Vor vier Jahren war ich schon einmal in Izmir, eingeladen zu einem Internationalen Literaturfestival. Damals schrieb ich dort einige Gedichte, die in meinem neuen Gedichtband Ay. Die Mondin. stehen, aus dem ich heute im Goethe-Institut in Izmir lesen werde.
Izmir hieß früher Smyrna, gilt als Geburtsort von Homer und war jahrhundertelang eine sehr kosmopolitische Stadt, über ihren Hafen mit der ganzen Welt verbunden. Sie wurde deshalb im osmanischen Reich "Die Stadt der Ungläubigen" (Gavurs) genannt. Aber die Nichtmuslime, die um die Jahrhundertwende einen Großteil der hiesigen Bevölkerung ausmachten, leben nun schon über 100 Jahre nicht mehr hier. Seit der Übernahme der Stadt durch türkische Truppen und dem anschließenden großen Brand im Jahr 1922 sind sie fast ganz verschwunden. Zeichen von Vergangenheit und Verfall sind aber in der neu erbauten Stadt immer noch überall zu finden.
Ich übernachte in einem Hotel, das direkt an der Bucht von Izmir gelegen ist. Als ich morgens aufstehe, blicke ich hinaus in einen wunderschönen rosaorangefarbenen Sonnenaufgang über dem spiegelglatten Wasser der Ägäis. Vor dem Fenster steht an einem Kreisel eine Statue von Atatürk auf einem Pferd, so wie er im September 1922 nach Izmir eingeritten ist, bevor seine Soldaten die Stadt in Schutt und Asche legten. Er zeigt in die Ferne, Richtung Griechenland, von Izmir aus ist es, an der Insel Chios vorbei, nicht weit bis Athen.
Nicht weit von mir, an der Pier, drängelten sich im Jahr 1922 mehrere hunderttausend griechischstämmige Menschen, die in letzter Minute in einer spektakulären Aktion von der See aus vor den Flammen gerettet wurden und nie wieder in ihre angestammte Heimat zurückkehrten. Der große Brand in Izmir markierte den Beginn der so genannten kleinasiatischen Katastrophe und das Ende der kosmopolitischen Stadt Smyrna.
Während ich das wunderbare türkische Frühstück kahvalti esse, gucke ich aus dem Fenster. Draußen zieht eine Romafrau einen großen Karren voller Altpapier über die Straße. Neben ihr geht ihre kleine Tochter mit nackten Füßen. Es ist morgenkalt, sechs Grad zeigt das Thermometer an. Die Sonne steigt langsam hoch über das Wasser und vertreibt den leichten Dunst, der auch auf den so überaus dichtbebauten Hügeln rund um die Bucht steht.
Der Fahrer des Goetheinstituts holt mich nachmittags am Hotel ab. Er heißt Emre. Wir unterhalten uns auf Türkisch, er spricht kein Deutsch. Trotz des Ramadans sind heute viele Menschen zur abendlichen Lesung gekommen, unter anderem eine Reihe Student*innen der Ege-Universität. Sie folgen fast zwei Stunden aufmerksam dem hochinteressanten Gespräch über Lyrik und Übersetzungstechniken, das der Moderator des Abends, Professor Faruk Yücel, mit mir führt. Besonders begeistert sie meine Beschäftigung mit türkischer Lyrik; das Gedicht Ceviz Ağacı (Der Walnussbaum) des großen türkischen Dichters Nâzım Hikmet, der im Exil starb und über das wir lange reden, kennt und liebt jeder hier im Raum. Denn in der Türkei spielen Dichter und Gedichte eine große Rolle.
Als ich eines meiner Gedichte über Izmir vorlese, gibt es heftigen Zwischenapplaus.
deine sanften blauen hügel
deine sanften blauen hügel izmir
sind bis oben voll mit elenden vierteln
und das meer das sie pontus
nannten klopft wie vordem an den fuß
dieser hügel
hier ist es lau und immerlaut
die drainagen brummen die
ganze nacht
täglich wachsen häuser in die luft
vermisst du deine griechen armenier
und katholiken izmir
von deinen gipfeln gucken die moscheen
was denkst du wenn der imam
singt und sein gesang so
überaus betörend klingt
deine sanften grünen gewässer
und die möwe steigt auf von der ägäis
setzt sich auf meinen balkon
und schreit
als ich nicht lache fliegt sie davon ach
vermisst du denn nicht deine griechen armenier
katholiken izmir
etwas fehlt
sie haben ihre straßen zugeschüttet
sie haben ihre häuser abgerissen
sie haben die hügel mit elendsvierteln gepflastert
sie haben in die täler malls gebaut
der gott des vergessens tanzt
über dieser neuen stadt
die nur so wenig mit früher zu tun hat
aber eines ist immer noch da
deine sanften blauen hügel
vermisst du deine griechen armenier
und katholiken izmir
Es ist wichtig, dass die Menschen sich versöhnen und dass die Städte der Levante rund ums Mittelmeer wieder zusammenkommen, sagt Dr. Anne Schönhagen, die Leiterin des Goetheinstituts. Wir sind historisch so eng miteinander verbunden gewesen! Und dann erzählt sie mir, dass sie, die zuletzt in Washington und Moskau die Goetheinstitute leitete, Bremerin ist. Und nicht nur sie, auch die junge Leiterin der Bibliothek, Medine Kıvılcım, stammt aus Bremen. Bremen gehört als Hafenstadt eigentlich auch fast zur Levante dazu, stellen wir fest!
Am nächsten Morgen holt Emre mich wieder ab, um mich zum Flughafen zu bringen. Als wir losfahren, spielt er auf einmal eine laute Musik und strahlt mich dabei an. Das ist für dich zum Abschied, sagt er: Ceviz Ağacı, von Nâzım Hikmet, gesungen von dem türkischen Rockstar Cem Karaca, der in den Siebziger Jahren in Deutschland im Exil gelebt hat und der hier in der Türkei eine Legende ist. Wir singen beide laut mit.
Ich werde Izmir so schnell nicht wieder vergessen.
Sabine Schiffner
wurde 1965 in Bremen geboren. Sie studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und pädagogischen Psychologie in Köln. Während veröffentlichte sie erste Gedichte. Ihr erster eigener Gedichtband erschien 1994 im Emons Verlag. Kurze Zeit danach wurde ihr erstes Kind geboren und begann sie, als freiberufliche Autorin von zu Hause aus zu arbeiten. 2001 erhielt sie das Bremer Autor*innenstipendium für ihren ersten Roman Kindbettfieber. Zuletzt erschien ihr Roman Bunkerbriefe (Kellner 2025). Sabine Schiffner ist vielfach ausgezeichnet und hatte diverse Stipendien inne. Sie lebt und arbeitet zurzeit in Bremen und in Köln.
Podcast Schreibgespräche mit Sabine Schiffner