwas entfernt am Rande der Menschenmenge, die durch seine Position auch als solche definiert wurde. 
Ich sah einen Beobachter, die Kleidung geradlinig, die Haltung aufrecht. 
Er stand. Er sammelte. 

Es ist 15.36 Uhr. Wir haben zu Ende gesprochen. Harald Falkenhagen begleitet mich hinaus. Nach dem Abschied schaue ich noch einmal zurück: Das Schild über dem Ausgang grüßt „Ahoi!“ 

 

Stehsammler Nr. 1, 09.08.1997 – 02.09.2009, 2016, 8 Hefte 
Stehsammler Nr. 2, 31.01.1993 – 28.11.2009, 2020,12 Hefte  
Stehsammler Nr. 3, 28.02.92 – 01.08.09, 2021,12 Hefte 
Auflage je 200, nummeriert, signiert (nach Bedarf) 
DIN A 6, unterschiedliche Seitenzahlen
ZENTRALVERLAG (Eigenverlag des Künstlers)
je € 40,-
als Set € 100,-

1) Litfaßsäuleim Projekt You create Space des Literaturhauses Bremen, 2024 
2) Harald Falkenhagen 300 DIN A4 BLÄTTER, 1991, Publikation im Rahmen des Stipendiums in der Akademie Schloss Solitude. 
3) 1.10.85, 23:26-23:51, Schneller als ich dachte, 1985, 24 Blätter, »Resonanz. Interventionen in die Sammlung«, Kunsthalle Bremen 2023

Harald Falkenhagen wurde 1956 in Delmenhorst geboren. Er studierte von 1978 bis 1984 an der Gesamthochschule Kassel bei Harry Kramer und erhielt Stipendien. Seit 1984 zahlreiche Einzelausstellungen.

Weiteres unter haraldfalkenhagen.de

 

Bernadette, April 2026

Das Buch als Katalog dokumentiert die Arbeit von Künstler*innen anhand von Abbildungen der Werke, erläuternden Texten, Ausstellungsverzeichnis und Biografie. Doch individuell als Künstlerbuch gestaltet, wird das Buch zu einem eigenständigen Kunstwerk, eingebunden in das künstlerische Gesamtwerk. In sehr kleiner Auflage oder als Unikat produziert, ist ein Künstlerbuch zu einem meist recht niedrigen Preis zu erwerben. Ein Kunstobjekt, das seine glücklichen Besitzer*innen in einer Tragetasche nach Hause transportieren können.

Die hier ausgewählten Künstlerbücher stehen exemplarisch für die schon seit Jahrzehnten für die Bremer Kunstszene wichtige Förderung durch den Senator für Kultur. Zu Anfang waren es vereinzelte Ankäufe oder Schenkungen, dann folgte von 1981 bis 2004 die Soziale Künstlerförderung und darauf das jährliche Projektmittelverfahren, das es Künstlerinnen und Künstlern auch noch aktuell ermöglicht, Bücher als einzigartiges Kunstwerk und auch Kataloge in Auflage zu erstellen.

Das Buch als Kunstwerk tauchte Anfang des letzten Jahrhunderts in der bildenden Kunst auf und wurde für einige Künstler*innen zu einem festen Bestandteil ihrer künstlerischen Äußerungen. Immer wieder sehen sich Künstler*innen motiviert, die herkömmliche Funktion, das gewohnte Format eines Buches zu unterwandern und zu sprengen, um Preziosen zu produzieren. Auch für die Bremer Kunstschaffenden war und ist das publizierte Künstlerbuch ein wichtiges Medium, um außerhalb des Ausstellungsbetriebs ihre Kunst zu präsentieren. Kataloge sind Bücher über Kunst oder über Künstlerinnen und Künstler. Künstlerbücher sind Kunst.

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