Das imaginierte Korsett
– Gedanken über Fließbandschmeicheleien beim Pilates usw.
Von Son Lewandowski
„Die Beine hüftschmal aufstellen“, sagt die Pilates-Trainerin. Vor ihr hat es schon die Yoga-Lehrerin im letzten Kurs gesagt und es dämmert mir in meiner nächsten stillen Wiederholung, dass sich mein eigenes Auftreten und das meiner stummen Trainingsnachbarinnen noch einmal verkleinert hat. Denn vor gar nicht langer Zeit hieß es noch, dass wir die Beine hüftbreit aufstellen sollen, um in den herabschauenden Hund oder die nächste Plank-Position zu gehen.
Da muss etwas an dem Wort breit gestört haben, muss anstößig gewesen sein. Etwas muss in den Hinterzimmern der Fitnesswelt passiert sein, dass die Trainer*innen jetzt geschlossen hüftschmal sagen. Vielleicht sollen wir uns so geschmeichelt fühlen und noch ein bisschen öfter zum Training kommen, denn, soviel ist klar: all das hier machen wir fast freiwillig und darum muss es Anreize für uns geben, ständig und öfter herzukommen.
Mit diesem Fließbandschmeicheln, das in den Fitness-Kursen grassiert, werde ich routiniert eingelullt und soll mich wohler fühlen. Im Umkehrschluss impliziert ein Neologismus wie hüftschmal aber auch, dass ich womöglich unsicher mit meinem Körper bin – hüftbreit, das wäre ja schrecklich – und ein kleines Kompliment brauche, damit ich mich besser fühle. Weil ich nämlich eigentlich mit meinem Becken im Minus stehe, im Mangel, in der Schuld, und „[d]as Schuldgefühl“, so schreibt es Audre Lorde in Sister Outsider, „ist nur eine von vielen Möglichkeiten, andere zum Objekt zu machen“.
Die Pilates-, Yoga- und Fitnessstudios sind voll mit diesen Schmeicheleien und Neu-Definitionen unserer Körperteile und deren Bewegungen, die verraten, dass es nicht wirklich um Kraft und Starksein geht, wenn es um meine Fitness und Muskelentwicklung geht, sondern darum, dass man mich besser fassen kann, dass ich kompakt und (be-)greifbar auf begrenztem Raum stattfinden soll.
Da, wo eigentlich mein Bauch ist, den ich sogar beim Sportkurs einziehe, ist im Pilates-Studio ein dreieckiges Power House. Beim Ein- und Ausatmen solle ich mir ein imaginiertes Korsett vorstellen, rät die Pilates-Trainerin, und überhaupt: Atmen. Mein Atem ist jetzt auch dreieckig und getaktet: vier Sekunden Einatmen, nach oben, vier Sekunden anhalten, auf der Spitze des Dreiecks, vier Sekunden rechts runter zum nächsten Punkt des Dreiecks, wieder vier Sekunden anhalten, und wieder von vorne zum Anfangspunkt.
Alles in diesem Pilates-Studio ist definiert: mein Atem, meine Körperteile, mein Trainingsplatz und wie weit ich mich darin bewege (gar nicht weit, ich bleibe auf meinem Platz).
Der Celebrity Trainer Gunnar Peterson, der etwa mit den Kardashians trainiert, sagt es so: I don’t have women coming in saying „I want big arms.“ It’s “I want more definition in my arms.”
Es geht nicht wirklich um einen starken Körper, sondern um den definierten, und Definition bedeutet, dass etwas präzise festgelegt werden kann, als wäre der eigene Körper ein Begriff, den jeder gleich verstehen und fassen kann. Ich mache mich übersichtlich, so wie ich es als Frau ja eh immer sein soll.
Die definierten Arme, das Krafthaus und imaginierte Korsett, die schmale Hüfte – diese Sprache, mit der ich meinen Körper im Sportkurs fasse, trainiert mich dahin, dass ich mich selbst als eigene vier Wände begreife, rückt mich zurück ins Private, ins Eingeschnürte, ins Überschaubare. Dieser gut trainierte Korsettmuskel hier ist nicht dafür da, um mich stärker zu bewegen, weiter vorwärtszukommen, höher und schneller, sondern um mich möglichst feste zusammenzuhalten.
Und ja, ich gebe zu: Ich umfasse und forme und sichere mich selbst. Und ja, ich gebe zu: Ich bin stolz darauf, wie meine Muskeln mich halten und man könnte sagen, dass meine Muskulatur mehr noch als meine Psyche verstanden hat, was Stabilität ist. Aber bin ich auch souverän mit dieser starken Taille, diesen definierten Armen, die jetzt übrigens Rich-Girl Arms heißen? Kann ich mich in diesem Körper souverän durch mein Leben bewegen oder falle ich nicht trotzdem wieder sofort in meine Unsicherheit, wenn ich aus der letzten Wiederholung meiner Kniebeugen aufwache?
Dass ich im Fitnessstudio auf der Stelle trainiere, ist Sinnbild dieses Dilemmas: ich trainiere in mich hinein, komme keinen Schritt vorwärts und kann mich mit den anderen Trainierenden um mich herum nicht wirklich verbinden. Isoliert stehen wir auf engstem Raum beieinander und marschieren, beugen und dehnen uns vor uns hin, in das eigene Spiegelbild getunkt.
Und ja, es ist eine Zeitfrage, eine Privilegienfrage, eine Prioritätensetzung so oft hier herzukommen vor die Spiegel, und ja es stimmt: ich entscheide mich viel zu oft für mein eigenes Spiegelbild anstatt für das Draußen und die anderen, und begründe es so: es ist gesund, es tut mir gut.
Und jetzt, wo es hüftschmal heißt, ist der Wellnessduft in der Studioluft noch ein bisschen stärker geworden. Und unter meinen Achseln, das ist auch kein Optimierungsschweiß, das ist Selbstliebe, oder? Schließlich bedanke ich mich am Ende jeder – jetzt hätte ich fast Sitzung geschrieben – Sportstunde bei mir selbst, dass ich auf die Matte gegangen bin, dass ich mir Gutes getan habe, dass ich für mich da bin. Denn neben dem muskulösen Erfolg des definierten Körpers, der mir blüht, ist es das wohlige Self-Care-Gefühl, das mich hertreibt. In den Mittagspausen, an den Abenden oder gleich vor der Arbeit komme ich her, sage Verabredungen ab, gehe nicht mehr ins Kino, sitze nicht mehr im Café und lese nicht mehr. Ich stehe hier vor meinem Spiegelbild und arbeite mich immer tiefer in dieses Muskelspiel. Die Frage ist nur, in welche Richtung ich meine Muskeln schließlich benutzen werde.
Son Lewandowski
lebt als Autorin und Kuratorin in Köln. 2023 wurde sie zum Klagenfurter Literaturkurs und der Autor*innenwerkstatt des LCB eingeladen. Mit Die kurzen Karrieren stand sie in dem Jahr auf der Shortlist des Edit-Essaypreises. 2024 wurde sie durch das Spaltmaße-Stipendium der Jürgen Ponto-Stiftung gefördert, 2025 durch das Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW.
Am 07. Mai liest Son Lewandowski aus ihrem neuen Roman Die Routinen in der Reihe Satzwende des Literaturhaus Bremen.