Lesekreis Next Page: Julia Schlecht im Interview

Ein neuer Lesekreis für junge Menschen? Der Lesekreis Next Page macht es möglich. Bei den monatlichen Treffen steht der gemeinsame Austausch über gesellschaftspolitische Bücher im Fokus. Im Gespräch mit Stephanie Schaefers erzählt Julia Schlecht, wie die Gruppe mit dem Thema “Bücherkonsum” umgeht und welche Möglichkeiten dieser neue Begegnungsraum bietet.

Hallo Julia, du hast zusammen mit der Stadtbibliothek Bremen einen Lesekreis für junge Menschen bis 30 Jahre gegründet. Was ist das Besondere an dieser Kooperation, an diesem Lesekreis? 

Das Besondere an dem Lesekreis Next Page ist die Zielgruppe und der partizipative Ansatz. Es wird vielen jungen Menschen mittlerweile nachgesagt, dass sie nicht mehr lesen würden. Das spiegelt sich auch in der Angebotsstruktur wider, viele Lesekreise denken diese Zielgruppe nicht richtig mit. Dabei gibt es nach wie vor auch junge Menschen, die gerne lesen und nach Austauschorten suchen. Deswegen schaffen wir diesen Begegnungsraum für junge Leute. Im Rahmen der Vorbereitung für den Lesekreis habe ich andere außeruniversitäre Lesekreise besucht und mir ist dabei aufgefallen, dass diese insbesondere von Menschen im Rentenalter besucht werden. Ich glaube, dass viele junge Menschen eher Lust auf einen Lesekreis haben, wenn sie sich mit ihrer Peer-Gruppe austauschen können.  

Gleichzeitig ist es dem Bremer Jugendring als Interessenvertretung für junge Menschen in Bremen auch wichtig, Jugendbeteiligung mitzudenken und deswegen ist Next Page partizipativ konzipiert. Das heißt, dass die Teilnehmenden bestimmen, was wir lesen und wie gelesen wird. Ich bringe als Moderation natürlich Vorschläge mit und stelle unterschiedliche Lese-Methoden vor, aber das letzte Wort haben immer die Teilnehmenden. 

Euer thematischer Schwerpunkt ist „Gesellschaft im Fokus“. Haben alle eure ausgewählten Bücher einen aktuellen Bezug zu gesellschaftlichen Themen, oder was haben wir uns darunter vorzustellen? 

Da wir einen partizipativen Ansatz verfolgen, wollten wir ein möglichst offenes Thema wählen, um Gestaltungsspielraum zu ermöglichen. Es gibt in Bremen schon einige Lesekreise mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten, sei es zum Genre Krimi, Sci-Fi oder politische und akademische Lesekreise. Und weil wir nebst der Zielgruppenorientierung noch ein inhaltliches Kriterium haben wollen, um uns von anderen Lesekreisen abzuheben, sind wir dann auf „Gesellschaft im Fokus“ gekommen, weil es das so noch nicht in Bremen gibt. Ich bin der Ansicht, dass man jedes Werk auch aus einer gesellschaftspolitischen Perspektive betrachten kann. 

Das Bild zeigt Teilnehmende bei einem Treffen des Lesekreis Next Page.
© privat

Wichtig ist hierbei auch die Leitfrage des Lesekreises: „Wie wollen wir miteinander leben?“. In meinem Projekt UNEXPECTED geht es um die Unterstützung junger Menschen mit Migrations- und Fluchtbiographien und deswegen ist es mir wichtig, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, damit darüber nachgedacht werden kann, was es in einer vielfältigen Gesellschaft für ein gutes Zusammenleben braucht. Natürlich sind grundsätzlich alle jungen Menschen, auch ohne Migrations- und Fluchtbiographie, eingeladen, sich mit Themen rund um gesellschaftliche Teilhabe auseinanderzusetzen.  

Diesen Monat geht es bei uns im Digitalen Literaturmagazin um das Thema Konsum. Meinst du, dass es einen Unterschied macht, ob man Literatur allein oder in der Gemeinschaft konsumiert? 

Ja, das macht einen riesigen Unterschied. Alleine lesen ist sehr schön, aber erst im Austausch mit anderen Menschen über das Gelesene werden weitere Lesarten und Deutungsebenen für einen greifbar, dadurch erweitert sich der eigene Horizont.  

Und braucht es gerade in diesen Zeiten Orte, an denen sich junge Menschen direkt und analog über Gelesenes austauschen? 

Unbedingt! Wir bekommen immer wieder mit, dass Einsamkeit auch ein Thema ist, an dem junge Menschen zu knabbern haben. Der Lesekreis Next Page soll ein Begegnungsraum für alle literaturinteressierten jungen Menschen sein. Gleichzeitig kann dieser Begegnungsraum der Ort sein, wo sich etwas Geteiltes herstellen lässt, also ein Raum, in dem Gemeinschaft entsteht. Und in diesem Kontext können dann auch Freundschaften, die über den Lesekreis hinaus gehen, geknüpft werden. 

Das Bild zeigt Teilnehmende bei einem Treffen des Lesekreis Next Page
© privat

Spielt das Thema "Bücherkonsum" innerhalb eures Lesekreises eine Rolle? Sollen sich Teilnehmer*innen das Buch vorher kaufen oder sucht ihr explizit nach Büchern, die auch in der Bibliothek zu finden sind?

Tatsächlich ist es uns sehr wichtig, ein konsumfreies Angebot zu ermöglichen, denn die finanzielle Belastung, sich jedes Buch selbst kaufen zu müssen, könnte eine Hürde darstellen, überhaupt an dem Lesekreis teilnehmen zu können. Da wir mit der Zentralbibliothek kooperieren und der Lesekreis auch dort stattfindet, wollen wir mit den Beständen der Zentralbibliothek arbeiten.  

Denkbar wäre auch ein Büchertausch untereinander, oder?

Über einen Büchertausch habe ich noch nicht nachgedacht, aber ich finde das ist eine ausgezeichnete Idee und ich werde das als Anregung mit in den Lesekreis bringen! 

Schauen wir mal etwas allgemeiner in die Zukunft: Was wünscht du dir, wie sollen sich der Konsum rund um Literatur und Bücher weiterentwickeln? 

In Zukunft sollte der Konsum von Literatur meiner Ansicht nach so gestaltet werden, dass möglichst viele Menschen Zugang zu Büchern bzw. Literatur erhalten und zu den damit verbundenen Diskursen – unabhängig von Einkommen und Herkunft. Da gibt es nicht den einen Weg, sondern das wäre eine Mischung aus unterschiedlichen Formaten. Open-Access ist ein Beispiel oder andere kostenlose Angebote, wie Shared-Reading-Veranstaltungen. Es sollte insgesamt mehr konsumfreie Räume geben, so wie das bereits durch Bibliotheken, gemeinnützige Vereine und einige Gemeindezentren ermöglicht wird oder durch Lesekreise, Diskussionsrunden, Schreibwerkstätten und vielem mehr. Wichtig ist auch die Ermöglichung und der Zugang zu barrierefreien Inhalten.  

 

Liebe Julia, vielen Dank für das Interview!
 

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