Satzwende: Leif Randt

Das Bild zeigt Schokoladenpralinen in einer goldenen Verpackung.
© Rike Oehlerking

Hightech-Performance für den Trail

Von Leif Randt

Final sale is now live

Hungrig durch den Supermarkt streifen. Sich die Dessertkarte reichen lassen. Den Espresso bestellen, das Sorbet bestellen, noch einen Espresso bestellen. Bock auf eine Limonade haben, Bock auf einen Aperitif, Bock auf Afterhour. Bock auf Äpfel, Nüsse, Toffifee.

Konsum als erlösende, als trostspendende und euphorisierende Handlung. Darum könnte es gehen.

Manchmal beobachte ich Kleidungsstücke über Monate hinweg, manchmal lauere ich online auf einen besseren Preis, manchmal frage ich im Laden nach, ob das jeweilige Stück in meiner Größe noch ein paarmal auf Lager ist, und hoffe, dass die Restbestände bis zum Sale unberührt bleiben. Ich spekuliere, ich kalkuliere, ich bin ein Spießer.

Leistungsstarke Lifestyle-Modelle. Neue Farben. Gleicher Komfort.

Ich gehe ins KaDeWe und probiere ein Paar Loafers an, weil sie anders sind als alle Schuhe, die ich bisher besitze. Sie kosten mehr als mein Wintermantel, mehr als mein iPhone. Ein hübscher Verkäufer sagt, der Schuh sei neu und vom Sale ausgeschlossen. Ich besuche andere Geschäfte, ich kaufe zwei günstige Hosen, ein günstiges Hemd, einen Sneaker, das Sweatshirt aus Hong Kong kaufe ich nicht. Ich esse eine Nudelsuppe mit Hähnchen, ich denke nach. Am frühen Abend kehre ich ins KaDeWe zurück und kaufe die Loafers, denn ich habe vierzehn Tage Rückgaberecht. Zu Hause probiere ich sie mit verschiedenen Hosen an. Ich gehe vor dem Wohnzimmerspiegel auf und ab. Im Tageslicht. Im Abendlicht. Ich mache Fotos. Ich bringe die Schuhe nie mehr zurück ins KaDeWe. Sie werden häufig gelobt, vor allem von Leuten, die ich wirklich cool finde, und die ich wirklich mag.

Erlebe den Unterschied. Das komplette Sortiment. Das volle Erlebnis

Am meisten Spaß macht mir das Trinken dann, wenn ich vorher weiß, dass ich mich betrinken werde. Wenn der nächste Tag in weiter Ferne liegt. Wenn ich freundlich nickend die dritte Bestellung aufgebe, und dabei weiß, dass diese erst der Anfang ist.

Hat es sich jemals gut angefühlt, zu verzichten?

Das frische Gefühl am Morgen nach dem Verzicht ist selten so frisch wie man es sich vorher ausmalt. Man ist selten so ausgeschlafen wie erhofft, selten so ausgeschlafen wie früher einmal.

Snapchat und Amphetamine.
Das neue Telefon verwenden — von früh morgens bis spät nachts.
Nachgeben, mitgehen, umarmen.
You can’t blame the products.
Sie gönnte sich, er gönnte sich, wir gönnten uns. 

Brandneu: Der Stinson One 7. Pace-ready beginnt hier.

Würde man weniger konsumieren — wäre man dann präziser, klüger, ausgeglichener? Weniger Salz, weniger Zucker, weniger Keta? Weniger News, weniger TikTok, weniger Maischberger?

Wird man auf lange Sicht glücklicher sein, wenn man das kurze Glück häufiger skippt?

Wer in der Lage ist, seinen Konsum in vollen Zügen zu genießen, der ist potentiell auch in der Lage, seinen Verzicht in vollen Zügen zu genießen.

Final 48 Hours. This is the last chance to shop the seasonal selection. 

Ich möchte von dem Abend, an dem ich high gewesen bin, auch rückblickend noch zehren. Ich möchte meine Schuhe lange behalten, mein Posting auch nach Tagen noch mögen, ich möchte, dass unsere Freundschaft überdauert.

Jemand fragte: „Wenn unsere Handlungen nie etwas am großen Ganzen verändern — sind es dann überhaupt Handlungen?“
Jemand sagte: „Wenn wir jetzt gleich miteinander schlafen, dann werden wir das später bereuen. Oder uns gerne daran erinnern.“

Was kam zuerst? Die Lust am Konsum? Oder der freie Markt?

Unaufhaltsam auf dem Trail. Wanderschuhe, die mit dir Schritt halten.

Wenn ich das Verliebtsein schon nicht konservieren kann, so möchte ich es doch wenigstens wiederholen. 

Schon wieder Bock auf Toffifee. 

„It is a beautiful colour“, sagte der Mann im schwarzen Anzug, als die Jacke gerade schon bezahlt war. Er sagte es nicht, um zu verkaufen, er sagte es, weil er es so meinte.
Was wäre übrig geblieben von London im Mai’25 ohne den Besuch bei Dover Street Market? 
Ich trage die Jacke nun schon fast ein ganzes Jahr. Und die andere Jacke in identischer Farbe, die ich bereits besaß, trage ich ebenfalls. Ich mag beide Jacken sehr. It is a beautiful colour.

Selten habe ich mich sagen gehört, dass es gut war, etwas nicht gekauft zu haben. 
Aber manchmal passiert es doch. Dann sage ich: „Zum Glück habe ich das damals nicht gekauft.“

Frisch eingetroffen: Gemütliche Styles 

 


Leif Randt steht mit einer Schirmmütze vor einer grünen Wand.
© Belle Santos

Leif Randt

geboren 1983 in Frankfurt am Main, ist der Autor von fünf Romanen und einem Kinofilm. Bisher erschienen sind die Utopien Planet Magnon (2015) und Schimmernder Dunst über CobyCounty (2011), der London-Roman Leuchtspielhaus (2009) sowie die Lovestory Allegro Pastell (2020). Seine Prosa wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (2023).

Am 21. April liest Leif Randt aus seinem neuen Roman Let's talk about feelings in der Reihe Satzwende des Literaturhaus Bremen.

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