AvivA: Ein Verlag für die Bibliodiversität

Britta Jürgs verlegt im AvivA Verlag seit 25 Jahren Bücher von Frauen, die bisher zu kurz gekommen sind, um die Bibliodiversität zu fördern. Während der feministischen Buchwoche ist die Verlegerin zu Gast in Bremen. Im Interview mit Annika Depping erzählt sie mehr über den Kanon, weibliche Perspektiven und die Zukunft.

Viele denken ja, Frauen hätten früher einfach keine Bücher geschrieben. Das stimmt aber nicht, oder?

Nein, das stimmt natürlich absolut nicht. Und das gilt nicht nur für das 19. oder das beginnende 20. Jahrhundert. Die Schriftstellerin und Philosophin Christine de Pizan, deren Buch von der Stadt der Frauen von 1405 gerade bei uns neu erscheint, herausgegeben und in einer überarbeiteten Übersetzung von Margarete Zimmermann, war die erste europäische Autorin, die vom Schreiben leben konnte. Ihr Buch von der Stadt der Frauen ist eine kluge und witzige Streitschrift gegen die Flut von Hatespeech aus der Feder frauenfeindlicher Autoren und ein frühes Beispiel feministischer Literaturkritik. Und es ist ein in viele Sprachen übersetzter und nun endlich auch auf Deutsch wieder verfügbarer Klassiker der Weltliteratur.

Britta Jürgs
© Klara-Emilia Kajdi

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Wie entdecken Sie denn diese Bücher dann wieder?

Das Buch von der Stadt der Frauen kenne ich schon sehr lange und wollte einfach gerne, dass es wieder verfügbar ist – und die Herausgeberin und Übersetzerin Margarete Zimmermann freute sich sehr über meine Anfrage, ob sie sich vorstellen könne, das Buch neu herauszugeben. Bei anderen Büchern kann das aber auch mal ein Antiquariatsfund sein, den ich selbst mache, das können Bücher sein, in denen von anderen Büchern und Autorinnen die Rede ist, das sind aber auch häufig Anregungen und Empfehlungen von Herausgeber:innen oder Übersetzer:innen.

Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, dass diese Bücher wieder gelesen werden? Und warum wurden sie es so lange nicht, oder teilweise auf Deutsch auch noch gar nicht verlegt?

All diese Bücher erweitern unseren Horizont um weibliche Perspektiven und bislang vernachlässigte Aspekte und Schätze des kulturellen Erbes.


Wir haben einen großen Nachholbedarf gerade an Büchern von Autorinnen, die immer wieder durch das Raster fielen und aus dem Kanon und aus der Geschichte geschrieben wurden.“


Ein Schwerpunkt des Verlages widmet sich ja den Büchern jüdischer Autorinnen der 1920er und 1930er Jahre, um diejenigen sichtbar zu machen, die verfolgt, vertrieben oder gar, wie Lili Grün, ermordet wurden. Wir haben einen großen Nachholbedarf gerade an Büchern von Autorinnen, die immer wieder durch das Raster fielen und aus dem Kanon und aus der Geschichte geschrieben wurden. Sie werfen nicht nur neue Perspektiven auf ihre Zeit, sondern auch auf unsere Gegenwart und ich liebe ihren Ton, ihren Witz, ihre Schreibweisen – und ihre erstaunlich modern anmutenden Frauenfiguren.

Es gibt allerdings in meinem Verlagsprogramm nicht nur Wiederentdeckungen, sondern auch Sachbücher, Porträtbände und Biografien, die natürlich ganz neu geschrieben wurden und keine Wiederentdeckungen oder Erstübersetzungen sind.

Wie kamen Sie denn auf die Idee, einen Verlag zu gründen?

Ich wollte das machen, was ich selbst auf dem Buchmarkt vermisst habe. Das waren zum einen Biografien und Porträtbände über interessante, aber oft kaum oder zu wenig bekannter Frauen: Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Tänzerinnen, Designerinnen und viele mehr. Und es gab so viel Nachholbedarf, was die Werke von Schriftstellerinnen angeht, denen ich mich deshalb seit der Verlagsgründung vor über 25 Jahren vor allem widme. Ursprünglich ging es mir vor allem um die 1920er und 1930er Jahre, aber inzwischen gibt es in einem Programm neben der anfangs bereits erwähnten Christine de Pizan, der Autorin aus dem Spätmittelalter, mit Aphra Behn auch eine großartige und bedeutende englische Schriftstellerin des 17. Jahrhundert – und als eine der jüngsten Wiederentdeckungen den großartigen Roman Illusionen aus dem Jahr 1959 von Ruth Rehmann, die im vergangenen Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Unser Thema im Mai ist die Zukunft. Braucht es in der Zukunft Verlage, die die Romane von Frauen aus unserer Gegenwart wiederentdecken, weil die nicht kanonisiert wurden?

Wir können nur hoffen, dass sie in der Zukunft nicht mehr benötigt werden, aber im Moment sieht es trotz aller positiver Entwicklungen noch nicht danach aus. Die Pilotstudie Frauen zählen hat gezeigt, dass männliche Namen den Rezensionsbetrieb dominieren und dass als intellektuell oder als maskulin empfundenen Genres immer noch von Autoren wie Kritikern vereinnahmt werden.  Ich wünsche mir noch mehr Bücher, die von vielfältigen Lebensweisen und Perspektiven erzählen – und eine nachhaltige Bibliodiversität.

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