Ulrike Kleinert - Schreiben im Silikon Valley

Für Ende März ist es ungewöhnlich heiß im Silikon Valley. Schon letzte Woche kletterte das Thermometer auf über 30°. In den Vorgärten von Mountain View duftet Jasmin, die ersten Sträucher blühen. Auf der Castro Street in einer verkehrsberuhigten Zone mit Cafés, Restaurants und kleinen Geschäften sitzen die Menschen in der Sonne. 

Ich gehe am Nachmittag noch einmal am BOOKS INC vorbei, dem gut sortieret BOOK-Shop in der Castro, in dem sich einmal im Monat eine Gruppe von Schreibenden trifft. Im WRITER’S MEET-UP kommen Autoren und Autorinnen unterschiedlicher Themen und Schreibstile zusammen. Solche die erfolgreich veröffentlicht haben, treffen sich mit Newcomern. Jeff und Christie sind Mitglieder dieser Gruppe und haben sich einzeln mit mir verabredet. 

Das Foto zeigt das Schaufenster von dem Buchladen BOOKS INC
© Ulrike Kleinert

Christie schreibt an einem autobiographischen Roman, in dem auch ihre drei Jahre in Deutschland verarbeitet werden. Grundlage für ihr Schreiben sind ihre täglichen Notizen. Sie erzählt, schon ihre Mutter habe sie angehalten, jeden Tag festzuhalten, was sie erlebt hat. Aus diesem Fundus kann sie für ihren ersten Roman schöpfen. Christie hat fünf Töchter, zwei davon leben noch zu Hause. Sie war vor ihrer Familienzeit im Printjournalismus tätig und ist jetzt dabei, sich im Schreiben weiterzuentwickeln. Im Schreibprozess tut sich Überraschendes auf. Sie schreibt realistisch, schildert Beobachtungen genau, und geht von ihren Erfahrungen aus. Eine ihrer Kurzgeschichten beschreibt, wie ihre älteste Tochter auszieht, um ihr Studium aufzunehmen und welche Gefühle das bei ihr als Mutter auslöst. Beim Schreiben über ihren Vater, hat sie für sich entdeckt, dass Schreiben auch eine heilende Wirkung haben kann. Für sie ist es wichtig, das Positive zu erfassen. Ihr Schreiben ist ihre Stimme, eine starke Stimme. Eine aus der Gruppe schreibt Horror, das ist nicht ihr Thema. Sie sagt, Menschen brauchen in schweren Zeiten Hoffnung. Sie will erzählen, dass es Gutes gibt, Menschen, die da sind, einem helfen. Sie erfasst das tägliche Leben, das Individuelle. Politik ist nicht ihr Thema. 

Bei Jeff ist das anders. Er ist direkt von der Arbeit gekommen und trifft sich mit mir im Red Rock Café, einem Ort, an dem Start-ups mögliche Investoren treffen. Er ist Vater von drei erwachsenen Kindern, darunter zwei Töchtern. Die meiste Zeit seines Lebens hat er seinem Day-Job gewidmet, aber er wollte immer ein Buch schreiben. Das arbeitete lange Zeit in ihm. Die Idee zu seinen zwei Büchern kam out of the Blue, wie aus dem Blau heraus. Er arbeitet an seinem Dritten. Sein erstes Buch hat er vor der ersten Amtszeit von Trump begonnen. Eigentlich wollte er Politik raushalten, er sagt, er konnte das nicht mehr. Seine Protagonisten sind Wissenschaftlerinnen, Leader Figuren, Heldinnen. In seinem Genre, Science Fiktion, sind Frauen unterrepräsentiert. Er will Rollenmodelle für starke Frauen. Die Rechte von Frauen geraten gerade unter Druck. Seine Figuren stehen dagegen. In seinem Buch verleiht er den Frauen Kraft. Er ist überzeugt davon, dass politische Unterschiede vertreten werden können, ohne damit Schaden anzurichten. Wie Macht genutzt wird, ist ein relevantes Thema in seinen Büchern. Er schreibt über Heldinnen, die sich erheben und eine negative Dynamik brechen. Macht ist nicht automatisch gut oder schlecht. Es hängt davon, wie sie genutzt wird und für was.

Das Foto zeigt ein Plakat mit Informationen zu einem Writers Meet-Up
© Ulrike Kleinert

Er möchte nicht, dass wir von dem, was gerade auf der Welt um uns herum passiert, vergiftet werden. Erfolg ist für ihn nicht auf den finanziellen Ertrag ausgerichtet. Das Schreiben ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Er schreibt seine Bücher zuerst für sich selbst, aber auf eine Weise, die andere erreichen und packen soll. Er veröffentlicht im Selbstverlag und hat unglaublich viel dabei gelernt. Er weiß jetzt, wie ein Buch veröffentlicht werden kann, was alles dazu gehört und wie es verbreitet wird. Seiner ältesten Tochter, die englische Literatur studiert hat, hat er seine ersten Textstellen geschickt. Er wollte wissen, ob sie wert sind, daraus ein Buch zu machen. Sie hat ihn unterstützt, wie auch viele Freunde von ihm. Ihm ist es wichtig, eine Gruppe zu haben, ein Netzwerk. 

Das Treffen der Schreibenden im Books Inc ist so ein Netzwerk. Die Teilnahme ist voraussetzungslos, alle Themen, alle Arten zu schreiben können eingebracht werden. Es geht um gegenseitige Unterstützung, einem gemeinsamen Wachsen an der Textarbeit. 

Nächsten Monat ist es wieder so weit. An dem langen Tisch am hinteren Teil des Buchladen werden alle Teilnehmer*innen ihren Platz finden. 

Auf ihrem Weg zu diesem Tisch werden sie an dem Ständer mit der aktuellen Auswahl von Banned Books vorbeikommen, den Büchern, die aktuell aus unzähligen Bibliotheken in den USA verbannt wurden. Heute steht wieder ein Buch von einer Nobelpreisträgerin dort: The Bluest Eye, von Toni Morission. 

  • Jeffrey Hallett aus der Beacon of Hope Serie: https://www.dragonstrovepress.com/
  • Our Neighborhood Nonna: Short Reflections on a Long Life Taschenbuch – 1. August 2024 von Christie Robins Watson

Ulrike Kleinert

wurde 1955 in Delmenhorst geboren. Sie hat in Bremen und Kiel Sozialpädagogik studiert und war in Bremen als Leiterin von Kitas tätig. Erste Veröffentlichungen von ihr gab es in den Siebziger Jahren u.a. beim Fischer Verlag. Ihre Gedichte und Kurzgeschichten sind in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen. Von ihr sind zwei Lyrikbände und zwei Bände mit Kurzgeschichten beim Geest Verlag, Vechta, veröffentlicht worden. Ihr dritter Band mit Kurzgesch/ichten ist 2021 beim Kellner Verlag, Bremen, erschienen. Ihr erster Roman Das Eisblumenzimmer erschien 2023 ebenfalls im Kellner Verlag. Ihr zweiter Roman Erinnerungsfunken ist im November 2025 veröffentlicht worden. Auch Projekte mit Kindern gehören zu ihrer literarischen Arbeit. Eines der zwei Bücher, die so entstanden sind, ist Bella Balls Weg zur Wolke

Sie ist Mitglied des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Verdi und aktiv bei den BücherFrauen, Women in Publishing e.V..

Zum Autorinnenprofil von Ulrike Kleinert

Porträt von Ulrike Kleinert
© Albrecht-Joachim Bahr

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