Künstlerbücher, Pictor 13 (Teil 2)

An dieser Stelle erwartet dich im monatlichen Wechsel ein exklusiver Einblick in die große Sammlung von Künstlerbüchern der Städtischen Galerie Bremen. Bücher, gestaltet von Bremer Künstlerinnen und Künstlern. Der Senator für Kultur hat über Jahrzehnte künstlerische Projekte zu Katalogen und zu Büchern als Kunstwerk unterstützt. Die entstandenen Kataloge und Künstlerbücher wurden nach und nach auch in die Sammlung aufgenommen. Einige besondere Exemplare habe ich aus den Regalen des dortigen Archivs gezogen. Hier sollen diese Schätze endlich einmal wieder sichtbar werden.

Alle Texte und Fotografien © Bernadette

Pictor 13 ist eine Künstlerpublikation im manuellen Siebdruck und in der Größe einer kleinformatigen Tageszeitung. Und wie in einer Zeitung liegen die Seiten ungebunden ineinander. Auf der Titelseite ist über einer Stadtsilhouette mit aufragenden Hochhäusern und Kirchtürmen (inner Garden) in den Himmel geschrieben. 

Regina Hennen und Norbert Schwontkowski
Die Künstlerin regte das Projekt an und der Künstler, ein Indienreisender und Yoga Praktizierender, fand den Titel. 
Im Yoga steht Inner Garden als bildhaltiger Begriff für einen inneren Rückzugsort, der mittels Meditation und Achtsamkeitsübungen zu pflegen ist.  

Das Bild zeigt ein Bild von Norbert Schwontkowski
Norbert Schwontkowski
Das Bild zeigt ein Bild von Regina Hennen
Regina Hennen
Das Bild zeigt ein Bild von Norbert Schwontkowski und Regina Hennen
Norbert Schwontkowski und Regina Hennen
Das Bild zeigt ein Bild von Regina Hennen
Regina Hennen
Das Bild zeigt ein Bild von Norbert Schwontkowski
Norbert Schwontkowski
Das Bild zeigt ein Bild von Norbert Schwontkowski und Regina Hennen
Norbert Schwontkowski und Regina Hennen
Das Bild zeigt ein Bild von Regina Hennen
Regina Hennen
Das Bild zeigt ein Bild von Regina Hennen
Regina Hennen
Das Bild zeigt ein Bild von Regina Hennen
Regina Hennen
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Regina Hennen
Das Bild schreibt ein Bild von Norbert Schwontkowski
Norbert Schwontkowski
Das Bild zeigt ein Bild von Norbert Schwontkowski
Norbert Schwontkowski
Das Bild zeigt ein Bild von Norbert Schwontkowski und Regina Hennen
Norbert Schwontkowski und Regina Hennen
Das Bild zeigt ein Bild von Norbert Schwontkowski und Regina Hennen
Norbert Schwontkowski und Regina Hennen
Das Bild zeigt ein Bild von Regina Hennen
Regina Hennen
Das Bild zeigt ein Bild von Norbert Schwontkowski und Regina Hennen
Norbert Schwontkowski und Regina Hennen
Das Bild zeigt ein Bild von Regina Hennen
Regina Hennen
Das Bild zeigt ein Bild von Norbert Schwontkowski und Regina Hennen
Norbert Schwontkowski und Regina Hennen

Die erste Seite liegt aufgeschlagen vor mir und mein Blick fällt auf einen im Druck vergrößerten Zettel. Doch was aussieht wie ein Inhaltsverzeichnis, ist die Auflistung von Songs und Namen der Lieblingsbands der Künstlerin aus dem Jahr 2006  ̶  und schon begleitet ein musikalisches Hintergrundrauschen mein weiteres Blättern in den Seiten. 

Den kraftvollen Farben der Künstlerin ist viel Raum gegeben. Im Kontrast dazu stehen die Zeichnungen des Künstlers. Ursprünglich mit Ölkreide auf Transparentpapier gezeichnet ist die Lichtdurchlässigkeit der Vorlagen selbst im Druck noch zu erahnen. 
Teilen sich Zeichnung und Malerei eine Doppelseite, dann ist dem leichtfarbigen Grau der Zeichnungen reines Schwarz, oder an anderer Stelle eine mattglasige Fläche gegenübergestellt, ein nachträglich mit Weiß überdrucktes, nur noch mit Konturen auf sich hinweisendes Schwarz. Die Künstlerin und der für den Druck verantwortlichen Künstler Jan Carstensen haben die Seiten der Pictor 13 sensibel und respektvoll zusammengestellt. 

Über die Bruchkanten der Seiten hinweg ereignet sich manchmal etwas zwischen den Bildern, aus dem sich eine Erzählung ablesen ließe: Gegenüber einem angedeuteten Gebäude mit dem leuchtenden Schild HOTEL steht eine Frau mit Koffer, und einige Seiten weiter wendet sich eine andere Frau wie in tänzerischer Bewegung von einer dunklen, nur spärlich beleuchteten Häuserflucht ab. Dann, auf einer der letzten Seiten sind es ein auf den Kopf gestellter, wiedergefundener Zettel mit blauen, feinen Linien und die Zeichnung eines Mannes, der mit ausgeworfener Angel in einem Boot sitzt. 

Die malerischen Setzungen der Künstlerin machen auf sich aufmerksam. Satte Pinselstriche und verdichtete Farben schwimmen auf der weißen Fläche. Der Ursprung dieser Farbströme scheint außerhalb zu liegen, denn wie aus dem Nichts treffen sie auf die Schnittkanten der Seiten und fluten kraftvoll die Blätter. Einiges zeigt klare Konturen, anderes an vielen Stellen Ausgerissenes und Ausgespartes, Auf - und Abgesprengtes. Farbbruchstücke sind zwischen die Seiten gefetzt oder geschleudert; hier wird Fläche erobert. Auf der Rückseite des Papiers bringen einige der Farbschichtungen etwas Reliefartiges, sich sanft Wölbendes hervor. 

Die Künstlerin sagt, sie schaue zur Bildfindung nicht nur bei Licht auf ihre geschlossenen Lider. Dort sehe sie Formen und Umrisse, darin Augen und Gesichter, immer wieder Augen und Gesichter.  
Auf einer der Seiten liegt eine Frau mit dem ganzen Gewicht der Farbe im Papier. Ihr Haar ist markant aufgesteckt. In den Rand der tiefschwarzen Fläche ist zart ihre Blickrichtung markiert. Sie schaut in die Zeichnung auf der gegenüberliegenden Seite. Dort sind zwei Menschen zu erkennen, die um eine Feuerstelle sitzend sich zuprosten. 
Ist es der Schein der Flammen, der den grauen Nebel, das aschfarbene Schneetreiben zu einer transparenten, eiförmigen Blase erhellt? Das Auge ist nicht in der Lage zu fokussieren, obwohl dieser graue Dunst ihm näher zu sein scheint als die Oberfläche des Papiers. 
Einige Seiten zuvor stützt sich jemand an einer Laterne ab und richtet den Blick nach oben. Die Gestalt wirft keinen Schatten; die Laterne beleuchtet nur sich selbst. 

Auf den ersten Blick wirken die Zeichnungen des Künstlers düster, doch schaut man genau hin, ist immer irgendwo Licht. Zu sehen sind Straßenlaternen, der leuchtende Mond oder, wie auf Titelblatt und Rückseite, ein Wolkenhimmel im gelben Widerschein einer Stadt bei Nacht. 
In diesen Zeichnungen versammelt der Künstler seine wichtigsten Themen: das Hotel, das Boot, die vereinzelte Figur im Versuch die Welt zu begreifen und, als möglichen Halt in der Welt, einen lebensweisen Humor. Es sind erfasste Momente voller Poesie, Momente, die sich der Sprache entziehen jedoch vom Künstler zeichnerisch sorgsam konserviert wurden. 
Sah man den Künstler in Café oder Kneipe, hatte er immer einen kleinen Skizzenblock zur Hand. Er war ein Beobachtender. Ein auf einen Anlass zu einer Bildfindung Wartender, und wenn nichts anderes zur Hand war, malte er auch mit Kaffee, Tee oder Rotwein. 

Ein weiteres Mal schlage ich das Mittelblatt der Pictor 13 auf, denn hier ist der titelgebende Garten zu finden. Wie ein Sichtschutz streben Blütenstängel im Vordergrund des Bildes in die Höhe. Dahinter erkenne ich unter zartgelbem Himmel einen See oder einen Fluss aus dessen Oberfläche Baumstümpfe und die Beine von Menschen ragen.  Was suchen die Tauchenden in diesem wie von Nebel überlagerten Wasser? Ist es ein Sumpf, aus dem nur noch ihre Beine herausschauen? Vielleicht sind es sogar synchron Schwimmende, die bei einem gemeinsamen Blick in die Tiefe für einen Moment innehalten? Oder …

1997 gab der Künstler einem Gemälde den Titel: Wir in dieser Drecksbrühe und 1989 visuel poetry einer kleinen Arbeit auf Pappe. 

pictor 13, 2006 
(inner Garden
Norbert Schwontkowski *1949 in Bremen Blumenthal, †2013 in Bremen
Regina Hennen *1959, lebt in Bremen   

manueller Siebdruck, 28 Seiten, Auflage 100 
450,-€ (nur noch wenige Exemplare)
erschienen im PICTOR VERLAG, gegründet 1990 und Teil der Arbeit des Bremer Künstlers Jan Carstensen 

Hinweis: Nach dem Erwerb einer Pictor empfehle ich als Ergänzung einen Wechselrahmen.

 

Bernadette, Februar 2026

Das Buch als Katalog dokumentiert die Arbeit von Künstler*innen anhand von Abbildungen der Werke, erläuternden Texten, Ausstellungsverzeichnis und Biografie. Doch individuell als Künstlerbuch gestaltet, wird das Buch zu einem eigenständigen Kunstwerk, eingebunden in das künstlerische Gesamtwerk. In sehr kleiner Auflage oder als Unikat produziert, ist ein Künstlerbuch zu einem meist recht niedrigen Preis zu erwerben. Ein Kunstobjekt, das seine glücklichen Besitzer*innen in einer Tragetasche nach Hause transportieren können.

Die hier ausgewählten Künstlerbücher stehen exemplarisch für die schon seit Jahrzehnten für die Bremer Kunstszene wichtige Förderung durch den Senator für Kultur. Zu Anfang waren es vereinzelte Ankäufe oder Schenkungen, dann folgte von 1981 bis 2004 die Soziale Künstlerförderung und darauf das jährliche Projektmittelverfahren, das es Künstlerinnen und Künstlern auch noch aktuell ermöglicht, Bücher als einzigartiges Kunstwerk und auch Kataloge in Auflage zu erstellen.

Das Buch als Kunstwerk tauchte Anfang des letzten Jahrhunderts in der bildenden Kunst auf und wurde für einige Künstler*innen zu einem festen Bestandteil ihrer künstlerischen Äußerungen. Immer wieder sehen sich Künstler*innen motiviert, die herkömmliche Funktion, das gewohnte Format eines Buches zu unterwandern und zu sprengen, um Preziosen zu produzieren. Auch für die Bremer Kunstschaffenden war und ist das publizierte Künstlerbuch ein wichtiges Medium, um außerhalb des Ausstellungsbetriebs ihre Kunst zu präsentieren. Kataloge sind Bücher über Kunst oder über Künstlerinnen und Künstler. Künstlerbücher sind Kunst.

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Michael Hockel ist Inhaber der Buchhandlung Albatros. Um die Zukunft des unabhängigen Buchhandels zu sichern, hat er sich Gedanken über eine Website gemacht, die es Kund*innen ermöglicht, direkt bei unabhänigen Buchhandlungen zu bestellen. Im Interview kannst du mehr über buchnah.de erfahren.