Der Woman in Translation Month findet seit 2014 jährlich im August statt und soll auf Autorinnen aufmerksam machen, deren Werke in andere Sprachen übersetzt wurden oder werden. Doch wer bringt diese Literatur eigentlich in eine andere Sprache? Die Bremer Übersetzerin Ina Kronenberger spricht über die Faszination und die Herausforderungen des literarischen Übersetzens und über das besondere Dazwischen, in dem Übersetzungen entstehen.
Ina, wie war dein Einstieg ins literarische Übersetzen?
In der Region, in der ich aufgewachsen bin, war französisches und amerikanisches Militär stationiert, und so bin ich schon früh mit Fremdsprachen in Berührung gekommen. Das hat meine Neugier geweckt. Später bin ich als Au-Pair nach Paris gegangen und habe anschließend Romanistik und Skandinavistik studiert. In den Übersetzungsseminaren an der Uni konnte ich dann feststellen, wie spannend das Übertragen von einer Sprache in die andere ist und dass es keineswegs damit getan ist, jedes fremdsprachige Wort in exakt ein passendes deutsches zu übertragen.
Nach dem Studium habe ich zum Glück in den richtigen Momenten die richtigen Menschen getroffen, aber ohne eigenes Zutun kommt man in der Branche nicht weit. Über Jahre hinweg habe ich den Kontakt zu fremdsprachlichen Verlagen gesucht, an Übersetzer*innenseminaren teilgenommen und meine Netzwerke beständig ausgebaut. Ich würde sagen: Um als Berufseinsteiger*in Aufträge zu erhalten, sind Eigeninitiative, Durchhaltevermögen und etwas Glück notwendig.
Das klingt nicht ganz einfach. Was fasziniert dich am literarischen Übersetzen bis heute?
Es ist unglaublich schön, wie abwechslungsreich meine Arbeit ist. An einem Tag beschäftige ich mich mit Dinosauriern, am nächsten Tag mit Leuchttürmen, dann wiederum springe ich ins Paris des 20. Jahrhunderts oder kämpfe im Schwedisch-Norwegischen Krieg. Oft komme ich mir auch vor wie eine Schauspielerin, die in verschiedene Rollen schlüpft in dem Versuch, den Ton eines Textes oder einer Figur mit Haut und Haar zu erspüren. Zudem macht es mir großen Spaß, das Original in meiner Sprache zum Leben zu erwecken. Meine Devise ist: Hätte die Autorin oder der Autor auf Deutsch geschrieben, sollte der Text so klingen wie meine Übersetzung.
Wie viel Freiheit hast du denn beim Übersetzen? Wo endet die Nähe zum Original – und wo beginnt deine eigene kreative Arbeit?
Übersetzer*innen sind in erster Linie dem Originaltext verpflichtet. Aber wir übersetzen nicht Wörter, sondern Texte. Somit habe ich als Übersetzerin kreative Spielräume, die es zu nutzen gilt und die den Reiz des Berufs ausmachen. Ich würde sagen, beim Übersetzen sind analytische Fähigkeiten genauso gefragt wie Kreativität. Hat man eine Stelle analysiert, zum Beispiel ein Wortspiel durchschaut, hat man noch lange nicht die Lösung. Da kommt dann die kreative Seite ins Spiel, das heißt, das Wortspiel wird bei jedem Übersetzer/jeder Übersetzerin anders gelöst werden. Vor Jahren bin ich in einem Jugendroman einmal dem Satz begegnet. Kjærlighet (Liebe) besteht zu 80 Prozent aus ærlighet (Ehrlichkeit), soll heißen, Ehrlichkeit ist in der Liebe unabdingbar. Das lässt sich in kaum einer anderen Sprache 1:1 nachbilden. Meine Lösung war seinerzeit sinngemäß so was wie: Liebe ist beschwerlich, und in beschwerlich steckt das Wort ehrlich.
Erleichtert die heutige Digitalisierung und insbesondere der Einsatz von KI deinen Berufsalltag oder bringt sie nur neue Herausforderungen mit sich?
Im Alltag erleichtern und beschleunigen digitale Tools natürlich auch meine Arbeit, beispielsweise bei der Recherche. Bei meinen literarischen Übersetzungsarbeiten nutze ich KI jedoch kaum und sehe sie auch noch nicht als Konkurrenz. Literarische Übersetzungen verlangen viel analytisches Feingefühl und die Kenntnis sprachlicher Nuancen und Tonlagen, das können Übersetzer-Apps bisher nicht leisten. Wie es in einigen Jahren aussehen wird, kann ich nicht vorhersagen. Ich hoffe aber, dass sich Menschen auch in Zukunft weiterhin über Übersetzungen freuen, die von Menschen erschaffen werden.
Du übersetzt namhafte Autorinnen wie Anna Gavalda, Maja Lunde oder Linn Ullmann. Wie eng ist die Zusammenarbeit mit den Autor*innen und Verlagen?
Im Norwegischen habe ich oft direkten Kontakt zu den Verlagen und auch zu den Autor*innen. Die norwegische Literaturszene ist sehr rührig, sodass sich mir viele Möglichkeiten bieten, Autor*innen kennenzulernen. Der französische Buchmarkt ist grundsätzlich anders aufgestellt. Dort läuft viel über Scouts und Agenturen, wodurch es insgesamt anonymer zugeht.
Unlängst habe ich beispielsweise mit der norwegischen Autorin Wencke Mühleisen zusammengearbeitet. Da sie zweisprachig aufgewachsen ist und perfekt Deutsch spricht, hat sie meine Übersetzung durchgesehen und abgesegnet. Das war eine tolle Erfahrung, weil mir die Autorin selbst ihr Einverständnis zu manchmal freieren deutschen Lösungen geben konnte, zu denen wir uns im Gespräch gemeinsam vorgetastet hatten.
Übersetzer*innen machen Literatur für neue Leser*innen zugänglich, stehen dabei aber oft weniger im Mittelpunkt als die Autor*innen. Wie erlebst du die Sichtbarkeit und Wertschätzung deines Berufs?
Eigentlich befinden wir uns in einer paradoxen Situation: Je weniger man uns wahrnimmt, desto besser haben wir unsere Arbeit gemacht. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass unsere Arbeit nicht öffentlich gewürdigt werden sollte. Ein großes Thema ist die Bezahlung von Übersetzungen. Ich will mal so sagen: Da gibt es weiterhin Luft nach oben. Eine sichtbare Wertschätzung erfahren Übersetzer*innen durch die Nennung auf Buchcovern und in Rezensionen. In diesem Bereich hat der VdÜ (Verband deutschsprachiger Übersetzer*innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.) in den letzten Jahren viel erreicht.
Gab es eine Übersetzung, die dich vor besondere sprachliche oder kulturelle Herausforderungen gestellt oder persönlich besonders geprägt hat?
Jede Menge! Gerade übersetze ich eine Graphic Novel und dabei ist z.B. die größte Herausforderung, dass meine übersetzten Sätze in die kleinen Sprechblasen passen müssen. Da deutsche Übersetzungen tendenziell länger ausfallen als das Original, ist das zuweilen richtig knifflig.
Sehr anspruchsvoll war auch die Übersetzung von Colettes Vom Glück des Umziehens. Allein der Wortschatz der Autorin war gewaltig, aber auch die einzelnen Beobachtungen und ihre so lyrische wie verknappte sprachliche Umsetzung haben mich mächtig gefordert.
Du organisierst auch einen Stammtisch für Übersetzer*innen in Bremen. Welche Bedeutung hat der Austausch mit Kolleg*innen für dich?
Den Stammtisch hat Jürgen Dierking, langjähriger Leiter des Bremer Literaturkontors, ursprünglich gegründet. Ich selbst bin seit Jahrzehnten dabei, fungiere heute als Ansprechpartnerin und organisiere die Termine. Wir treffen uns alle zwei Monate und empfinden den kollegialen Austausch als sehr gewinnbringend, obwohl oder gerade weil wir unterschiedliche Sprachen und Genres übersetzen.
Passend zu unserem Monatsthema „Schwimmen“: Was bedeutet es für dich, beim Übersetzen zwischen zwei Sprachen zu schwimmen?
Mir gefällt das Bild des Schwimmens für meine Arbeit sehr gut, denn Übersetzen hat etwas Schwebendes und Fluides. Man wird getragen vom Original und muss doch selbst seinen Weg durch das unbeständige, wenig greifbare Element Wasser finden.
Ich habe aber auch noch einen konkreten Übersetzungs-Bezug zum Schwimmen. Gerade übersetze ich nämlich ein norwegisches Bilderbuch für kleine Kinder übers Schwimmenlernen, das nächstes Jahr erscheinen wird. Momentan bin ich also sprachlich sehr viel im Wasser.
Liebe Ina, herzlichen Dank für das Interview, das uns so viel Einblick in deine Arbeit gegeben hat.
Ina Kronenberger
arbeitet als Literaturübersetzerin aus den Sprachen Französisch und Norwegisch vorwiegend im Bereich Belletristik. Von ihr übersetzte Autor*innen sind: Anna Gavalda, Amin Maalouf, Philippe Claudel, Linn Ullmann, Dag Solstad, Per Petterson, Frode Grytten, Stian Hole.
Hier geht es zum Autor*innenprofil von Ina Kronenberger und zum Literaturhaus-Podcast mit Ina Kronenberger.
Weitere Infos zum WiT-Month gibt es beispielsweise beim Verband deutschsprachiger Übersetzer*innen (VdÜ)