Künstlerinnen- und Künstlerbücher (Teil 1)

An dieser Stelle erwartet dich im monatlichen Wechsel ein exklusiver Einblick in die große Sammlung von Künstlerinnen- und Künstlerbüchern der Städtischen Galerie Bremen. Bücher, gestaltet von Bremer Künstlerinnen und Künstler. Der Senator für Kultur hat über Jahrzehnte künstlerische Projekte zu Katalogen und Büchern als Kunstwerk unterstützt. Die entstandenen Kataloge und Künstlerinnen- und Künstlerbücher wurden nach und nach auch in die Sammlung aufgenommen. Einige besondere Exemplare habe ich aus den Regalen des dortigen Archivs gezogen. Hier sollen diese Schätze endlich einmal wieder sichtbar werden.

Ich öffne eines der Bücher: Der Duft von Farbe, Graphit und Kohle weht heraus. Konservierter Ateliergeruch. Das Werden der Bilder ist nach 20 Jahren noch präsent. 
Zeichnungen, Gouachen, Drucke, Fotomontagen und -übermalungen zusammengefasst in einem Skizzenbuch, etwas mehr als DIN A4 groß. 
Die Bilder stauen sich auf engem Raum. Jede der Seiten hat beim Auf- und Umschlagen ihr eigenes Geräusch, ihren eigenen Geruch. 

Da sind Doppelseiten, die nur leicht mit Linien beschrieben sind, dort kann grober, rauer Farbauftrag folgen. Und hier sind die Seiten brüchig. Auf der Rückseite bemalte Leinwand montiert auf Papier. Manchmal ist der Bildträger verstärkt. Als habe man dem Papier nicht ganz getraut. Einige Seiten haften leicht aneinander; die Farbe war vor zwei Jahrzehnten wohl noch zu frisch. 

Verdichtete Farbaufträge schlagen durch das Papier. Sie bilden Flecken, Linien, Formen oder Figuratives aus. Es wird aufgegriffen und variiert. Vier Künstler sind beteiligt. Wechselseitig sind sie sich Auslöser und Anstifter, Seite für Seite ein Zuspiel aus Vorlage und Nachsetzen. Unbeachtet die Abfolge der Seiten. Einige Worte, Titel, Signaturen, Fingerspuren. In der Betrachtung begegnen sich die Werke der Künstler der Gruppe Vierkant beim Umschlagen der Seiten im flüchtigen Nachbild und im Erinnern.

Künstler*innenbücher aufgeschlagen
Gruppe Vierkant © bernadette
Hund, eingeklebtes Bild
Tom Gefken © bernadette
Zeichnung von Dieter Rogge
Dieter Rogge © bernadette
Dieter Rogge © bernadette
Zeichnung von Gunther Gerlach
Gunther Gerlach © bernadette
Zeichnung Theo Scherling
Theo Scherling © bernadette
Zeichnung Gunther Gerlach 2
Gunther Gerlach © bernadette
Zeichnung Dieter Rogge 2
Dieter Rogge © bernadette
Zeichnung Theo Scherling 2
Theo Scherling © bernadette
Zeichnung Gunther Gerlach 3
Gunther Gerlach © bernadette
Zeichnung Tom Gefken 2
Tom Gefken © bernadette
Zeichnung Tom Gefken 3
Tom Gefken © bernadette
Zeichnung Theo Scherling 3
Theo Scherling © bernadette

Die drei Künstlerinnen- und Künstlerbücher sind Teil einer umfangreichen Serie. Sie resultieren aus einem jahrelangen, ungewöhnlichen künstlerischen Austausch. Die Gruppe Vierkant, 1998 gegründet, hatte eine Idee, die alles offenließ: Snooker. “sich den Ball über die Bande zuspielen, Karambolage nicht ausgeschlossen.” (Tom Gefken) “Oder es war wie einen mit Farbe besprengten Ball hoch in die Luft werfen und einer der anderen fing ihn mit Papier wieder auf.” (Gunther Gerlach) 
Jedes neue Spiel im Snooker, einer Form des Billiard, wird Frame genannt. Tatsächlich ist mancher Strich gezielt über Bande gespielt. Dann wieder sprengt Farbe die Fläche, drängt nach außen. Linien enden scheinbar im Nichts, kehren aber in der Geste des zeichnenden Arms wieder zurück auf die Seite und führen die Zeichnung dort fort. 

Nicht nur künstlerischer Austausch und Zusammenspiel werden hier sichtbar, sondern auch die gewollte Konfrontation mit den Bildwelten der Kollegen. Ein Mit- und Gegeneinander in der Enge des Buches. Unterschiedlichste Techniken, Rücken an Rücken, ins Blattmaß gezwängt. 

Als eine Form von Mail Art per Post weitergereicht, fordern die von den Kollegen bereits bearbeiteten Seiten Aktion oder Reaktion ein. Stummer Austausch, dann wieder Provokation oder Ablehnung, Zuspiel oder Karambolage, Kampf mit den Erwartungen an das eigene Können. Manchmal spontanes Reagieren, dann wieder ein Liegenlassen, beinahe vergessen im Atelier, weil nicht weiterwissen, noch keine Antwort parat haben. So ist es von Vorteil, dass mehrere Bücher gleichzeitig zwischen den vier Künstlern kursieren. Die Bearbeitung der Seiten erfolgt mit Respekt, das muss nie ausgesprochen werden. Obwohl ... Manchmal ist da doch die Befürchtung, es könnte ins eigene Gelungene von einem der anderen hineingemalt, es überzeichnet werden. Denn das Eingreifen war erlaubt, hat sich aber nicht ereignet. 

Große künstlerische Freiheit demonstriert die Gruppe Vierkant in den Künstlerbüchern Snooker, die unsere Erwartung an das Medium Buch unterwandert. Kaum Geschriebenes. Nur Zeichnungen und Bilder. Vorsprachliches. Es sind Bücher, die keinen Anfang und kein Ende haben. Denn, auf einer letzten Seite angelangt, will der staunende Blick wieder zurück, in seinem steten Hin und Her nur unterbrochen von neuen Entdeckungen. 

Diese Bücher sind Objekte, die den Tastsinn erregen. Hier darf man, muss man die Kunst anfassen, um sie betrachten zu können. Das vorsichtige Blättern in den Künstlerbüchern mutet bald an wie der Gang durch drei sehr unterschiedliche Ausstellungen. Jede der Seiten könnte auch einzeln gerahmt und an die Wand einer Galerie gehängt werden. Drei Ausstellungen in Handtaschen Format sind in diesen Büchern versammelt. 

Ich schließe die Künstler*innenbücher und überlasse die Bilder wieder ihrem heimlichen Austausch zwischen den Seiten. Denn etwas, das Duft verströmt, ist noch im Wandel … 

Die Vierkant Bücher sind Unikate und wer eines oder mehrere dieser Bücher besitzt, so wie die Sammlung der Städtischen Galerie Bremen, der kann sich glücklich schätzen. 

Auf der letzten Seite die Signaturen der Künstler der Gruppe Vierkant, gegr. 1998: 
Theo Scherling, *1950, Malerei, Grafik 
Tom Gefken, *1960, Maler 
Dieter Rogge, *1946 †2022, Maler, Zeichner, Lyriker 
Gunther Gerlach, *1952, Bildhauer, Zeichner, Lyriker  

2015 stellte die Gruppe Vierkant in der GaDeWe Bremen aus. Der Titel der Ausstellung: Karambolage Gruppe Vierkant, Snooker, 2006/2007, Künstlerbücher, Unikate 

 

Bernadette, Januar 2026

Das Buch als Katalog dokumentiert die Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern anhand von Abbildungen der Werke, erläuternden Texten, Ausstellungsverzeichnis und Künstlerinnen- und Künstlerbiografie. Doch individuell als Künstlerinnen- und Künstlerbuch gestaltet, wird das Buch zu einem eigenständigen Kunstwerk, eingebunden in das künstlerische Gesamtwerk. In sehr kleiner Auflage oder als Unikat produziert, ist ein Künstlerinnen- und Künstlerbuch zu einem meist recht niedrigen Preis zu erwerben. Ein Kunstobjekt, das seine glücklichen Besitzerinnen und Besitzern in einer Tragetasche nach Hause transportieren können.

Die hier ausgewählten Künstlerinnen- und Künstlerbücher stehen exemplarisch für die schon seit Jahrzehnten für die Bremer Kunstszene wichtige Förderung durch den Senator für Kultur. Zu Anfang waren es vereinzelte Ankäufe oder Schenkungen, dann folgte von 1981 bis 2004 die Soziale Künstlerinnen- und Künstlerförderung und darauf das jährliche Projektmittelverfahren, das es den Kunstschaffenden auch noch aktuell ermöglicht, Bücher als einzigartiges Kunstwerk und auch Kataloge in Auflage zu erstellen.

Das Buch als Kunstwerk tauchte Anfang des letzten Jahrhunderts in der bildenden Kunst auf, und wurde für einige Künstlerinnen und Künstler zu einem festen Bestandteil ihrer künstlerischen Äußerungen. Immer wieder sehen sich Künstlerinnen und Künstler motiviert, die herkömmliche Funktion, das gewohnte Format eines Buches zu unterwandern und zu sprengen, um Preziosen zu produzieren. Auch für die Bremer Künstlerinnen- und Künstlerschaft war und ist das publizierte Künstlerinnen- und Künstlerbuch ein wichtiges Medium, um außerhalb des Ausstellungsbetriebs ihre Kunst zu präsentieren. Somit sind Künstlerinnen- und Künstlerbücher nicht nur Bücher über Kunst oder über Künstlerinnen und Künstler, sondern vor allem Bücher als Kunst.

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Michael Hockel ist Inhaber der Buchhandlung Albatros. Um die Zukunft des unabhängigen Buchhandels zu sichern, hat er sich Gedanken über eine Website gemacht, die es Kund*innen ermöglicht, direkt bei unabhänigen Buchhandlungen zu bestellen. Im Interview kannst du mehr über buchnah.de erfahren.