Satzwende: Jaqueline Scheiber

Mensch im Schwimmbecken unter Wasser, streckt Buch in die Höhe
© Senta Wagner

Schwimmen

Von Jaqueline Scheiber

Beim Schwimmen fällt einem das Weinen sehr schwer. Es bringt die Atmung durcheinander, verschlechtert die Sicht, kommt der Arm-Bein-Koordination in die Quere. Man möchte sich nicht ausmalen, wie hinderlich es wäre, in eine Schwimmbrille zu weinen. Verflüssigte Traurigkeiten, aufgefangen unter dem beschlagenen Hartplastik. Man würde in den Bahnen mit anderen Schwimmenden zusammenstoßen, die Orientierung verlieren, vielleicht würde man sogar den pH-Wert des Wassers kippen. Weinen ist anstrengend, Schwimmen auch. Für beide Tätigkeiten werden eine Vielzahl an Muskeln und Arealen im Körper aktiviert. Kurz gesagt: Schwimmen und Weinen lassen sich kaum simultan miteinander vereinen. Nachdem das Schwimmen zu einem festen Bestandteil meines Alltags geworden war und sich nun häufiger die Traurigkeit dazugesellte, musste ich einen Weg finden, beide Tätigkeiten zu koordinieren. Also plante ich als Schwimmerin fortan meine Tränenausbrüche, wie ich meine Zeiten in der Bahn plante. Das Schwimmen oder das Weinen, ständig gegeneinander aufgewogen.


Das Jahr hatte schon schlecht begonnen. Kurz nach Neujahr kam die Nachricht, dass mein Großvater an seiner Krankheit verstorben war. Zu Weihnachten hatte er sich noch ein letztes Mal aufgebäumt, hatte sein zittriges Lachen der gesammelten Familie als bleibende Erinnerung beigesteuert und den ganzen Tag über versucht, wach zu bleiben, um nichts zu verpassen. Ich hatte viel früher mit einem Abschied gerechnet, die Prognosen waren schlecht, die Hoffnung hingegen groß. Sie trug uns als Familie über die letzten Monate. Trotzdem traf es mich, wie es einen immer trifft, wenn eine Vermutung wahr wird und die Lücke, die man die ganze Zeit aufbrechen sah, nun offen vor einem klafft. Doch es blieb nicht bei nur einem Einschnitt. Das Frühjahr wurde übersät von Hiobsbotschaften und es dauerte nicht lange, bis mir beinahe alle Bereiche meines Lebens Kummer bereiteten. Aufträge blieben aus, Förderungen wurden gestrichen, eine unerwartet hohe Steuernachzahlung lag schwer im Briefkasten, Krisen in langjährigen Freundschaften bahnten sich an. Ich habe diese Erfahrungen im Leben schon gemacht, kenne das Bedürfnis gut, sich in irgendeiner Ecke des Raumes hinzulegen und darauf zu warten, bis alles wieder gut würde. 

Antworten, warum gefühlt alles gleichzeitig im Argen lag, gab es zur Genüge. Eine ungünstige Sternkonstellation, die Kriege auf der Erde, die voranschreitende Klimakrise, die Budgetkürzungen auf politischer Ebene oder lediglich die Tatsache, dass ich mich nicht gut genug gegen alle Eventualitäten abgesichert hatte. Je nach Tagesverfassung ließ sich die Schuldfrage auf unterschiedliche Akteur*innen meines Lebens aufteilen, mich eingeschlossen. Um dem ein Ende zu setzen, war ich bereit, an alles zu glauben. Ich glaubte an das Feuerpferd, das laut chinesischem Neujahr eine positive und transformative Energie mit sich bringen sollte. Ich glaubte an KI-generierte E-Mails im Spam-Ordner, die mir ein verschollenes Erbe versprachen. Ich zog sogar in Erwägung, an Flüche und Zaubersprüche und Karma zu glauben. Bis sich schließlich etwas herauskristallisierte, was ich so in anderer Form schon wusste. 


Wenn das Leben sich gelegentlich mehr als freier Fall, als geordnete Routine anfühlt, lohnt es sich, kleine, überschaubare Inseln an Auszeit zu pachten. Inseln, die voller Ignoranz oder Illusion für einen kurzen Moment die Idealvorstellung imitieren. Wenn ich also meine Schwimmtasche packte, nahm ich die Verzweiflung wieder heraus, so oft sie mir versehentlich zwischen Badeanzug und Schwimmhaube gerutscht war. Ich beschloss, das Becken fortan als Gefühlsarme Zone abzustecken, das Drehkreuz in der Eingangshalle markierte dabei die Grenze. Spätestens in den Duschräumen durfte ich ein allerletztes Mal den Kloß im Hals Beachtung schenken, um dann schließlich nur noch Bewegung, nur noch schwerelos zu sein, entledigt aller Lasten.

Als Kinder schreiben wir Orten magische Fähigkeiten zu, ein Denken, das beim Aufwachsen hilft, sich selbst und die Umwelt habhaft zu machen. Meine Schwimmhalle wurde Ort und Schwelle, eine Umgebung in der vorrangig stupide Bahnen gezählt, Temperaturen austariert und Atemrhythmen geübt wurden. Ich konkurrierte nur mit mir selbst, meiner Geschwindigkeit, den großen Zeigern der Uhr an der Hallenwand. 


Das Wasser bietet eine Vielzahl dankbarer Analogien, gerade in Zeiten von Enge; sich von der Schwere befreien, die Last abwaschen, vom Rand abstoßen, untertauchen, davonschweben, und so bemerkte ich erst gar nicht, dass ich wortwörtlich mehr Kraft hatte, den Herausforderungen außerhalb des Beckens Stand zu halten. Das Schwimmen schenkte mir nicht nur eine Auszeit, sondern auch einen tieferen Schlaf, größeren Hunger und klarere Gedanken. Eine solide Grundversorgung, um dem Leben zu begegnen. 

Irgendwann war auch mein Becken der Traurigkeit ausgeweint. Meine Gefühle hatten sich mehrfach ausgewaschen, mein Körper gegen den Wasserwiderstand durchgesetzt. Manche Dinge renkten sich mit der Zeit wieder ein, für andere musste ich aktiv Lösungen finden. Die Periode schlechter Nachrichten zog, wie das Wetter, wieder vorüber. Ich konnte meinen Glauben an Sternkonstellationen und Feuerpferde wieder an ihren Besitzer zurückgeben. Was blieb, war das Wasser, ich darin und das Wissen um die Fähigkeit in eine andere Welt unterzutauchen.


Das Bild zeigt die Autorin Jaqueline Scheiber
© Senta Wagner

Jaqueline Scheiber

geboren 1993, ist zweisprachig deutsch - ungarisch  im österreichischen Burgenland aufgewachsen und lebt heute in Wien. Sie studierte Soziale Arbeit  und arbeitete bis 2022 mit Suchterkrankten und im Kinder- und Jugendschutz. 2010-2024 veröffentlichte Scheiber bereits Lyrik und Prosa unter dem Pseudonym minusgold. Ihr Debütroman DREIMETERDREISSIG erschien im Februar 2025 und war ein Bestseller. Zudem arbeitet sie seit einigen Jahren mit Institutionen Bildender Kunst zusammen und ist Co-Host des Podcasts Die Kunstcouch. Scheiber sieht sich als Bindeglied zwischen Kunst und gesellschaftsrelevanter Dialoge. Als solches will sie vermitteln, beschreiben und überwinden.

 

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