Was hat ein kleiner Verlag aus dem nordrhein-westfälischen Hattingen mit internationaler Kunstgeschichte zu tun? Eine besondere Ausstellung im Zentrum für Künstlerpublikationen der Bremer Weserburg erzählt von dieser ungewöhnlichen Verbindung und zeigt zugleich, wie sich Tonaufnahmen, Bilder, Videos und historische Dokumente zu einer vielstimmigen Ausstellung verbinden lassen. Stephanie Schaefers hat in die Ausstellung reingeschaut und vor allem reingehört.
Ich betrete die Ausstellungsfläche. Verschiedene Stimmen, einzelne Töne und Sätze schallen mir entgegen. Kurz bin ich irritiert, muss mich in dem Wortreigen erst orientieren und versuche, das Gehörte mit dem in Verbindung zu bringen, was ich sehe. Und damit bin ich bereits mittendrin in dem, was die Besonderheit der akustischen Künstlerpublikationen der Edition S Press ausmacht, um die es in dieser Ausstellung geht: Gedichte, die man hören muss.
Die Edition S Press war von 1970 bis 2005 ein Verlag für experimentelle Literatur, Konkrete Poesie, Beat Poetry und Poetry Performances. Gegründet wurde der Verlag im nordrhein-westfälischen Hattingen von Studierenden aus dem nahe gelegenen Bochum. Innerhalb kürzester Zeit vernetzten sich die Gründer jedoch weltweit. So veröffentlichte der Verlag nationale und internationale avantgardistische Wortkünstler*innen auf Tonbändern, Audio- und Videokassetten. Damals wie heute standen dabei Werke im Mittelpunkt, die nicht den Mainstream bedienten. Sie erschienen in kleinen, aufwendig und sorgsam kuratierten Auflagen und wurden zu vergleichsweise niedrigen Preisen verkauft. Über 80 Werke von Künstler*innen aus Europa, den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sind auf diese Weise über die Jahrzehnte entstanden.
Dies alles erfahre ich von Dr. Anne Thurmann-Jajes, Leiterin des Zentrum für Künstlerpublikationen, die mich persönlich durch die Ausstellung begleitet und mir viele Hintergrundinformationen zur Entstehung und Geschichte der Edition S Press gibt. Sie erzählt mir aber auch von der Idee hinter der Ausstellung und erläutert, wie die einzelnen Werke angeordnet sind. Im Eingangsbereich lassen sich viele wichtige Informationen über den Verlag in komprimierter Form nachlesen.
Nun stehe ich im mittleren Raum der Ausstellung. Eine Auswahl an Originalkassetten ist hier nicht nur ein optischer Hingucker, sondern vermittelt mir auch einen Eindruck davon, wie unterschiedlich die beteiligten Autor*innen waren. In einen Kassettenrekorder aus den 1970er Jahren kann ich verschiedene Kassetten einlegen und die Aufnahmen im etwas dumpfen Originalklang anhören. Und keine Sorge: Für alle Besucher*innen, die vielleicht noch nie ein solches Gerät bedient haben, gibt es sogar eine kleine Bedienungsanleitung.
Schnell wird mir klar, dass ich während meines Besuchs unmöglich alle Aufnahmen anhören kann. Umso erfreulicher ist es, dass die Weserburg die Aufnahmen der Edition S Press auch langfristig zugänglich machen möchte und nach und nach sämtliche Audiobeiträge digitalisiert. So können Interessierte einzelne Tonaufnahmen in Ruhe aus dem Archiv abrufen und sogar in voller Länge anhören. Einige Beiträge sind bereits online zugänglich, viele weitere sollen noch folgen.
Geschichte akustischer Poesie
Ich schaue mich intensiver im lang gestreckten Eingangsbereich mit den zahlreichen Tonaufnahmen um. Hier kann ich 13 verschiedene Werkkompositionen europäischer Wortpoet*innen näher kennenlernen. Das Stimmengewirr entsteht dadurch, dass jeweils vier Aufnahmen parallel, aber zeitlich versetzt im Raum abgespielt werden. Stelle ich mich direkt unter eine der Soundduschen, höre ich einen fünf- bis zehnminütigen Ausschnitt der jeweiligen Originalaufnahme.
Gleichzeitig blicke ich auf die dazugehörige Audiokassette und kann auf einer Infotafel Biografisches über die Autor*innen und die Entstehung des jeweiligen Textes lesen.
Der älteste Beitrag stammt von dem Expressionisten Otto Nebel, der seinen Text bereits 1918 schrieb und ihn 1974 für die Edition S Press selbst einsprach. Auf weiteren Aufnahmen sind bekanntere Autor*innen wie Raoul Hausmann, Friederike Mayröcker, John Cage, Ernst Jandl oder Eugen Gomringer zu hören. Aber auch Stimmen wie die von Meret Oppenheim oder Maurizio Nannucci machen die große Vielfalt der beteiligten Künstler*innen deutlich. Ihre unterschiedlichen Stimmen und Formen des Vortrags vermitteln einen Eindruck von der Entwicklung der akustischen und lautpoetischen Poesie und zeigen zugleich, wie spannend die Edition S Press diese künstlerischen Positionen zusammenbrachte.
Beat-Poetry der 1970er Jahre
Ich folge der lautesten Stimme und entdecke einen Videobeitrag, der Allen Ginsberg bei einer Performance in den USA zeigt. Nun bin ich im Bereich der US-Beat Poetry, der 1970er Jahre-Vibes ausstrahlt. An einer weiteren Wand stehe ich großen Porträts verschiedener Akteur*innen der US-Beat Generation aus New York und San Francisco gegenüber und kann über Kopfhörer direkt in Audiobeiträge, zum Beispiel von Anne Waldman hineinhören.
Sowjetische Undergroundliteratur
Der dritte Bereich der Ausstellung befasst sich mit russischen Künstler*innen, die unter schwierigen Bedingungen ihre avantgardistischen Texte verfassten und präsentierten. Aufnahmen aus dem privaten Filmarchiv der Ausstellungskuratorin Sabine Hänsgen zeigen Autor*innen, die in Wohnzimmern oder auf verschneiten Feldern unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihre Texte performen. In Lianosowo, einem Barackenvorort Moskaus, lebten sie am Stadtrand und entwickelten dort eine eigene literarische und künstlerische Subkultur. Unter den Bedingungen der sowjetischen Zensur suchten sie nach Möglichkeiten, ihre avantgardistischen Texte zu verfassen, zu verbreiten und öffentlich vorzutragen.
Zur Tarnung, aber auch aufgrund des Mangels an geeignetem Papier, wurden Texte auf bereits beschriebene Schreibmaschinenseiten getippt oder Gedichte neben Formulare geschrieben. Audioaufnahmen wurden auf Kassetten selbst aufgenommen und zu Samplern zusammengestellt. Dieser Bereich der Edition S Press gibt noch einmal einen ganz anderen Einblick, unter welch schwierigen Bedingungen avantgardistische Kunst bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand.
Ich verlasse diese akustisch-visuelle Ausstellung mit unglaublich vielen Eindrücken und vor allem mit vielen Sätzen, Tönen und Geräuschen im Ohr. Beeindruckend ist für mich, so viele Gedichte in ihren Originalaufnahmen hören zu können. Was zu Beginn wie ein schwer zu durchdringendes Stimmengewirr auf mich wirkte, hat sich am Ende in ein vielstimmiges Kapitel aus der Geschichte der Poesie verwandelt.
Noch bis zum 29. August 2027 kannst du dir die Ausstellung im Zentrum für Künstlerpublikationen in der Weserburg anschauen.
Zentrum für Künstlerpublikationen
Die Weserburg - Museum für moderne Kunst verfügt mit dem Zentrum für Künstlerpublikationen über einen in Europa einzigartigen Sammlungsbestand. Über 80 Archive, Nachlässe, Sammlungen und Fonds mit mehr als 300.000 Kunstwerken international bilden die Basis beispielgebender Ausstellungen und renommierter wissenschaftlicher Forschung.
Ein großer Anteil der Künstlerpublikationen hat mehr oder weniger direkte literarische Bezüge.
Regional und international vernetzt, bietet das Zentrum für Künstlerpublikationen sowohl Fachpublikum als auch interessierter Öffentlichkeit Einblicke in einen spannenden Bereich zeitgenössischer Kunst und Literatur.
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