Satzwende: Leon Engler

Das Bild zeigt ein Blatt Papier mit der Frage "Was ist Freiheit?".
© Rike Oehlerking

Freiheit der gezähmten Auerochsen

Von Leon Engler 

Du sitzt im Zug und liest eine E-Mail: Könnten Sie sich vorstellen, einen Text über Freiheit zu schreiben, essayistisch, persönlich, poetologisch, literarisch, in der Form wären Sie völlig frei?

Sofort beginnt dein Gedächtnis, dieses pedantische Archivwesen, dir Zitate und Theorien vorzulegen: Kierkegaard, Sartre, Isaiah Berlin. Freiheit von, Freiheit zu. Der Mensch zur Freiheit verdammt. Du schaust aus dem Zugfenster. Novemberfrost. Sonne, die knapp über den Feldern hängt. Warum kaust du Theorien wieder wie die Kuh ihr Gras?

Du kannst nicht anders, du erinnerst dich (ob du willst oder nicht) an die Hirnforschung: Ein Experiment, das angeblich beweist, dass der freie Wille nicht existiert, weil das Gehirn schon plant, bevor du merkst, dass du planst. Unfreiheit = Nicht-anders-können.

Dann fällt dir das Café ein, in dem ein Philosoph, er konnte nicht anders, dir das Gegenteil beweisen wollte und über einem doppelten Espresso die Freiheit des Willens beweisen wollte. 

Noch dreizehn Minuten bis Leipzig.


Dein Gedächtnis springt weiter zur Soziologie: Alles Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, die Tempel geschlossen. Das ganze Blabla zur Individualisierung. Du sollst also dein eigenes Leben gestalten und so weiter. Nach welchen Regeln leben, schreiben? Ist dein Wille wirklich deiner, so wie der Philosoph behauptet hat? Oder ein Produkt aus Eltern, Freundinnen, Idolen, Werbung, Zeitgeist, Algorithmen?

Du kommst gerade aus Kreuzberg. Freiheit steht dort in der Hausordnung. Freiheit = Jogginghosen im Supermarkt, Crack auf der Parkbank. Gleichzeitig siehst du den stummen Zwang der Verhältnisse: Menschen, die auf Stein schlafen; Menschen, die die nächsten Steine suchen, um den Suchtdruck zu zähmen.

Zwischen Reiz und Reaktion einen Raum der Freiheit schaffen, das ist Viktor Frankls Programm der Psychotherapie. Auch das der Suchttherapie: Handlungsspielräume erweitern. Du denkst, es geht nicht anders, an die Zeit, in der du in einer Suchtklinik gearbeitet hast. Wäre der Mensch völlig unfrei, wäre Psychotherapie sinnlos. Das Prinzip des Anderskönnens.

Aber manche Zwänge sind politisch. Wie willst du über die Tyrannei der Wahl schreiben, wenn anderen die grundlegende Freiheit fehlt, sich zu waschen, zu essen, zu überleben? Eine Politik der Freiheit müsste Möglichkeitsräume vergrößern für möglichst viele, denkst du.

Schon hast du dich verrannt, denkst du, während die Sonne sich auf dein Gesicht legt wie eine warme Hand. Warum beginnt er diesen Text auf diese Art? Hattest du überhaupt eine Wahl? Vielleicht liegt genau darin der Kern: Die Kontingenz des Schreibens selbst. Das weiße Blatt als Einladung und Vorwurf: unendlicher Möglichkeitsraum, aber auch Zwang zur Entscheidung. Der Text nervt dich, dein Denken nervt dich, ein neues Gehirn müsste her, das wäre wahre Freiheit; sich ein neues Gehirn einsetzen zu lassen wie ein neues Herz.

Du arbeitest gerade an deinem zweiten Roman, könntest alles schreiben: Popliteratur, bewusstseinsstromartiger Avantgarde-Irrsinn im Futur II, um es nicht unnötig unkompliziert zu machen, der so beginnen könnte: Wir werden erst gemerkt haben, dass wir frei gewesen waren, nachdem uns unsere Freiheit genommen worden sein wird. 

Der Zug schießt zu auf Bamberg. 


Muss man experimentieren, weil es möglich ist? Oder alte Formen wählen, weil sie getragen haben? Vielleicht ist der antike Dichter, gefangen im Versmaß, freier als die Theaterautorin, die alles dekonstruieren muss, aus Texten Flächen und Wüsten macht. Wie findest du einen Stil, eine Lebensweise? 

        Vielleicht ist zu viel Freiheit eine andere Form der Erschöpfung. Erst kürzlich last du bei Catherine Millot, wie Lacan zu einem Mann sagt, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde: „Oh, dort waren Sie wohl wirklich frei.“ Das wäre fast schon Stoff für einen Roman.

        Noch ein Gedanke will hochgewürgt und zerkaut werden: Man könne zwar tun, was man wolle, aber nicht wollen, was man wolle, behauptete der Philosoph im Café, eine Einschränkung der Freiheit also.

       Dann bliebe dir nur: an der eigenen Willensbildung mitarbeiten. Nicht alles schreiben können, aber mitschreiben am eigenen Wollen. Irgendwann muss man eine Handschrift riskieren. Entscheidungen treffen, Texte wagen, die scheitern können, sich ein Leben trauen.

        In München steigst du um, Kaffee, Bagel mit Käse, dann in den Regionalzug. Zwei Stunden später läufst du durch ein Dorf. Berge, fichtengrün, wie Theaterkulisse. Einzelne Lichtpunkte in der Ferne.

        Es gibt Schreibende, die vor dem weißen Blatt stehen wie Luther vor der Kirchentür und aufschlagen mit einem Ich-konnte-nicht-anders. Woher diese Dringlichkeit? Du selbst zweifelst an allem, am Thema, am Text, am Stil, am Leben, immer der Gegenwind des Anders-könnens ankämpfen. 

      Erst Wind, dann Regen. Du streifst vorbei an Einfamilienhäusern, irgendwann auch ein Kuhstall. Du linst hinein, eine Herde von Philosophen. An den Auerochsen erinnert wenig. Die Tiere, zusammengepfercht und angekettet, sehen zufrieden aus, mahlen Stroh und Heu. Oh, seid ihr hier wohl wirklich frei?


Das Bild zeigt den Autor Leon Engler.
© Niklas Berg

Leon Engler

wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Engler ist als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben tätig. Botanik des Wahnsinns ist sein Debütroman.

 

Leon Engler liest aus Botanik des Wahnsinns im Rahmen der Literarischen Woche Bremen am 29. Januar.

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