Jeanne Patou hat etwas Ungeheuerliches getan. Sie ist aus ihrem eigenen Leben verschwunden und gilt als tot. Verunglückt bei einem Flugzeugabsturz in den französischen Alpen, alle an Bord kommen ums Leben, auch Jeanne, die eingecheckt war und aus einem Impuls heraus nicht einstieg. Das war keine Ahnung einer bevorstehenden Katastrophe, sondern ein kurzer Moment eigener Wünsche nach Freisein und sich keinen fremden Plänen unterwerfen zu müssen. Drehplänen und Diätplänen, den Rollenplänen als Ehefrau und Mutter. Jeanne Patou ist eine Art französisches Heiligtum, die bekannteste Schauspielerin der Nation, ihr vermeintlicher Tod eine Tragödie.
Je länger sie wartet, ihr Überleben aufzuklären, desto unmöglicher wird dieser Schritt. Aber wie frei kann man sein, wenn die eigenen Töchter glauben müssen, man sei tot? Welchen Preis hat das Verschwinden? „Diese Freiheit ist kaum auszuhalten, dieser Schlund und nirgends ein Halt.“
Und zugleich ist da diese Sehnsucht nach sich selbst und einer radikalen Ehrlichkeit, auf ihr Leben als Frau zu blicken, wie sie benutzt wurde von ihrem Mann Bernard, der sie beim Sex filmte und damit Geld verdiente. Wie sie Rollen spielte, einen Künstlernamen annahm und ihre Herkunft von sich abtrennte.
Jeanne findet Unterschlupf in einem Haus mit Frauen, die ihrerseits verschwunden sind, im Verborgenen leben mit neuen Identitäten und falschen Berufen, weil sie sich vor ihren Männern in Sicherheit bringen mussten, vor dem Ertränktwerden in einer Kloschlüssel mit Scheiße, vor Fleischerhaken, die sich in Schultern bohren, vor Erniedrigungen, weil man eine Frau ist. Nina George schreibt unverschlüsselt und mit Zorn, wo Zorn angebracht ist. Und sie zeigt den Weg.
Jeanne muss sich unerkennbar machen, nennt sich Carlos, arbeitet in einer Autowerkstatt. Die Frauen um sie herum mussten alles, was sie liebten, zurücklassen, um sich zu retten. Sie verhalten sich wie Opfer. Auch Jeanne. Es braucht Jahre bis zu dem Aufbäumen, dass sie sich zu erkennen geben muss, um die Hoheit über sich selbst zurückzuerlangen, sie will ihre Töchter wiedersehen, ihre Eltern, sie will Alva sein, so heißt sie. Und die Frauen?
Sie erlangen Freiheit durch Erzählen. 100 Tage lang erzählen sie dem Mann Enric ihre Geschichten. Er ist der Peiniger von Leyla, einer von ihnen. Er hat Leyla ausfindig gemacht und sie wieder verprügelt, und nun halten die Frauen ihn im Keller fest, und er kann nicht anders, als ihnen zuzuhören. 100 Tage wie tausendundeine Nacht. Es ist wie eine „Verschiebung der inneren Kontinente.“ Sie hören auf, sich an Demütigungen zu klammern und trauen sich zaghaft, der eigenen Freude zu trauen und Schmerz loszulassen. Auch Enric wird den Keller anders verlassen. „Er wird lange brauchen, zu einer eigenen, einer neuen Sprache zu finden, denn er trägt nun zehn Frauenleben in sich.“
Heidrun Immendorf
DIE PASSANTIN | Nina George | ROMAN Kein & Aber Verlag | Zürich 2025 | 320 S. | € 26,00
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