An dieser Stelle erwarten dich in lockerer Folge exklusive Einblicke in die große Sammlung von Künstlerbüchern der Städtischen Galerie Bremen. Bücher, gestaltet von Bremer Künstlerinnen und Künstlern. Der Senator für Kultur hat über Jahrzehnte künstlerische Projekte zu Katalogen und zu Büchern als Kunstwerk unterstützt. Die entstandenen Kataloge und Künstlerbücher wurden nach und nach auch in die Sammlung aufgenommen. Einige besondere Exemplare habe ich aus den Regalen des dortigen Archivs gezogen. Hier sollen diese Schätze endlich einmal wieder sichtbar werden.
Alle Texte und Fotografien © Bernadette
LEISE-RADIKAL: Die unsichtbare Ausstellung
Eine Künstlerpublikation von Sabine van Lessen.
Mein Blick versinkt in den Spiegelungen der vergoldeten Schachtel und jede Bewegung erzeugt ein Bilder-Schwanken. Meine Pupillen öffnen und schließen sich wie die Blende eines Kameraobjektivs; sie versuchen zu fokussieren, was nicht zu fassen ist, flüchtig bleibt und unbeständig.
LEISE RADIKAL: Die unsichtbare Ausstellung lautet der Titel der Künstlerpublikation.
Eine unsichtbare Ausstellung? Ich bin skeptisch. Wo ist der Ausstellungsraum und wie finde ich hinein? Wo sind die Ausstellungswände und was wird ausgestellt?
Unsichtbar? Das bedeutet auch: etwas sich Verbergendes.
Gold hat etwas Verlockendes. Meine zugreifenden Hände spiegeln sich im Goldglanz. Ihr Spiegelbild scheint aus der noch verschlossenen Schachtel aufzutauchen. Meine Lust etwas zu imaginieren ist geweckt.
Silbern foliert sind die Innenwandungen der Schachtel. Sie spiegeln alles wider, was sich zwischen ihren vier Wänden befindet; vor mir liegt die Miniatur eines Silver Cubes. *1
In der Schachtel: Ein kleines silbernes Heft *2, eine Schlafmaske, ein bedrohlich an beiden Enden angespitzter Bleistift mit dem Aufdruck WORDS IN A CAGE und ein Buch. Der Buchdeckel ist erheblich dicker als gewöhnlich, der Buchrücken liegt offen, die Bindung liegt frei, der Buchblock ist goldverschnitten.
Ein Blick auf die Schlafmaske. VERNISSAGE ist darauf zu lesen. Ihrer Verwendung ist damit eine neue Bedeutung zugeschrieben. Eine imaginierte Ausstellung erscheint als Möglichkeit. LEISE.
Im Buch fällt die Gestaltung der Inhaltsangabe auf; die Titel der einzelnen Kapitel sind strahlenförmig um eine kreisrunde Aussparung angeordnet: Schauen Lesende auf eine Aureole, eine Pupille mit angedeuteter Iris, oder in eine geöffnete Blende?
«…
Der nicht fotografierte Tisch
Wortwackersteine
Die Augen der Fotografie
Fischgesichteraugenerinnerung
Die Netzhaut wurde getroffen
Die Satzpunkte im Buch
Gesichter abgrasen
Das unterlassene Foto
...»
Mit Titeln wie diesen wird eine eigene Welt des Sehens und Wahrnehmens aufgefächert. Ein fotografischer Blick auf die Dinge kündigt sich für die Lesenden an. Die Autorin Sabine van Lessen kennzeichnet ihre Protagonistin als «Fotografiererin», und nicht als Fotografin, denn «Zuweilen kommen die Bilder aus der Kamera und der Literatur auch aus demselben Gewässer.»
«Auf ihrem Weg des Sehens betrachtete sie das Umfeld stets ungewöhnlich eingehend.» Selbst in einem einfachen Satzzeichen erkennt der sehgeschulte Blick der Künstlerin etwas Bildhaftes: „– wer kam schon auf die Idee, so genau hinzusehen, um zu erkennen, dass es sich nicht um Punkte handelte, sondern um die Verkleinerung von Pupillen am Ende des Satzes?“
Es sind nicht die Punkte über einem Ö oder einem Ü, denen die Zeichenhaftigkeit eines Augenpaars angedichtet wird. Das Augenmerk liegt auf dem einfachen Punkt, der einen Satz beendet. Einem Punkt. Einer winzigen Pupille. Wie der eines Auges hinter dem Sucher einer Kamera. Ab jetzt sind viele Augen aus dem Text heraus auf die Lesenden gerichtet, «es sind 1303».
In DIE FOTOGRAFIERERIN wird die Ursprünglichkeit von Worten und Sätzen, die einen gewohnten Sprachgebrauch unterwandern, gefeiert. Mit unbändiger Sprachlust findet die Autorin zu ganz eigenen, überraschend ungewöhnlichen Wort- und Satzschöpfungen.
«… die Regenwurmadern der Vaterhand, … » oder «Schuld ist sichtbar. Es gibt dafür sogar spezielle Schuldfalten, Schuldverkapselungen und Schuldmuskulatur.» und « Andere wie Brummerwortfliegen kreisten und kreisten …, sie sollten am besten totgeschlagen werden … und wenn es gelang, dann blieb oft für Jahre ein Wortzerquetsche an der Wand zurück.»
Nicht in gesuchten Worten, sondern in Wortfindungen wie diesen hat das Poetische seine Wirkungsstätte. Worte wurden gefunden, weil die zur Verfügung stehenden nicht ausreichten, um eine Empfindung zu fassen. Diese Worte bannen in einem Text den Blick und die Aufmerksamkeit der Lesenden, denn sie funkeln. Im vorliegenden Text vibrieren Worte. Ihre Ursprünglichkeit ist zu spüren.
«Die Wort- und Satzverbindungen schaffen in ihren Kontrasten vitale visuelle Wunderkammern, die das Bestaunenswerte ausstellen und das Staunen gleich mit.» *2
Autobiografisch gesättigte Texte wie Die Fotografiererin faszinieren, denn in ihnen begegnen die Lesenden sich selbst. Leise und oft radikal. Die eigenen Erinnerungen muten plötzlich an wie Schläfer, die mittels Lesen jederzeit geweckt werden können. Unvorhergesehen und unwillentlich treten sie auf, schön oder schrecklich, annehmbar oder verstörend, doch immer bildgewaltig.
Während der Lektüre überblenden sich die Erinnerungsbilder der Protagonistin und die der Lesenden; im Prozess des Lesens wird in das eigene Bilderarsenal gegriffen. Wie Negativ- oder Diafolien legen sich als ähnlich wahrgenommene Erinnerungsbilder übereinander. Der Blick auf das Eigene erfährt Ergänzung, Bestätigung und Bereicherung durch Über- und Einblendungen.
Auf den letzten Seiten der Publikation entwirft die Autorin eine Situation von großer Zärtlichkeit. «Dann grub die Fotografiererin in der dunklen Kammer Fotonegative aus.» Mit einem der ihr unbekannten schwarz-weißen Negative belichtet sie ein Blatt Fotopapier und legt es in die Entwicklerflüssigkeit. Langsam tritt das Abbild ihrer Mutter in Erscheinung. Im schummrigen Rotlicht der Dunkelkammer gewinnt die Fotografie an Deutlichkeit. Die werdende Gestalt blickt die Fotografiererin an. Die Fotografie ist plötzlich nicht mehr nur Bild. «Mamuschka! Sagt sie unwillkürlich zu der Fotografie, als sich zögerlich auf dem großen, gerade noch leeren Blatt ein Muttergesicht abzeichnet …»
Unten, am Boden der Schachtel, auf einem neon-gelben Blatt mit der Überschrift «AUSSTELLUNGSSIMULATOR» sind Anweisungen aufgelistet. Eine davon: «Lösen Sie vorsichtig den roten Punkt vom Ausstellungssimulator und markieren Sie Ihr bevorzugtes Bild.»
Realität und Vorstellungskraft geraten ins Schwanken durch diesen überraschenden und irritierenden Ein- und Übergriff in die Wahrnehmung. RADIKAL. Spätestens jetzt bemerken die Lesenden, dass sie zum Kurator ihrer eigenen unsichtbaren Ausstellung geworden sind.
Nach Stunden verlasse ich die unsichtbare Ausstellung. Die Wände meiner Galerie leeren sich. Ich trage die eindrucksvollsten und die berührendsten Bilder mit mir, wie immer nach dem Besuch einer Ausstellung.
Der Text im schlicht silbernen Begleitheft zur Publikation ist bemerkenswerte Einführung und Eröffnungsrede zugleich. *2
Nachtrag
zur Ausstellung des Künstlerbuches im Pavillon des Gerhard-Marks-Hauses, Museum für Bildhauerei in Bremen im März 2024
«Nicht nur ein Buch, sondern das Lesen selbst wird ausgestellt.»*2
«Sabine van Lessen erfasst, durchdringt, durchformt die Sprache wie einen plastischen Stoff, der ihren Fingerabdruck trägt.»*2
Das Buch als Objekt. Der Akt des Lesens als Skulptur. Die gesprochenen Worte und ihr flüchtiger Klangkörper im Raum während einer Lesung der Künstlerin. Ein «Fluss aus Wort und Klang.»
Dass auch Gedanken Laute in und mit sich tragen, wird im White Cube des Pavillons bewusst wahrgenommen.
*1 Seit den 1920er Jahren werden Ausstellungsräume in Museen und Galerien als White Cube bezeichnet. Eine meist weiß getünchte „Zelle“ soll zugunsten einer konzentrierten Betrachtung von Kunst das Alltagsgeschehen ausschließen.
*2 Rainer Beßling zu LEISE-RADIKAL: Die unsichtbare Ausstellung, online nachzulesen unter www.wortforschung.de
Das in Die Fotografiererin erwähnte Buch BILDERSPRACHEN beinhaltet eine Sammlung von Texten zur Kunst von R.B.
Edition 101 (incl. Vernissage-Maske), Auflage 101, nummeriert, signiert,131 €
Edition 202, Auflage 202, nummeriert, signiert, 101 €
Bernadette, Juni 2026
Die besprochenen Publikationen werden in einer Vitrine in der Städtischen Galerie ausgestellt.
Das Buch als Katalog dokumentiert die Arbeit von Künstler*innen anhand von Abbildungen der Werke, erläuternden Texten, Ausstellungsverzeichnis und Biografie. Doch individuell als Künstlerbuch gestaltet, wird das Buch zu einem eigenständigen Kunstwerk, eingebunden in das künstlerische Gesamtwerk. In sehr kleiner Auflage oder als Unikat produziert, ist ein Künstlerbuch zu einem meist recht niedrigen Preis zu erwerben. Ein Kunstobjekt, das seine glücklichen Besitzer*innen in einer Tragetasche nach Hause transportieren können.
Die hier ausgewählten Künstlerbücher stehen exemplarisch für die schon seit Jahrzehnten für die Bremer Kunstszene wichtige Förderung durch den Senator für Kultur. Zu Anfang waren es vereinzelte Ankäufe oder Schenkungen, dann folgte von 1981 bis 2004 die Soziale Künstlerförderung und darauf das jährliche Projektmittelverfahren, das es Künstlerinnen und Künstlern auch noch aktuell ermöglicht, Bücher als einzigartiges Kunstwerk und auch Kataloge in Auflage zu erstellen.
Das Buch als Kunstwerk tauchte Anfang des letzten Jahrhunderts in der bildenden Kunst auf und wurde für einige Künstler*innen zu einem festen Bestandteil ihrer künstlerischen Äußerungen. Immer wieder sehen sich Künstler*innen motiviert, die herkömmliche Funktion, das gewohnte Format eines Buches zu unterwandern und zu sprengen, um Preziosen zu produzieren. Auch für die Bremer Kunstschaffenden war und ist das publizierte Künstlerbuch ein wichtiges Medium, um außerhalb des Ausstellungsbetriebs ihre Kunst zu präsentieren. Kataloge sind Bücher über Kunst oder über Künstlerinnen und Künstler. Künstlerbücher sind Kunst.
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