Satzwende: Hannah Lühmann

Traditionelle Haushaltsgegenstände auf einem Marmoruntergrund
© Rike Oehlerking

Erna, der Vibeshift und ich

Von Hannah Lühmann

Es ist nicht besonders lange her, dass mein Vater gestorben ist, und würde er noch leben, wüsste ich vielleicht nichts über den unheimlichen Zwilling, den mein Buch hat. Mein Buch heißt Heimat, es erzählt die Geschichte einer Frau, die aufs Land zieht und dort von einer „Tradwive“ magisch angezogen wird, von einer Frau also, die ein „traditionelles“ Leben lebt, die brät, die bäckt, die näht, die kocht, die zuhause ist und alles selber herstellt. Ich wollte damit etwas über den Vibeshift erzählen, über die unheimliche und seltsame Veränderung, die in unser aller Köpfen gerade stattfindet.

Mein Buch wurde schon einmal geschrieben: von meiner Urgroßmutter. Sie war Hausfrau und Schriftstellerin. Ich kannte sie nicht, ich kannte auch ihr Buch nicht. Ihr Buch heißt Inge gehört in die Heide. Es erschien 1935 im Gustav-Weise-Verlag. Erna war damals 43 Jahre alt, sie hatte zwei Söhne, beide im Krieg geboren, der jüngere zu der Zeit gerade 18 und seit fünf Jahren in der Hitlerjugend, mein Opa. Erna selbst war konservativ, national, mit bedenklichen Ausschlägen ins Blut-und-Boden-hafte. Inge gehört in die Heide erschien in der Reihe Wir jungen Mädchen, die mit dem Slogan „Bücher, wie sie sich jedes rechte Mädchen wünscht“ für sich warb. Die Bücher sollten „naturverbunden, gegenwartsnah, frisch, packend, sittlichstark“ und „gemütstief“ sein.


Inge ist 16, als sie weg aus der Stadt in die „Heide“ muss: auf den „Erbhof“ ihrer Großeltern in Niedersachsen. Ihre Mutter war abwesend, ist dann gestorben, der Vater überfordert. Inge hat zwei jüngere Brüder, um die sich zu kümmern ihre Aufgabe ist: nahezu obsessiv beschäftigt sich das Buch mit zerrissenen Hosenböden und schlammigen Stiefeln, die von „Untaten“, „Kletterpartien“ und „froher Ferienseligkeit“ der Jungs erzählen. Inge hadert zunächst mit ihrem Schicksal und dem Landleben: „Diese Arbeit, diese immer wiederkehrende Arbeit, die das alles machte!“, denkt sie verstört und fragt sich, wie es sein kann, dass man auf dem Land Lebensmittel mühsam selbst erzeugt, die man doch leicht im Geschäft kaufen könnte. Sie fühlt sich einsam und sucht Anschluss.

Dann kommt es zu mehreren Schlüsselerlebnissen, die sie verwandeln: eine Prügelei ihrer Brüder mit den Landjungs, der Besuch eines Sommerballs, ein seltsamer Traum und schließlich die Ansprache durch eine neugewonnene, mütterliche Freundin, die Inge beim gemeinsamen Sockenstopfen eröffnet, was ihrer Meinung nach „jedes Mädchen früh von seiner Mutter“ lernt: dass Frauen solche Arbeit „den ganzen Tag“ aus „diesem Gefühl“ heraus verrichteten: in freudiger Anteilnahme an den Abenteuern ihrer (männlichen) Kinder. Inge sieht fortan die Welt „mit neuen Augen“, sie hört auf, ihre Brüder zu schelten, verrichtet „fröhlich“ ihre Arbeit, lernt, dass „Frauenfreude ist, was andere ‚Frauenpflichten‘ nennen.“ Am Ende steht eine sich anbahnende Liaison mit dem Lehrer ihrer Brüder, die Inge auf der letzten Seite des Buches den Satz sprechen lässt: „Ja, ich gehöre in die Heide und in das Lehrerhaus nach Overgönne!“


Natürlich ist es nicht das gleiche Buch – mein Roman keine Propaganda, Ernas Buch ein rein bejahendes Kuriosum – aber doch seltsam, wie ähnlich die Verwandlung unserer Städterinnen vor sich geht. Das anfängliche Fremdeln, die Übertragung des Tradwivetums durch Gespräche und Berührungen, die Affirmation in der Schlussszene. Selbst die traumhafte Sequenz, die bei Erna eine entscheidende Rolle spielt, steht an ähnlicher Stelle wie eine Szene bei mir, in der die Handlung ins Surreale kippt. Ich bin nicht sicher, was das bedeutet. Ich bin auf Erna durch einen Roman gestoßen, den mein Vater über unsere Familie geschrieben hat. Erna kommt in ihm nicht gut weg, was mich nervte: Was weiß ein Mann schon über das Leben einer 1892 geborenen Frau, die vom Gymnasium genommen und an einen Lehrer verheiratet wurde? Mein Vater machte sie verantwortlich für den Tod ihres Sohnes, seines Vaters, der im Alter von nur 27 Jahren im heutigen Polen „fiel“. Sie hatte ihn, so seine Deutung, mit ihrer Ideologie infiziert. Ich konnte das Buch meines Vaters erst nach seinem Tod lesen.

Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die ich von meinem Tradwive-Zwillingsbuch lernen kann: das alles ist uralt, es ist nicht neu, es ist so alt, dass es kaum der Verwandlung bedurfte, um in der Gegenwart wirksam zu werden.


Auf dem Foto sitzt Hannah Lühmann an einem Tisch.
© Max Zerrahn

Hannah Lühmann

wurde 1987 geboren, hat Philosophie in Berlin und Paris studiert. Sie schrieb unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit. Von 2014 bis 2025 war sie als leitende Redakteurin im Kulturressort bei der Welt und Welt am Sonntag tätig. Hannah Lühmann lebt als freie Journalistin mit ihrer Familie in Berlin. Auf ihr Debüt Auszeit (2021) folgte 2025 der Roman Heimat.

Hannah Lühmann liest am 05. März 2026 in unserer Lesereihe Satzwende im flux. Zur Veranstaltung

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