Maria Popov ist Journalistin, Moderatorin und Autorin und hat mit ihrem Buch Kein Bock Club ein Sachbuch herausgebracht, das sich mit dem Thema Sex und insbesondere sexueller Unlust beschäftigt, die ebenfalls zum Thema Sex gehört. Im April war sie bei OUT LOUD zu Gast und hat Sinja Konduschek im Interview noch ein wenig mehr über ihr Buch und auch das Thema Körper erzählt.
Hallo Maria, in deinem Buch schreibst du über die Überbewertung von Sex und dass es total okay ist, keinen Bock zu haben. Kannst du uns einmal erzählen, wie es dazu kam, dass du das Buch geschrieben hast?
Ja, ich beschäftige mich als Journalistin schon seit zehn Jahren mit verschiedensten Themenschwerpunkten wie Popkultur und Politik, feministischen Themen und auch Diskriminierungserfahrungen und habe mich auch sehr viel mit Aufklärung beschäftigt. In meinen Jahren von Auf Klo war das besonders populär, dass ich auch als Person bekannt war, die auf eine tabulose Art und Weise Themen rund um Sex, Liebe und Beziehungen spricht. Damals schon kamen Verlage auf mich zu, die meinten, ob ich nicht mal ein Buch schreiben möchte. Ich hatte aber ehrlich gesagt Schiss davor, weil die Sachbücher, die ich mag, auch immer einen persönlichen Anteil haben, gerade bei Themen, die schambehaftet sind. Das ist es, was es für mich manchmal erst spannend macht. Ich wusste sofort, dass ich über sexuelle Unlust schreiben möchte. Und dann dauerte es ein paar Jahre und ich habe Bücher zu dem Thema in der Sachbuchlandschaft vermisst und dachte erst, dass der Diskurs aus der sexpositiven Bubble in Deutschland nachziehen würde, weil ich in den UK schon einiges gesehen hatte. Und als es immer mehr Jahre dauerte und ich auch sicherer mit mir war und mehr Selbstbewusstsein dazu gewonnen hatte, wusste ich, dass ich auf jeden Fall Lust hatte, der LGBTQIA+ Community auch etwas zurückzugeben und selbst ein Thema in den Mainstream zu setzen.
Für das Buch hast du viel recherchiert. Wie kann man sich den Schreibprozess zum Buch vorstellen?
Also als Journalistin, gerade mit meinem Hintergrund der Medienwissenschaft, fällt mir das wissenschaftliche und journalistische Schreiben leicht. Der Unterschied ist, dass in den online Formaten, die ich sonst nutze, Videos und Podcasts, innerhalb von wenigen Wochen schon das Licht der Welt erblicken. In diesem Fall habe ich mich gefreut, ein Jahr lang Zeit zu haben und mich jeden Tag an den Text setzen zu können. Und ich hatte vorher schon eine klare Gliederung von Kapiteln, damit man weiß, wo der Anfang, der Mittelteil und der Schluss ist und welche persönlichen Geschichten aus meinem Leben im Buch stehen sollen. Es wurde ein wilder Wirrwarr an Studiensuche und ich habe viel in einer Bibliothek in Berlin Wedding an meinem Buch geschrieben – viel ist aber auch hier in meinem Wohnzimmer entstanden mit sehr viel Kaffee und einem Arbeitsalltag zwischen 8 Uhr morgens und 15 Uhr nachmittags, ich bin wirklich keine Nachteule.
In der englischsprachigen Sachbuchliteratur gibt es einige Bücher zur Bocklosigkeit und zum Spektrum der Asexualität. Dein Buch gehört zu den wenigen deutschsprachigen Veröffentlichungen zu diesen Themen. Was glaubst du: Welche Bedeutung hat Kein Bock Club für deine Leser*innen? Wie wurde dein Buch im Feuilleton besprochen?
Mir selbst die Bedeutung zuzusprechen, fällt mir ehrlich gesagt ein bisschen schwer. Woran ich das festmachen kann, ist natürlich an den individuellen und persönlichen Geschichten, die Leute mir bei Lesungen erzählen, mir bei Instagram in Nachrichten schreiben oder in Rezensionen von sich erzählen.
Das sind berührende Erfahrungen, die Menschen da teilen. Von Personen, die zehn Jahre Sexualtherapie gemacht haben, aber der Knoten noch nicht so geplatzt sei, wie jetzt beim Lesen von meinem Buch. Oder Menschen, die gerade eine Chemotherapie machen und ihnen dadurch erst auffällt, wie absurd es ist, dass sie sich die ganze Zeit Sorgen um das Sexleben ihres Partners machen, statt um die eigene Gesundheit und ihr Leben. Das sind Frauen, die mir erzählen, dass mein beschriebenes kein Bock auf Sex haben auch zusammenläuft mit einem kein Bock auf Männer haben. Dass sie jetzt gerade in diesen Zeiten von Gisèle Pelicot oder Trump auch politisch enthaltsam sein wollen, sich aber nicht sicher sind. Also ich glaube, wir leben gerade in einer Zeit, in der viele Frauen, gerade feministische Frauen eigentlich keinen Bock mehr auf Männer haben, aber sich auch nicht so sicher sind, ob sie das dürfen.
Und diese Rückmeldungen von Leser*innen und auch aus der Presse zu haben und zu merken wie viel Aufholbedarf es da eigentlich gibt, hat mir die Bestätigung gegeben, dass ich auch dafür das Buch geschrieben habe.
Diesen Monat dreht sich bei uns alles um das Thema Körper. Was können wir aus deinem Buch in Bezug auf Körper mitnehmen? Welchen gesellschaftlichen Blick auf Körper würdest du dir wünschen?
Mein Hot-Take des Buches ist ja: kein gesundes Leben und keine gesunden Beziehungen brauchen Sex. Sex ist nicht der Marker, an dem wir festmachen, ob wir liebenswert oder vollständig sind. Und leider steckt das immer noch so tief in den Glaubenssätzen, die wir weitergeben und da fragt man sich, warum denn? Und wie so oft liegt die Antwort im Patriarchat. Besonders weibliche und queere Körper werden immer noch kontrolliert und damit geht eine gewisse Vorherrschaft einher, die dann auch bis zu Fragen im Kapitalismus greifen, also sich eine Machtfrage stellt.
Wenn wir fragen, warum ist Unlust so sehr tabuisiert, obwohl sie doch zu jedem Leben dazugehört, auch zu denen, die sagen würden, dass sie mega viel Bock haben. Sogar die müssen sich schämen, wenn sie mal ein paar Wochen keinen Bock hatten und sich dann fragen, ob sie etwas ändern müssen.
Und ich finde es so erschreckend, dass es so tief in unsere Strukturen hineingeschrieben ist. Wie kann es sein, dass die Zahl an Menschen, die Verlegenheitssex haben, also den Sex bei dem Menschen eher ja sagen, weil das Nein ein bisschen zu kompliziert scheint, so hoch ist? Und ich bin mir sicher, dass jede Frau, die ein aktives Sexleben hat, schon einmal ja gesagt hat, weil das Nein zu umständlich war, weil uns gesellschaftlich beigebracht wurde, dass es leichter ist die Kontrolle auf unseren Körper mitzumachen, als sich dagegen zu wehren. Und ich kriege jetzt schon wieder Gänsehaut, wenn ich das sage, weil das doch nicht wahr sein kann, dass wir das auch in einer feministischen Bubble noch nicht hinterfragt haben und es nicht mit diesem Thema der Bocklosigkeit verknüpft ist und es noch so schwierig ist, in dieser Scham auszuharren, wenn wir uns fragen, ob wir auch mal keine Lust haben dürfen.
Was möchtest du Personen mitgeben, die möglicherweise Performancedruck verspüren, weil sie wenig Bock auf Sex haben und vielleicht sogar überlegen, ob sie sich auf dem Spektrum der Asexualität befinden?
Eigentlich möchte ich da hinkommen zu lernen, dass man dafür applaudieren darf. Für die Menschen, die das jetzt gerade lesen und sich selbst fragen, ob sie asexuell sind, ist es oft mit einer Angst verknüpft, dass es wahr sein könnte. Und wenn sie sich umgekehrt aber mal in Situationen befinden, wo sich zum Beispiel ein Freund getraut hat, sich das erste Mal im Freundeskreis zu outen, dann geben wir diesem Freund ein gutes Gefühl und fühlen uns geehrt, dass er uns das anvertraut, und beglückwünschen ihn zu dieser Reise, auf der er sich gerade befindet.
Und genau das gleiche möchte ich Menschen auch mitgeben, die sich gerade auf einer Reise befinden, herauszufinden inwiefern gehöre ich zum kein Bock Club? Inwiefern ist das freiwillig oder unfreiwillig? Möchte ich dableiben? Und da kann ich wirklich nur sagen: „Glückwunsch du befindest dich gerade auf einer Reise näher zu dir selbst.“ Und was dabei herauskommt und ob du das in fünf Jahren anders siehts, das musst du jetzt noch gar nicht wissen. Niemand muss schon wissen. Man ist Menschen, besonders Partner*innen, keine Rechtfertigung schuldig und auch keinen Ausblick, was in ein paar Jahren ist.
Das hast du schön gesagt! Vielen Dank für das Interview!