Die Schriftstellerin Annett Gröschner erhält 2026 den von der VGH Stiftung ausgelobten und mit 15.000 Euro dotierten Preis der LiteraTour Nord. Mit dieser Entscheidung würdigen Jury und Stifterin die Autorin für ihr bisheriges Werk, insbesondere für ihren zuletzt erschienenen Roman Schwebende Lasten, der 2025 im C.H. Beck Verlag erschienen ist
In der Jury-Begründung heißt es: „Der Roman ist ein eindrucksvolles Beispiel für eine fiktionalisierte Alltagsgeschichte ‚von unten‘: Indem Gröschner die Geschichte Deutschlands vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis zur Transformation nach 1990 aus der Sicht einer Arbeiterin zeigt, wirft sie einen Blick auf die Geschichte der politischen Systeme und Umbrüche, der schlichte Narrative verweigert. Die Jury hob außerdem hervor, dass Annett Gröschner nicht zuletzt deshalb so preiswürdig sei, "weil sie sich besonders in Schwebende Lasten immer wieder gegen das Vergessen stemmt.“
Annett Gröschner wird den Preis am Donnerstag, 16. April 2026, in Hannover von Dr. Ulrich Knemeyer, Vorstandsvorsitzender der VGH Versicherungen und Vorstandsmitglied der VGH Stiftung, entgegennehmen. Die für das Publikum geöffnete Preisverleihung findet in den Räumen der VGH Versicherungen, Warmbüchenkamp 8, statt. Beginn ist 19.30 Uhr. Die Laudatio hält die Buchhändlerin und Journalistin Kathrin Matern. Annett Gröschner wird aus einem eigenen, selbst gewählten Text lesen.
Möchtest du mehr über Schwebende Lasten erfahren? Hier stellen wir Annett Gröschners Roman vor:
Ein Leben wie ein Strauß bunter Blumen? So lässt sich Hanna Krauses Biografie nicht beschreiben. Und doch ist es die Liebe zu Blumen, die ihr Leben prägt: Bereits mit 16 Jahren muss sie als Blumenbinderin arbeiten. Sie lernt, welche Blume zu welcher passt, welche Geschichten Pflanzen erzählen und welche Geheimnisse von Robustheit und Anpassung sich hinter ihren Namen verbergen. Dieses Wissen wird ihr zum Wegweiser durch die unmenschlichen Wirren des 20. Jahrhunderts.
Ein zartes Pflänzchen kann Hanna nicht werden. Geboren im rauen Arbeitermilieu des Knattergebirges in Magdeburg, bleiben die Erinnerungen an ihre Eltern schemenhaft, wie hinter einer Milchglasscheibe. Von ihren Halbschwestern als billige Arbeitskraft genutzt, aber als zusätzliche Esserin unerwünscht, flieht sie in eine frühe Ehe mit Karl, den sie fälschlicherweise für einen soliden Lebenspartner hält. Zwar baut sie sich in den 1930er Jahren einen eigenen Blumenladen auf, doch unzählige Schwangerschaften, Karls Kriegsversehrtheit und politische Machtwechsel, zwingen Hanna, andere Wege zum Geldverdienen zu suchen.
Empathie, Milde oder Nachdenklichkeit – in den Überlebenskämpfen und unter den historischen Forderungen des 20. Jahrhunderts kann sich Hanna Angst, Schwermut oder Trauer nicht leisten. Und doch umgeben sie diese Gefühle – wie an einem langen Seil zieht Hanna diese Schwebenden Lasten hinter sich her, ohne je über sie zu sprechen. Als Kranführerin in der DDR blickt sie mit distanzierter Ruhe auf das Werden und Vergehen der Menschen um sie herum. Ein direkter Austausch darüber ist ihr weder möglich noch gewünscht.
Eine raue und zugleich verletzliche Geschichte über ein Arbeiter*innenleben quer durch ein Jahrhundert und an Orte, die es heute nicht mehr gibt. Poetisch klug komponiert, ohne metaphorisch überladen zu sein.
Stephanie Schaefers
Annett Gröschner
lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Fontane-Preis und dem Klopstock-Preis (beide 2021). 2024 erschien ihr gemeinsam mit Peggy Mädler und Wenke Seemann verfasster Bestseller „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“
Annett Gröschner hat im Rahmen der LiteraTour Nord im Januar 2026 auch in Bremen gelesen.