Von Kindern über das Leben lernen: Bettina Wilpert über Mutterschaft

Schriftstellerin Bettina Wilpert widmet sich in ihrem Schreiben und auf Social Media seit der Geburt ihrer Kinder vermehrt dem Thema Mutterschaft. Im Interview mit Annika Depping erzählt sie, wie das Autorinnendasein mit Kindern gelingt, welche Rolle Mutterschaft in der Literatur spielt und warum Social Media dafür wichtig ist.

Bettina Wilpert steht vor einer weißen Wand.
© Nane Diehl

In Die bärtige Frau ist es ja evident – welche Rolle spielt das Thema Mutterschaft in deinen Texten?

In meinen vorherigen Büchern hat das Thema Mutterschaft noch keine Rolle gespielt, weil ich keine Kinder hatte. Ich glaube, da kamen Kinder noch nicht einmal vor. Jetzt spielt es in meinen Texten oft eine Rolle und es wird auch immer wieder vorkommen, weil die Kinder ein großer Teil meines Lebens sind. Vielleicht wird sich das etwas ändern, wenn die Kinder wieder größer sind. Gerade versuche ich aber auch im Kinderbuchbereich Fuß zu fassen. Durch das Vorlesen für die Kinder habe ich angefangen, auch für Kinder zu schreiben. Mal sehen, wie sich das dann auf meine Texte für Erwachsene auswirkt.

Es wird Frauen ja immer Angst gemacht, dass man mit Kindern nicht schreiben könne. Aber ich lerne von meinen Kindern so viel über das Leben und das Mensch-Sein. Und das ist ja genau das, wovon ich erzählen möchte, darum sind die Kinder für mein Schreiben sehr bereichernd.

Wann hast du entschieden, dass du über Mutterschaft schreiben möchtest?

Der Ausgangspunkt für Die bärtige Frau war das Thema Geburt. Die Geburt ist eine krasse Erfahrung, die aber in der Literatur kaum vorkommt. Selbst in der Bibel wird die Geburt Jesu nur in einem Satz erwähnt. Dann im Wochenbett wurde ich von der Körperlichkeit umgehauen. Wir bewegen uns ja in einer Schicht, in der man sonst kaum körperlich arbeitet. Beide Themen wollte ich literarisch verarbeiten. Denn wenn man Geburt und Wochenbett nicht erlebt hat, dann kann man das nicht komplett verstehen.

Kann ein Text es leisten, diese Erfahrungen zu vermitteln?

Für mich hat Bücherschreiben und -lesen immer mit Empathie zu tun: in andere Welten eintauchen, Erfahrungen nachfühlen und verstehen. Aus den Rückmeldungen, die ich bei Lesungen bekommen habe, wird das deutlich. Bei Frauen, für die die Babyjahre schon lange zurückliegen, kamen beim Lesen Erinnerungen an das Wochenbett und die Stillzeit hoch. Menschen ohne Kinder haben mir erzählt, dass sie durch das Lesen von Die bärtige Frau ein Bild davon bekommen haben, wie es sein kann. Aber natürlich erhebe ich mit meinem Schreiben auch keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Wer zum Beispiel sein Kind zweisprachig erzieht, macht noch einmal ganz andere Erfahrungen.


Es wird Frauen ja immer Angst gemacht, dass man mit Kindern nicht schreiben könne. Aber ich lerne von meinen Kindern so viel über das Leben und das Mensch-Sein. Und das ist ja genau das, wovon ich erzählen möchte, darum sind die Kinder für mein Schreiben sehr bereichernd.


Wie hast du überhaupt für Die bärtige Frau recherchiert?

Ich habe sehr viel zum Thema gelesen, angefangen mit Lebenswerk von Rachel Cusk, Das Unwohlsein der modernen Mutter von Mareice Kaiser oder Barbara Vinkens Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos. Also ich habe viel gelesen, gleichzeitig ist Die bärtige Frau aber auch mein autobiografischstes Buch. Zu autobiografisch wollte ich aber nicht werden. Man hat eine Verantwortung gegenüber dem eigenen Kind, nicht zu autobiografisch zu werden, denn das Schreiben passiert ja über seinen Kopf hinweg. Dazu kamen natürlich auch Gespräche mit Freund*innen und anderen Eltern zum Beispiel aus der Krabbelgruppe, zu alltäglichen Themen wie dem Milchstau: Nimmst du da lieber Quark oder Kohlwickel? Ich wollte zeigen, dass auch das einen Platz in der Literatur verdient hat, auch wenn Marcel Reich-Ranicki das anders sehen würde.

Wie sieht das deiner Meinung nach überhaupt aus: Ist Mutterschaft inzwischen ein Thema in der Literatur?

Das Cover zeigt eine Person auf einem Gemälde.

Ja, unbedingt. Vor zwei, drei Jahren war es noch einmal mehr, da sind die Bücher von Julia Weber und Julia Friese zum Beispiel erschienen, aber heute gibt es wirklich viel Literatur zum Thema Mutterschaft. Natürlich kann das auch noch mehr werden. Kinder sind Teil des Lebens und darum sollte es auch normal sein, dass sie in der Literatur vorkommen. An den Büchern merkt man auf jeden Fall einen Paradigmenwechsel: Inzwischen gibt es weniger Scham, sich als Mutter auch zu beschweren. In der Generation meiner Mutter musste noch alles perfekt sein. Heute dürfen Frauen sagen, dass es auch anstrengend ist, sich um ein Kind zu kümmern, das hat sich durch Social Media geändert.

Wenn du Social Media ansprichst: Neben deinen Buch-Veröffentlichungen bist du unter anderem auch auf Instagram aktiv und gibst Einblicke in dein Leben als Mutter und Autorin. Was ist dir an dieser Lobby-Arbeit besonders wichtig?

Social Media war für mich eine Art, während des Babyjahres auch zu schreiben. Beim Stillen konnte ich gut einen kurzen Text ins Handy tippen und ich mag den direkten Austausch und das Feedback – das ist ja ganz anders als beim Roman! Mir ist mein Auftritt auf Social Media auch ein politisches Anliegen, denn es gibt viele Konservative und Rechte, zum Beispiel Tradwifes auf den Plattformen. Ich möchte im Diskurs intervenieren. Und auch die Mom-Bloggerinnen, die liberal eingestellt sind, produzieren teilweise viel Content zum Thema Regretting Motherhood, weil der für den Algorithmus besonders gut funktioniert. Ich finde es wichtig, auch die schönen Seiten und die Bereicherung zu zeigen, die Kinder mit sich bringen. Auch im Roman fallen darum Sätze wie „Sie war noch nie so verliebt.“ Und ich hoffe, dass das nicht pathetisch rüberkommt.


Kinder sind Teil des Lebens und darum sollte es auch normal sein, dass sie in der Literatur vorkommen. 


Ein weiteres Thema auf deinem Instagramaccount sind deine Arbeitsbedingungen: Wie lassen sich für dich Selbstständigkeit als Autor*in und Mutterschaft vereinbaren?

Ich bin extrem froh, dass das Schreiben mein Hauptberuf ist. Beim ersten Buch war ich in einem 30-Stunden-Job und habe an den Wochenenden und vor der Arbeit geschrieben. Mit Kindern würde das nicht mehr gehen. Die Kinder geben dem Tag eine Struktur, die man sich als Selbstständige sonst erarbeiten muss. Und es hat natürlich auch andere Vorteile: Zum Beispiel wenn meine Kinder krank sind, kann ich zu Hause bleiben, ohne dass meine Kolleg*innen die Arbeit auffangen müssen. Ich habe zum Arbeiten einen Schreibtisch in einem Gemeinschaftsbüro, weil ich sonst zu Hause nicht in Ruhe hätte arbeiten können, als mein Partner in Elternzeit war. Jetzt wechsle ich ab und bin einige Tage im Büro, an den anderen zu Hause. So fühle ich mich auch nicht so einsam in der Selbstständigkeit und bin mit den anderen Parteien in der Bürogemeinschaft im Austausch über verschiedene Themen, die uns alle betreffen, wie die Steuer oder die Künstlersozialkasse.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, liebe Bettina!

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