Lesetipp: Logbuch empfiehlt

Cover Insel der verlorenen Erinnerung

Yoko Ogawas Roman Insel der verlorenen Erinnerung ist eine dystopische Parabel, die an Stadt der Blinden oder Fahrenheit 451 erinnert, dabei aber vollkommen eigenständig in Ton und Handlung ist.

Auf einer nicht definierten Insel vor dem japanischen Festland verschwinden Dinge komplett aus dem Leben der Bewohner, und mit ihnen die Erinnerung daran. Erst sind es alltägliche Objekte wie Hüte oder Haarbänder und nach und nach auch einzelne Tiere und Pflanzen. Yoko Ogawa erzählt die Geschichte aus der Sicht einer jungen Autorin, die die Situation zwar wahrnimmt, aber derselben Lähmung unterliegt wie alle anderen Insulaner.

Erst als sich herausstellt, dass ihr Verleger als einer der wenigen über Erinnerungen an das Verschwundene verfügt, riskiert sie alles und versteckt ihn wie einen Schatz in ihrem Haus. Denn alles, was das Gedenken an die verschwundenen Dinge aufrecht erhält, wird von der „Erinnerungspolizei“ eliminiert, die auch befugt ist, die Menschen zu inhaftieren, was nicht jede*r überlebt: Sie ist die dominierende Staatsmacht, die Schrecken verbreitet. In seltsamer Gleichgültigkeit scheinen sich die Menschen mit diesem Zustand zu arrangieren, was zum Ende immer groteskere Züge annimmt.

Der japanischen Autorin gelingen intensive Bilder, wenn zum Beispiel der Fluss vor dem Verschwinden der Rosen mit Rosenblättern bedeckt ist, die langsam dahin treiben. Das an Murakami oder Kafka erinnernde Setting macht diesen großartigen Roman rund und lässt uns Leser*innen verwundert und verwundet zurück. In Japan schon in den 90ern publiziert, scheint das Buch jetzt gerade erst die literarische Welt zu erobern.

 

INSEL DER VERLORENEN ERINNERUNG | Yoko Ogawa | Übersetzung: Sabine Mangold | ROMAN Liebeskind | München 2020 | 352 S. | €22,00


Logbuch

Insel der verlorenen Erinnerung ist ein Buchtipp von Axel Stiehler. In der Buchhandlung Logbuch in Walle ist er für Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen zuständig und außerdem Grafikdesigner und Drucker. Die Buchhandlung Logbuch präsentiert seit 2012 ein ausgesuchtes literarisches Programm und Bücher, die durch besondere Ausstattungen überzeugen. Regelmäßig finden hier Lesungen und Workshops statt und seit 2014 verlegt das Team eine Reihe mit Pressedrucken. Die Buchhandlung Logbuch wurde bereits vier Mal mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.

Porträt von Axel Stiehler vom Logbuchladen
© Caro Dirscherl

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