Izmir: Literatur als Reise

In diesem Herbst 2025 hatte ich gleich zweimal das Glück, meinen im letzten Jahr erschienenen Roman Wie meine Familie das Sprechen lernte in einem internationalen Rahmen vorzustellen. Im September und Oktober führte mich die Reise beide Male nach Izmir, in die Türkei. 

In den vergangenen Monaten wurde ich bei Lesungen manchmal gefragt, ob das so einfach möglich sei, in die Türkei zu reisen, und dort aus meinem Roman zu lesen. Als ich im September schließlich ins Flugzeug stieg, kann ich nicht bestreiten, etwas Nervosität verspürt zu haben. Ich herzte meine Kinder zum Abschied vielleicht etwas intensiver als sonst. Zuletzt war ich im Sommer 2021 in der Türkei gewesen. In der Zwischenzeit war mein Roman erschienen, der die türkische Geschichte im Hinblick auf den Umgang mit der alevitischen Bevölkerung kritisch beäugt. Doch die Einreise verlief problemlos, und die Lesung im Goethe Institut Izmir gehört zu einer der schönsten, die ich bislang mit diesem Buch hatte. 

Das Bild zeigt Musiker auf einer Bühne vor Publikum.
© Leyla Bektaş

Die Vorbereitung dieser Lesung war intensiv. Gemeinsam mit dem Musiker Peter Dahm erarbeitete ich eine zweisprachige musikalische Lesung, bei der sich Musik und Literatur nicht nur abwechselten, sondern ineinander verzahnt waren. Mit dem großartigen Ensemble Sıkıntı Yok, das schon viele Projekte im Rahmen der Städtepartnerschaft Bremen-Izmir durchgeführt hat, und dem Bağlama-Virtuosen Erdal Akkaya die Bühne zu teilen, war nicht nur eine große Ehre für mich, sondern auch eine einzigartige Erfahrung. Das Schöne an einer Lesung mit Musik sind die unmittelbaren emotionalen Reaktionen des Publikums. Es war wohl das erste Mal, dass ich mich nach einer Lesung verbeugt habe. Aber auch die inhaltlichen Rückmeldungen des Publikums machten mir deutlich, wie wichtig es ist, gerade in angespannten politischen Zeiten, die Verbindung nicht zu kappen, sondern aufrecht zu erhalten, und dazu beizutragen, dass es weiterhin Raum für kritischen Diskurs gibt. So spürte ich eine starke Betroffenheit, als ich die Passage in meinem Roman las, in der es um das Sivas-Massaker geht. Niemandem im Raum musste ich die Umstände erklären, unter denen 1993 fünfunddreißig alevitische Künstler*innen getötet wurden, obwohl es dazu nach wie vor keine offizielle Erinnerung gibt.  


Mit einem Spaziergang durch historische Viertel, in gewisser Weise also auch einer Reise in die Vergangenheit, begann auch mein zweiter Besuch in Izmir im Oktober. „Literatur als Reise“ lautete passenderweise das diesjährige Motto des Internationalen Literaturfestivals in Izmir, zu dem ich die Ehre hatte, eingeladen zu werden. 
Der überaus spannende Poet's Walk führte uns ausgehend vom Kern der antiken Stadt durch ehemals jüdische, armenische und griechische Teile der Stadt. So erfuhr ich, dass der römische Kaiser Marc Aurel Smyrna (so lautet der antike Name der Stadt) sehr zugetan war, weshalb er die Agora nach einem Erdbeben wieder aufbauen ließ. Vom einstigen Glanz dieser Stadt wissen heute gar nicht mehr so viele, und einer der lokalen Dichter aus Izmir gestand mir während des Laufens, dass er selbst noch nie in diesem Teil der Stadt gewesen sei. 
Izmir war zu Zeiten des Osmanischen Reichs eine multikulturelle Hafenstadt, stand jedoch immer im Schatten der Metropole Istanbul. 
Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Stadt Opfer mehrerer Erdbeben, Brände, und gewaltsamer Vertreibung von Minderheiten.

Dass der renommierte türkische Lyriker Haydar Ergülen vor neun Jahren ausgerechnet hier ein Internationales Literaturfestival ins Leben rief, hat gute Gründe. Seit der Ära Erdogan gilt Izmir als heimliche Hauptstadt der Freiheit und des Säkularismus. Die Stadt am Meer, die übrigens seit 1995 Partnerstadt von Bremen ist, bleibt stabile Bastion der Sozialdemokraten (CHP), denen auch der inhaftierte Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem Imamoğlu angehört. 

Über drei Tage war ich hier Teil eines vielfältigen Programms von Literatur, Musik und Diskurs. Auswärtige Gäste aus Griechenland, Frankreich, Italien, Bulgarien und anderen Ländern kamen zusammen mit lokalen Autor*innen und namhaften türkischen Schriftsteller*innen, wie Ayfer Tunç, deren Roman Die Nacht der grünen Fee auch in Deutschland erschienen ist. Empfangen wurden wir in bester türkischer Gastfreundschaft. 

Als Haydar Ergülen vor neun Jahren das Festival ins Leben rief, erzählt er, hatte es bis dahin kein Literaturfestival in der drittgrößten Stadt der Türkei gegeben, die immerhin drei Millionen Einwohner*innen beheimatet. Zu groß war der Zentralismus Istanbuls. In der Koordination des Festivals wird Haydar Ergülen seit einigen Jahren unterstützt von Erkut Tokman, dessen Gedichte in diesem Jahr auf Deutsch im KLAK-Verlag (übersetzt von der Bremer Autorin Sabine Schiffner) erschienen sind. 
Tokman und Ergülen, die sich scherzhaft als „Ernie und Bert“ bezeichnen, bieten ein regelmäßiges Forum auch für kontroverse Themen rund um die türkische Sprache und den Umgang mit Minderheiten, was sich auch in der Auswahl der Gäste widerspiegelt, dieses Jahr gab es beispielsweise jüdische, armenische und kurdische Stimmen unter den Gästen. Einschränkungen oder Einmischung in ihre Arbeit von Seiten der Politik hätten beide bislang noch nicht erfahren. Beide sind im PEN Türkei und Tokman sogar in der Spezialkommission Writers in Prison engagiert. 

Literatur sei Spiegel der Gesellschaft und gleichzeitig Vorreiter in Sachen gesellschaftlicher Wandel, so Ergülen, man könne auch in konservativen Kreisen die emanzipatorische Wirkung von Literatur beobachten. 
In den neun Jahren ist es jedoch nicht unbedingt leichter geworden, das Festival auszurichten. Von ehemals einer ganzen Woche dauernden Veranstaltungen sind jetzt nur noch drei Tage übrig, das Budget wurde drastisch verringert, auch wenn man in der Stadtregierung, laut Ergülen, weiterhin für das Festival kämpfe. Ausgerichtet wird das Festival seit neun Jahren ausschließlich von der Stadt Izmir.

Als wir miteinander sprechen, stehen nur noch die letzten Veranstaltungen des Tages an, und ich habe den Eindruck, beide sind zufrieden mit dem Verlauf des diesjährigen Festivals, trotz des andauernden Regens. „Sorry for the rain“, sagt Haydar Ergülen verschmitzt, als wir Stunden später alle zusammen unter dem Dach des Theaters, in dem die letzte Veranstaltung stattfand, Unterschlupf finden.

Das Bild zeigt Autorin Leyla Bektaş neben zwei anderen Autoren.
© Leyla Bektaş
Das Bild zeigt eine Autor*innengruppe in Izmir.
© Kent Kuetuephanesi

Besonders in Erinnerung bleiben wird mir der enge, intensive Austausch, der sich in drei Tagen zwischen den unterschiedlichen internationalen und lokalen Autor*innen ergeben hat, über Literatur, und darüber hinaus. Am letzten Tag werden Bücher und Umarmungen ausgetauscht, man ist schneller zusammengewachsen, als man es für möglich gehalten hätte. Ein bisschen wie eine Klassenfahrt, nur dass man sich vorher nicht kannte, und alle unterschiedliche Muttersprachen haben, jedoch eine Sprache beherrschen, nämlich die der Literatur, die Verbindungen schafft und aufrechterhält, in diesem Fall ganz wortwörtlich.

 Für mich persönlich bleibt als Fazit, wie wichtig das Reisen für mein Schreiben ist. Im Rahmen des Festivals wurden wir auf einem Panel, an dem neben mir die Romanautor*innen Alex Ezra Fornari (Italien), Barış Ince (Türkei), Zornitsa Garkova (Bulgarien) und Xrisa Spyropoulou (Griechenland) teilnahmen, gefragt, ob literarische Reiseberichte und -tagebücher für uns eine Inspirationsquelle darstellten. Zu meiner Überraschung antworteten einige meine Mitstreiter*innen, dass für sie das Reisen und die Berichte darüber keine große Inspiration bieten, da zum einen die physische Welt durch ihre Geographie generell begrenzt sei, zum anderen das Reisen stets nur flüchtige Bekanntschaften nach sich ziehe, und man für einen Roman und seine Figuren schließlich Entwicklung und Tiefe brauche. So einleuchtend ich beide Argumentationen finde, ändern sie nichts an der Tatsache, dass Reisen und auch das Schreiben über Reisen ein essentieller Bestandteil meines Lebens sind und hoffentlich immer bleiben werden. Das ist mir insbesondere nach diesen beiden Aufenthalten in Izmir wieder deutlich geworden.

Leyla Bektaş 

wurde 1988 in Achim geboren und wuchs als Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters in Bremen auf. Sie studierte Romanistik in Köln, mit Stationen in Bordeaux und Mexiko-Stadt, später Literarisches Schreiben in Leipzig. Sie arbeitete als Dozentin für spanischsprachige Literatur, als Trainerin für Deutsch als Fremdsprache und gibt regelmäßig Seminare und Workshops für Kreatives Schreiben. Ihre Texte erschienen in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien (u.a. poetin, Tippgemeinschaft). Ihr erster Roman Wie meine Familie das Sprechen lernte, für den sie 2020 das Bremer Autorenstipendium erhielt, erschien im Herbst 2024 bei Nagel und Kimche.

Podcast Schreibgespräche mit Leyla Bektaş

Leyla Bektas
© Rike Oehlerking

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