Lesezeichen: Nele Miesner

Das Bild zeigt ein Paket gefüllt mit Luftpolsterfolie.
© Rike Oehlerking

Unter der Rubrik „Lesezeichen“ veröffentlichen wir regelmäßig Gedichte, Kürzestgeschichten und Miniaturen von Bremer Autor*innen zu unserem jeweiligen Monatsthema. Für jüngere Autor*innen ist dies manchmal eine erste Möglichkeit, eigene literarische Texte einem Publikum zu präsentieren. Die Bremer Nachwuchsstipendiatin Nele Miesner hat die Gelegenheit genutzt, sich im April kritisch und poetisch mit dem Thema Konsum in Zeiten von Social Media, Online-Shopping und Dauerversuchung auseinanderzusetzen. Viel Spaß beim Abtauchen in dieses clever gewebte Gedicht.

Jens Laloire

Bremer Szene und Autor*innenförderung Literaturhaus Bremen

hungrig einkaufen
Von Nele Miesner

stapel von büchern
übers nichts kaufen
endlosscrollen durch shorts
#deinfluencing und #frugalliving
podcasts mit gratitute im titel
minimalismus no-buy-year degrowth
kurzum
ich konsumiere den anti-konsum
bis ich mir selbst zum hals raushänge

will
das handy an die wand
alle versprechen brechen
bis das verzehren ins leere läuft
der algorithmus mich vergisst
synapsen gelöscht
die handaugenkoordination
den weg zum warenkorb
verlernt

leben ist
hungrig einkaufen
in dauerschleife
das habenwollen
dabei immer nur ablenkung
übersprung ersatz
die noise cancelling kopfhörer
für endlich verdammte ruhe beim denken
das kleid
fürs mich schön finden
das scrapbook starter set
für endlich auch
ein hobby haben
doch was kaufe ich
wenn ich hunger habe
nach echten gesichtern
nach unscripted gefühlen
nach zeit die sich verplempern lässt
nach dem einen magischen problemradierer

das paket einmal geöffnet
nie ganz das
was wir haben wollten
aber gerade gut genug
um drei stunden
drei minuten
sekunden
glück zu suggerieren
die schlechte laune
die uns kollektiv
rhetorisch plakativ
in die neu gekauften
schuhe geschoben
paradebeispiel
für reverse psychology

mit verlaub
ich verleibe mir ein
einen pastateller
high protein glutenfrei
als aperitif livetickerpings
ohne kontext
stündlich
die neuesten mikrotrends
kredenzt mit einer vinaigrette
aus retourenscheinen und bereuen
zum nachtisch einen cocktail
mit einem schuss
blutrotem schamgefühl
und dabei
immer der gedanke es wäre
unersetzlich
ich unverletzlich
ein verzicht unrechtmäßig
und überhaupt
unhöflich

beim schreiben allein
öffnet meine hand
sechs mal
die vinted app
(immerhin)
ich folge
ewig ständig
immer wieder
dem ruf des
ichbrauchnoch-wesens
das in mir hockt
dem ich auf die schnauze hau
bis es minuten später
eins a konditioniert
wieder winselnd
vor mir sitzt


Nele Miesner
© Lara Miesner

Nele Miesner

wurde 2000 geboren und ist in Grasberg bei Bremen aufgewachsen. Nach einem Studium der Weltliteratur in Göttingen hat sie ihren Master in Transnationaler Literaturwissenschaft an der Universität Bremen absolviert und währenddessen an zahlreichen Schreibseminaren teilgenommen. Erste Texte hat sie im digitalen Literaturmagazin Bremen und im Rahmen des Bremer Literaturwettbewerbs 2023 in der Anthologie Treffpunkt Freimarkt (Kellner Verlag) veröffentlicht. 2024 hat sie gemeinsam mit Leyla Bektaş einen Letter to the Youth für die Jahreshauptversammlung des UNESCO Creative Cities Netzwerkes verfasst. 2024 wurde sie für ihr Projekt Moorlinsen mit dem Nachwuchsstipendium des Bremer Autor*innenstipendiums ausgezeichnet.

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