Satzwende: Pierre Jarawan (2/2)

© Rike Oehlerking

Der Himmel über Beirut II

Von Pierre Jarawan 

Nur ein Jahr nach ihrem größten Erfolg, fand das Projekt der „Lebanese Rocket Society“ ein jähes Ende. Die Studenten, deren Großeltern die Gräuel des Genozids überlebt hatten, fürchteten, das Militär könne ihre Forschung für bewaffnete Zwecke nutzen und legten die Arbeit nieder. Manouq Manougian kehrte in die Vereinigten Staaten zurück. Wenig später begann der Bürgerkrieg, der fünfzehn Jahre lang andauern sollte. Archive verbrannten, Dokumente verschwanden, und mit ihnen die Erinnerung.


Was geblieben ist, sind jene Bilder, denen eine Art kollektive Menschheitserinnerung innewohnt: Neil Armstrong, der die Leiter der Mondlandefähre hinabsteigt, Aldrins Fußabdruck im Staub. Bildikonen westlichen Fortschritts, in Büchern und Filmen vielfach erzählt, wiederholt, gefeiert. Der Traum des kleinen Libanons dagegen fiel dem Staub der eigenen Geschichte zum Opfer.

Erst Jahrzehnte später entdeckten die Filmemacher Joana Hadjithomas und Khalil Joreige zufällig ein Foto der im ersten Teil erwähnten Briefmarke. Ihre Dokumentation The Lebanese Rocket Society (2012) machte sichtbar, was fast ausgelöscht war: eine Zeit, in der im Libanon von Zukunft gesprochen wurde, nicht von Zerstörung.

Ich glaube, darin liegt die eigentliche Kraft dieser Episode. Sie zeigt, wie untrennbar Fortschritt und Erinnerung verbunden sind. Wie leicht Träume verschwinden, wenn sie nicht erzählt werden.

Ich bin dieser Geschichte begegnet, als ich für meinen Roman Frau im Mond recherchierte. Und sie ließ mich nicht mehr los. Denn sie erzählt von etwas, das wir allzu selten mit dieser Region verbinden: von Neugier, Mut, Aufbruch, Innovation und schöpferischer Fantasie. Vielleicht ist das der eigentliche Flug, den diese Raketen vollführten – nicht in die Stratosphäre, sondern in eine Vorstellungskraft hinein, die im Erzählen weiterbesteht.


Das Bild zeigt den Autor Pierre Jarawan.
© Maximilian Heinrich

Pierre Jarawan

wurde 1985 in Amman, Jordanien, als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Er kam im Alter von drei Jahren nach Deutschland. Er studierte an der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film. Seine Romane Am Ende bleiben die Zedern (2016) und Ein Lied für die Vermissten (2020) wurden mit Preisen bedacht, in zahlreiche Sprachen übersetzt und sind internationale Bestseller. Im April 2025 erschien sein neuer Roman Frau im Mond

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