Vor dem Schriftzug Tukums steht eine Frau.
© Maija Laugate

Tukums ist eine kleine Stadt in Lettland, 50 Kilometer nordwestlich von Riga gelegen. In Lettland gilt sie als die Poesiehauptstadt, weil aus ihr einige der bedeutendsten Dichter Lettlands stammen. Jedes Kind kennt zudem den gereimten lettischen Spruch Uz Tukumu pēc smukuma!“ (Nach Tukums geht man, um Schönheit zu bekommen). Das hängt unter anderem damit zusammen, dass hier jährlich ein Rosenfest gefeiert wird, weil die Rosen Tukums so besonders schön sein sollen. Durch den Dichter Imants Dzievonis (1933-2013), der von hier stammt, weiß zudem jeder Lette wegen seines berühmtesten Gedichtes, dass Tukums die Stadt der Kirschbäume ist: 

Tukums

Die alte Ruhe der kleinen Gassen,
die stille Schönheit der roten Ziegel –
im kühlen Maiwind
huscht der weiße Kirschgarten von Tukums vor uns vorbei.
(Lass mich in Schönheit in die Welt gehen,
wie die Kirschen in Tukums blühen!)

Als Junge verliebte ich mich einst in dich,
und später trank ich Wein und lachte,
ich war jung, ich warf alles in den Wind –
und der Kirschgarten verschwand.

Ich sagte mir: Die Bienen werden nicht mehr schwärmen,
ich werde allein fliegen, und der Wind wird mich nähren,
ich werde abends nicht mehr traurig um dich sein,
und es gibt viele Kirschen auf der Welt!

Doch je weiter ich gehe, desto größer werden der Mangel
und die Kreuzungen, die Verwirrung der Wege –
so erscheint im Traum der weiße Kirschgarten 

(Imants Dzievonis)

Es ist also kein Zufall, dass die kleine Stadt Tukums seit 2023 UNESCO City of Literature ist, demselben Jahr übrigens, als auch Bremen UNESCO City of Literature wurde. 

Als ich in Tukums Stadtbibliothek in einer öffentlichen Lesung als erste ausländische Stipendiatin der neuen Schriftstellerresidenz vorgestellt werde, ist die Tatsache, dass ich aus Bremen stamme, ein wichtiges Argument gewesen, mich hierhin einzuladen. Außerdem wird erwähnt, dass Riga ja auch Bremens Partnerstadt sei. Ein älterer Mann steht im Publikum auf, er ist ein Dichter und er erzählt, dass er für die Unesco City of Literature Bremen die “Bremer Stadtmusikanten” ins Lettische eingesprochen hat. Ich erfahre außerdem, dass es einmal im Jahr in Lettland einen ganzen Monat gibt, der der Poesie gewidmet ist. Das ist der September, der Geburtsmonat des Dichters Rainis (1865-1929), der so etwas wie der Goethe Lettlands ist und auch einmal eine Zeitlang in Tukums gewohnt hat und hier auch zur Schule gegangen ist. Keine Stadt Lettlands hat eine so hohe Dichte an Autor*innen wie Tukums. Dazu gehört auch die Dichterin MĀRA ZĀLĪTE, von der das folgende Gedicht ist:

Sabine Schiffner liest aus einem Text vor.
© Maija Laugate

Tukums

Tukums steigt den Berg hinauf
Wo die Ebene von Zemgale zu wellen beginnt,
Als spüre sie den Wind vom Meer,
Wo die Wälder von Kurland ihr entgegenkommen,
Wie ein Schiff mit dunkelgrünen Segeln,
Wo die Slocene wie ein blauer Bogen verläuft.
Wo der Milzkalns einen Hügel auftürmt,
Dort, in feierlicher Uniform gekleidet,
Begegne ich am Fuße des Hügels Tukums.
Tukums klettert den Berg hinauf.
Es vertreibt die Stare von den Kirschbäumen ohne Groll.
Es hört den Zug nach Smārde donnern.
Es wartet auf Nachrichten von den Erdbeeren aus Pūre
Und spürt, wie die Heuhaufen
Bei Sabile, im Abava-Tal, duften,
Und in Slampe spielt jemand, sodass es noch in Džūkste erklingt…
Und man hört, wie Melnezers um Mitternacht rauscht.
Ich treffe Tukums selbst am Hang.
— Na, hallo! Endlich auf dem Weg nach Hause?
Wer an meiner Seite bleibt, der steigt den Berg hinauf,
Man muss nur fest auf den Beinen sein.—
Wo die Slocene wie ein blauer Schleier fließt,
Wo Milzkalns einen Hügel aufgeschüttet hat.
Dort, in feierliche Uniform gekleidet,
Höre ich Tukums flüstern:
— Der Mangel und das Durcheinander werden ein Ende haben,
das Schlingern und das Abbröckeln werden enden,
nur Tukums wird nicht enden —
Tukums steigt immer den Berg hinauf

(MĀRA ZĀLĪTE)

Meine neue Residenz ist aber nicht in Tukums selbst, sondern in einer alten Ritterburg aus dem Jahr 1301, in einem 30 Kilometer entfernten Dorf namens Jaunpils, das früher einmal Neuenburg hieß. Dort residierte 700 Jahre ununterbrochen eine adlige deutschbaltische Familie namens von der Recke. Erst 1920 vertrieb man sie anlässlich der Gründung der ersten lettischen Republik, in deren Rahmen alle deutschbaltischen Großgrundbesitzer enteignet wurden. Da einer dieser von der Reckes eine Schriftstellerin namens Elisabeth geheiratet hatte, ist die Wasserburg also auch einmal eine Dichterburg gewesen. Ich beziehe eine riesige schöne Kemenate im zweiten Stock mit Blick auf den alten Mühlenteich und in die sich langsam herbstelnden Birken- und Weidenbäume und richte mich ein. 

Das Foto zeigt das Schloss Jaunpils und das Gesicht einer Frau.
© Sabine Schiffner
Das Foto zeigt die Gesichter von vier Frauen.
© Roze Guna

Das Mittagessen wird unten in der Burg im Krogs eingenommen, zusammen mit den Angestellten der Ritterburg. Es findet in einer mittelalterlich eingerichteten Stube statt, in der Frauen in langen Kleidern bedienen. Manchmal gibt es Führungen durch die Burg, bei denen die Teilnehmer in historische Kostüme gekleidet sind. Besonders putzig ist es, wenn wieder eine Kindergruppe durchs die Burg geht, gewandt in diese Kleider und aufmerksam und fast ängstlich den Burgführer*innen lauscht, die allesamt sehr theatralisch sind. Immer wird dann auch die Kanone, die vor der Zugbrücke steht, abgefeuert. 

Abends ab 17 Uhr ist aber überhaupt niemand mehr hier in der Burg außer einem lettischen Mitstipendiaten, dem Dichter Eriks Dekoneks. Fast völlig ohne Ablenkung kann ich also zwei Wochen lang spazierengehen, aus dem Fenster sehen, nachdenken und schreiben. 

Einmal fahre ich zu dem Geburtshaus von Eduard von Keyserling, das 100km von hier entfernt im kleinen Dorf Tels-Paddern liegt. Es ist heute eine Schule, aber ich werde freundlich hereingebeten und herumgeführt. Und es gibt sogar einen Gedenkraum für den Autor. Auf dem Rückweg komme ich in der Nähe der Stadt, in der Keyserling zur Schule gegangen ist, an einem versteckt im Wald gelegenen jüdischen Friedhof vorbei. Als ich aussteige und mir die Grabsteine ansehe, entdecke ich eine ganze Reihe von Steinen, die alle aus der Zeit von vor 1940 sind. 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung Lettlands wurde 1941 innerhalb weniger Monate von den Deutschen und lettischen Kollaborateuren ermordet.

Das Foto zeigt ein altes Zimmer.
© Sabine Schiffner
Das Foto zeigt einen Grabstein.
© Sabine Schiffner

hasenpoth

hier ruht in gott
die grabsteine die übrig blieben
hingeworfen zerschmettert verstreut
unsere theure unvergessliche mutter
das große sterben war noch weit
Belina Stillbach geb. Selig
fort erst kamen die russen 
gest. den 1. Juli 1839 im 70.
Lebensjahre
dann 
die deutschen im Jahr 1941
tiefer als in diesen stein geschrieben
dann blieb nichts mehr
lebst du im gedächtnis deiner lieben
übrig außer dem flecken land mitten
im wald 
lebt dein frommes wirken dein erbarmen
kurz vor hasenpoth/aizpute wo niemand
mehr hingeht weil dort ist der tod
eingegraben in das 
herz der armen und die steine stehen doch da
als wollten sie sprechen schlummere sanft
in gottes heiligem frieden der dir schon auf erden
war beschieden die noch nicht
wussten wieviel schmerz wieviel 
zerstörung ausgerechnet
die deutschen mit ihrer geliebten sprache
bringen würden 

(Sabine Schiffner, 8.10.2026, Aizpute, Lettland)

Mit der Historikerin Inta Diclere, die die historische Abteilung des Kunstmuseums in Tukums leitet, gehe ich durch die Stadt Tukums, auf der Suche nach Spuren baltendeuter Autor*innen, die hier gelebt haben. Dazu gehört unter anderem Gertrud von den Brincken, eine Lyrikerin, die nach 1930 nach Deutschland gegangen ist, sie starb 1982 in München. Aber ihre Verwandtschaft, ihre Mutter, Schwester und Nichte, liegen auf dem großen uralten baltendeutschen Friedhof begraben, der auf einem Sandhügel neben der Stadt angelegt ist. Wir gehen dorthin und finden den Friedhof völlig verwahrlost und verwüstet vor. Seltsam, auch hier wie schon auf dem jüdischen Friedhof die deutschen Inschriften auf den Grabfragmenten zu sehen. 

Friedhöfe bei Tuckums

Einstmals, vor wenig Äonen, war alles hier Meer,
brausend brach sich das Hohelied der Gezeiten.
Sand rinnt und Sage raunt nächstens von Urzeit her,
wo sich jetzt Birken ein dürftiges Dasein erstreiten.

Düne war dieser Hügel, jetzt trägt sein Schoß
sieben Friedhöfe, - zahlloser Herzen Erlebnis;
Kreuze und Steine, vornehm und namenlos,
landfremde Krieger, Armut und Erbbegräbnis.

Über dem Rasen trennen Gitter und Tor
Glaube von Glaube - die fallenden Blätter tuscheln -
Unter dem Rasen, wo sich das Schicksal verlor,
mischen sich Staub und Samen, Wurzeln und Muscheln.

Zwischen den Gräbern gehst du, liest Grabspruch und Schrift -
"Heimgegangen", wie klingt es gewiss und geborgen,
Fast musst du staunen, dass es nicht d i c h betrifft…
Heute noch nicht, vielleicht aber übermorgen...

Sterben..., raunen die Winde von Urzeit her,
Wälder und Städte versanken, es kann nicht schwer sein…
Sand raunt und Saga: Einstmal war alles hier Meer;
einstmals, nach wenig Äonen, wird`s wieder Meer sein....

(Gertrud von den Brincken, Stimme im Dunkel, München, 1949)

Frau Diclere zeigt mir ein Grab. Die junge Frau, die dort liegen würde, sei vor hundert Jahren aus Versehen lebendig begraben worden. Durch den Traum einer Freundin kam man darauf, ein paar Tage nach ihrer Bestattung noch einmal zu graben, aber es war schon zu spät. Spooky Geschichten hörte ich hier im Verlauf meines Aufenthaltes einige. Die Geschichte mit dem Grab erzählten mir auch noch andere. Und in Tukums fragt mich jeder nach dem Burggespenst, das schon eine Weile in Burg Jaunpils spuken soll und das Bruno heißt. Ich kann darauf nur antworten, dass es mir noch nicht begegnet ist. Es ist Oktober und Oktober ist bei uns die Zeit der Geister und der Erinnerung an die Verstorbenen, erfahre ich. 

Zu dieser Art unheimlicher Geschichten passt die alte Ritterburg, in der ich wohne und passt die Landschaft  ringsherum auch irgendwie. Sie hat etwas wildromantisches, überall sind riesige alte Weiden, Eichen und Birken, voller goldenem und rotem Laub. Apfelbäume biegen sich unter der Last von grünen, roten und weißen Äpfeln. Die Ritterburg ist umgeben von Teichen, Weihern und kleinen sprudelnden Flüssen. Und über dem das Dorf umgebenden weiten leicht welligen Land wölbt sich ein unglaublich schöner hoher Meereshimmel. All dies ist auch wiederzufinden in den Büchern von Eduard von Keyserling, die ich während meines Aufenthaltes hier lese. Er beschrieb seine verlorene Heimat im fernen München aus dem Gedächtnis; als er seine Bücher verfasste, war er schon blind.

Zu diesem Land gehört eine ganz besondere Musik, die schon sehr alt ist und sehr lange von Jung und Alt praktiziert wird. In jedem kleinen Dorf gibt es mindestens einen exzellenten Chor, der die Daina genannten traditionellen vierzeiligen Gedichte, die aus archaisch-vorchristlicher Zeit stammen, in meist sehr neumodischer Vertonung einstudiert. Der Zusammenhalt über den Gesang ist stark; die Balten haben mit ihrer singenden Revolution schon die russische Okkupation zu Fall gebracht! Auch in meiner Burg probt einer dieser wunderbaren Chöre. Ich darf an einer Probe teilnehmen und singe begeistert die lettischen Lieder mit, die von einem Wolf in Riga, von Undine und einem Lied über Baumrosen handelt, das mit einem kräftigen Hatschiiee beendet werden muss. 

Viele Personen stehen nebeneinander auf einer Bühne.
© Sabine Schiffner
Eine Frau steht neben einer Statue.
© Maija Laugate

Urspünglich bin ich nach Tukums gekommen, um zu Eduard von Keyserlings zu recherchieren. Jetzt bin ich vor allem damit beschäftigt, Gedichte zu schreiben. Eines meiner ersten Gedichte handelt von Tukums: 

Eine Frau steht vor einem roten Gebäude.
© Eriks Dekoneks

tuckum

in tuckum ankommen
in tuckum aus dem zug steigen
in tuckum eine weile am bahnhof stehen
dann in tuckum den hügel hochsehen
tuckum hat auf mich gewartet
ich sehe von unten die türme der kirche 
in tuckum riecht es jetzt im oktober so
nach apfel und nach rauch
um nach tuckum zu kommen
muss man viele treppenstufen hinaufgehen
in den straßen von tuckum sind heute nicht
viele menschen zu sehen
ich komme an einem
alten deutschen friedhof vorüber
und auch an einem jüdischen
friedhof
oben in tuckum angekommen spüre ich
das vergehen der zeit
ich hole tief luft
ich atme tuckums
vergangenheit

(Sabine Schiffner, Tukums, 3.10.2026)

Am letzten Tag meines Aufenthaltes gehe ich noch in eine Schule, in der Deutsch zweite Fremdsprache ist und mache mit den Schülern der zehnten und elften Klasse einen Workshop. Anfangs sehr zurückhaltend, tauen sie auf einmal auf. Und als der Workshop vorbei ist, hat jeder der Schüler, die anfangs von sich behauptet haben, dass sie noch nie ein Gedicht geschrieben hätten, ein ganz besonderes und einzigartiges Gedicht über Tukums geschrieben. Das freut mich sehr. Es stimmt schon, Tukums ist wirklich eine Poesiestadt!

Zu Sabine Schiffners tazblog über die Residency in Tukums hier entlang

Sabine Schiffner 

wurde 1965 in Bremen geboren. Sie studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und pädagogische Psychologie in Köln. Nach dem Studium arbeitete sie als Regisseurin am Kölner Schauspiel. Ihr erster Gedichtband erschien 1994 im Emons Verlag. 2001 erhielt sie das Bremer Autor*innenstipendium für ihren ersten Roman Kindbettfieber, mit dem sie bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt eingeladen war und der mit dem Jürgen-Ponto-Preis der Dresdner Bank für das beste Debüt des Jahres 2005 ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschienen ihr Roman Bunkerbriefe (Kellner 2025) und der Gedichtband Ay. Die Mondin (Klak, 2025). Sabine Schiffner ist vielfach ausgezeichnet und hatte diverse Stipendien inne. Im WS 2026/27 unterrichtet sie kreatives Schreiben an der Universität Bremen. Sie lebt und arbeitet seit 2024 wieder in Bremen.

Podcast Schreibgespräche mit Sabine Schiffner

Zum Autor*innenprofil

Sabine Schiffner
© Lisa Sanat

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