Lesetipp: Unabhängig - Vom Trinken und Loslassen

Rike Oehlerking

Literaturhaus Bremen & Literaturmagazin Text- und Bildredaktion

Das Buchcover zeigt einen Frauenkörper, der einen großen Blumenstrauß im Arm hält.

Studien zeigen: Je früher ein Mensch in seinem Leben in Kontakt mit Alkoholkonsum kommt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mensch im Laufe seines Lebens ein problematisches Trinkverhalten entwickelt.
Exakt diese Erfahrung schildert Eva Biringer in ihrem Buch Unabhängig - Vom Trinken und Loslassen von 2022. Und sie ist damit nicht allein, wie sie im Zuge ihrer Recherchen feststellen musste. Im Gegenteil: Alkoholkonsum (auch und vor allem problematischer) geht einher mit der Geschichte der Frauenemanzipation. 

„Das weibliche hat sich dem männlichen Trinken angenähert“, schreibt die in Wien und Berlin lebende Kunst- und Theaterjournalistin. Anhand ihrer eigenen Biografie aber auch zahlreicher Studien zeigt Biringer auf, wie antifeministisch der selbstverständliche Konsum einer Substanz ist, die schon lange aus medizinischer Sicht als pures Gift für den menschlichen Körper gesehen wird.

Zahlreiche Beispiele dienen der „Beweisführung“ ihrer Hypothese. Allen voran immer wieder Erzählungen aus ihrem eigenen Leben. Wer in den 1980er und 1990er Jahren als Frau sozialisiert worden ist – vor allem in ländlichen Regionen –, wird sich in den Geschichten von exzessiven Partys in Großraumdiskos, tolerierten Day-Drinking-Eskapaden ganzer Dörfer zur Karnevalszeit und dem Drang, einer aufkommenden Langeweile etwas in Form von (Drogen-)Abenteuern entgegen zu setzen, wiederfinden. 

Biringers autobiografischer Erfahrungsbericht ist dramatisch und macht deutlich, dass auch der problematische Konsum von Alkohol (gerade bei Frauen) kein Individualproblem ist, sondern auch hier mal wieder eine strukturelle Misslage dahinter steckt. Denn Studien zeigen auch: „Je emanzipierter ein Land ist, desto eher trinken die dort lebenden Frauen.“

Mit radikaler Ehrlichkeit (vor allem sich selbst gegenüber) weist Eva Biringer auf all die paradoxen Zustände rund um das Thema „Alkoholkonsum“ hin. Gerade durch ihren Mut, die Dinge beim Namen zu nennen und dadurch aus den ewig währenden Verharmlosungen auszubrechen, kann der*m Leser*in durchaus augenöffnend die Lust am Trinken vergehen. Dabei geht es Biringer absolut nicht darum, dem Menschen das Recht auf Rausch abzusprechen. Nur der Umgang – auch und vor allem aus feministischer Sicht sollte dringend überdacht werden. Das wird mit jeder Seite deutlicher und gipfelt in ihrem unabwendbaren Beschluss, die Finger ganz vom Alkohol zu lassen. Wie ihr das gelingt und welchen Herausforderungen sie sich dabei gegenüber sah, lässt sich in ihrem Sachbuch, das gleichzeitig auch als Coming-of-Age-Geschichte lesbar ist, bestens nachlesen.

Rike Oehlerking

UNABHÄNGIG | Eva Biringer | SACHBUCH HarperCollins | Hamburg 2022 | 352 S. | €18,00


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