Dilara Yüksek: Bremens Kandidatin für den Slamovision 2026

Am 01. November findet in Iowa City das Finale des Slamovision 2026 statt – und Bremen ist erneut dabei! Slamovision ist der internationale Poetry Slam Wettbewerb der UNESCO Cities of Literature, der vom Prinzip ein wenig wie der Eurovision Song Contest funktioniert. Schon jetzt kannst du dir auf www.slamovision.com alle Videos der 21 teilnehmenden Cities of Literatures ansehen. Heute wollen wir dir aber Bremens Kandidatin einmal vorstellen! Denn im Juni hat Dilara Yüksek Bremens Vorentscheid für den Slamovision gewonnen bei einer Sonderausgabe von Slam Bremen…

Hallo Dilara Yüksek! Du bist Bremens Kandidatin für den Slamovision 2026, worüber wir uns sehr freuen. Was bedeutet die Teilnahme für Bremen an diesem Wettbewerb für dich?

Ich bin doll dankbar, dass ich im internationalen Wettbewerb für die Stadt antreten darf, in der mein Slam-Zuhause liegt. Auch, dass ich Teil eines so vielfältigen Finales sein darf und meine Stimme und Geschichte neben all den anderen beeindruckenden Poet*innen Platz findet, macht mich irgendwie einfach glücklich! Also einmal mehr: Danke, Bremen, für euer Vertrauen, das bedeutet mir viel! Ich hoffe, ich kann euch vielleicht auch ein kleines bisschen stolz machen! 

Das Bild zeigt die Teilnehmenden und Moderator*innen des Slamovision Bremen 2026.
© Loui Directs
ein Portraitfoto von Dilara Yüksek aus der Vogelperspektive
© Jana Hinsen

Wie bist du zum Schreiben und zum Poetry Slam gekommen?

Juhu, wenn ich diese Geschichte erzählen darf, ist es immer so, als würde ich sie noch einmal erleben! 
Ich habe als Kind nicht unbedingt gerne gelesen (das ist ein Euphemismus), aber sehr, sehr gern selbst geschrieben (das ist keiner). Jedenfalls kann ich mich kaum an eine Zeit erinnern, in der ich nicht irgendetwas geschrieben habe. Weil das aber schon so lange her ist, weiß ich wirklich nicht mehr, wie ich wohl dazu gekommen bin. Vielleicht können wir uns an dieser Stelle einfach auf die leicht größenwahnsinnige Vorstellung einigen, dass das Schreiben immer schon meine Bestimmung war. 2013 ging Julia Engelmann mit ihrem Slam-Video „One Day“ ziemlich viral und ich noch zur Schule. An meiner damaligen Schule, dem Gymnasium am Markt Achim (liebste Grüße!), gab es daraufhin zwei Poetry Slam-Workshops, an denen ich teilgenommen habe. 

Als ich 2015 unerwartet die Abi-Rede unseres Jahrgangs halten sollte, habe ich dafür zum Abschied einen Slam-Text geschrieben und vorgetragen. Dieser Moment gehört bis heute zu den schönsten meines Lebens und war, ohne dass ich das damals hätte ahnen können, wahrscheinlich der Grundstein für alles, was ich heute erleben darf: Die Rede wurde teils sogar in unseren Zeitungen abgedruckt und man hat mich ab da irgendwie mit Slam in Verbindung gebracht (ich komme vom Dorf, da hat man zugegeben schnell einen Ruf). Ein Jahr später erzählte mir dann jemand von einem Slam-Workshop von den Bremer Slammern Sebastian Butte und Simeon Buß, den sie in Achim geben sollten. Ich bin einfach mal hingegangen. Die beiden haben mich danach direkt zu einem ihrer Poetry Slams eingeladen. Das war dann mein erster offizieller Auftritt. Und jetzt sind wir hier! Irgendwie wild, wie zwei Tage ein ganzes Leben verändern können. 
Butte und Sim, immer wieder von Herzen danke!

Beim Slamovision drehen die Kandidat*innen der teilnehmenden UNESCO Cities of Literature ein Video, in dem der Text performt wird, ohne Schnitte und Special Effects. Wo wurde das Video zu deinem Text Vater Morgana gefilmt und wieso hast du dich für diesen Drehort entschieden?

Wir haben das Video tatsächlich in einem Parkhaus in Bremen gedreht. Das klingt erstmal total zufällig, aber wir haben uns ganz bewusst für einen weiten, schlichten Raum entschieden, in dem nicht allzu viel vom Text ablenkt. Vater Morgana handelt von der Abwesenheit (m)eines Vaters und der Bedeutung daraus für das Selbstbild. Das sind recht abstrakte Inhalte, die sich nur schwer in Bilder übersetzen lassen, ohne eine riesige Inszenierung daraus zu machen (wir durften ja auch gar nicht schneiden). Wir wollten ganz bewusst nicht, dass es kitschig wird, dafür ist der Text einfach nicht gemacht, und haben es deshalb ganz reduziert gehalten. Außerdem muss ich ein bisschen gestehen, dass ich auch einfach die Ästhetik von Beton liebe und da habe ich den Videographen eventuell ein wenig überredet. Danke nochmal, Marvin, dass du das mitgemacht hast!

Schau dir hier Dilaras Video zu Vater Morgana an:

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Am 01. November wird nicht nur das Slamovision-Finale in Iowa City stattfinden, das alle interessierten im YouTube-Livestream werden mitverfolgen können, der 01. November ist auch das Erscheinungsdatum deines ersten Gedichtbandes Periodensystem der flüchtigen Silben im Münchner Indieverlag Schillo. Herzlichen Glückwunsch! Wie unterscheiden sich diese Gedichte von deinen Slam-Texten?

Vielen, vielen Dank! 
Ich glaube, es gibt einen großen Unterschied: Die Texte in dem Buch sind nicht für die Bühne geschrieben. Im Gegensatz zu den typischen mehrminütigen Poetry-Slam-Texten sind es eher bündige, teils abstrakte Gedichte mit Interpretationsspielraum, die sprachlich noch viel dichter und daher mehr fürs Lesen und weniger zum kurzweiligen Hören geschrieben sind - und sie reimen sich bis auf wenige Ausnahmen gar nicht. 
Die Gedichte sind also ganz anders aufbereitet als meine Slam-Texte, bedienen aber ähnliche Themen: Es geht um Heimat, ein (verlorenes) Zuhause, Familie, Herkunft, Einsamkeit, Freundschaft, die sogenannte Liebe, um Gegenwart, Vergangenheit, gebrochene Herzen, Körper, Kindheit, Künstliche Intelligenz, Zukunft und einiges mehr. Ich verarbeite darin wirklich fast alles, was mir passiert und begegnet. Durch das Schreiben der kurzen Gedichte halte ich meine Erinnerungen und Erlebnisse wie kleine Marmeladenglasmomente fest - übrigens häufig ein wenig spielerisch mit physikalischen Gesetzen, chemischen Elementen oder sprachwissenschaftlichen Phänomenen und kleinen versteckten Messages (sowas liebe ich besonders!) in und zwischen den Versen.
In Bühnentexten mache ich das zwar auch, aber durch das unmittelbare Publikum und den Charakter von Slam als situativer Literatur gehe ich da ganz anders ans Schreiben heran. Was diese Gedichte und meine Slam-Texte eint, ist, wie persönlich und nah sie sind, glaube ich. Manchmal bilden einzelne Gedichte auch Vorlagen und werden in die längeren Bühnentexte integriert oder sind Auslöser, sie überhaupt zu schreiben. Daran merke ich, wie unterschiedlich ich dieselben Themen durchs Schreiben bearbeiten und vielleicht sogar bewältigen kann. Das finde ich persönlich mindestens sehr cool! 

Cover von Dilara Yükseks Buch "Periodensystem der flüchtigen Silben"

Du warst dieses Jahr Gästin der Slam Gala vom Bremer Poesiefestival Poetry on the road, 2024 bist du Poetry-Slam-Landesmeisterin in Nordrhein-Westfalen geworden und 2026 Vize-Landesmeisterin in NRW. Im Oktober allein hast du 13 Auftritte auf Slam-Bühnen in ganz Deutschland. Was steht auf deiner bucket list für 2027?

Oh was für eine tolle Frage! Ich fürchte, darüber habe ich bisher noch gar nicht so sehr nachgedacht; ich bin zwar ein Mensch mit unsagbar vielen und großen Träumen, habe dafür aber erstaunlich wenig wirklich feste Pläne (Mama, falls du das hier liest: Ich habe mein Leben im Griff, versprochen!). Am meisten freue ich mich über die Abenteuer, in die ich aus Versehen reingerate - so wie Bremen dieses Jahr beim Slamovison zu vertreten zum Beispiel, damit hätte ich ja absolut nicht gerechnet, hätte man mich das letztes Jahr gefragt.
2027 startet auf jeden Fall sehr groß: Am 02. Januar darf ich als Teil des Best Of Poetry Slam Days (Rising Stars) in der Elbphilharmonie Hamburg auftreten und ich weiß nicht, wie ihr das findet, aber ich denke, das wird einer der besten Tage! Im Herbst 2027 erscheint außerdem mein zweites Buch, dieses Mal eine Sammlung meiner Poetry Slam-Texte, im Lektoraverlag. 
Vielleicht darf ich noch mehr Bühnen bespielen, vielleicht auch welche, auf denen ich bisher nicht stand und neue Menschen kennenlernen. Vielleicht versuche ich einfach mal, einen Roman zu schreiben, oder probiere etwas völlig Neues aus, von dem ich jetzt noch gar nicht weiß, dass ich es unbedingt machen möchte. Ich lasse mich da vermutlich einfach treiben, irgendwas Tolles wird schon kommen. 
Eigentlich bin ich allein schon für all diese Möglichkeiten unglaublich dankbar. Dass ich mit meinen Texten so viel erleben darf, macht mich glücklich und ich hoffe, dass das noch ein bisschen so weitergeht. Und falls ich es 2027 schaffen sollte, mich mal wieder auszuschlafen, wär das sicherlich auch gar nicht verkehrt, aber wir werden sehen! 

Wir drücken dir die Daumen fürs Finale! Vielen Dank für das Interview!

Wenn du magst, kannst du dir natürlich auch schon die Videos der anderen Slamovision-Kandidat*innen anschauen! Und am 01. November kannst du live vorm Bildschirm dabei sein, wenn abends das Event live aus Iowa City gestreamt wird.

Logo vom Slamovision

ein Portraitfoto von der Slam-Poetin Dilara Yüksek
© Jonas Samson Fotos

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